"Wer hat unseren Sohn gesehen?" 20-Jähriger verschwindet am Neujahrsmorgen

Leisnig - Es ist der Alptraum für jede Familie: Plötzlich ist ein Familienmitglied spurlos verschwunden. So wie der 20-jährige Christian M. (20) aus Leisnig (bei Döbeln), der seit Neujahr nicht mehr aufgetaucht ist (TAG24 berichtete). Er ist einer von 373 Personen, die aktuell auf der sächsischen Vermisstenliste stehen. Was wird getan, um sie zu finden und wie gehen ihre Familien, Angehörigen und Freunde mit der quälenden Ungewissheit um?

Keine Spur von Depressionen: Christian gilt als fröhlich, liebt Familienhund Bo (6) und ist - wie hier im Anzug mit Schwester Sarah (22, r.) für jede Kasperei zu haben.
Keine Spur von Depressionen: Christian gilt als fröhlich, liebt Familienhund Bo (6) und ist - wie hier im Anzug mit Schwester Sarah (22, r.) für jede Kasperei zu haben.  © privat

Sein Zimmer sieht aus, als würde Christian M. (20) jeden Moment zur Tür hereinkommen. Auf dem Schränkchen stehen noch die Weihnachtsgeschenke. Im Hintergrund spielt die Lieblings-Rap-Musik. In seiner Lieblings-Cappuccino-Tasse steckt eine brennende Kerze. Doch Christians Eltern sind verzweifelt. "Unser Sohn ist seit dem Neujahrstag spurlos verschwunden."

In der Silvesternacht hatte Vater Dirk M. (47) zuletzt mit ihm telefoniert: "Wir haben sogar noch Pläne für einen Sommerurlaub in Italien besprochen." Es war das letzte Mal, dass er die Stimme seines Sohnes hörte. Christian feierte ein paar Häuser weiter mit etwa 20 Freunden Silvester am Schlossberg. Zur Geisterstunde zogen sie mit Raketen und Sekt auf den Leisniger Marktplatz. Dort wurde auch das bislang letzte Handyfoto von Christian geschossen.

Dann wollte er eigentlich bei den Freunden übernachten. Doch er muss es sich wohl anders überlegt haben. Im elterlichen Grundstück wurde anderntags jedenfalls seine Tasche mit Schlafsachen, Deo, Unterwäsche, Socken und Handtuch gefunden.

Als eines der letzten hat ihn ein betagtes Ehepaar gesehen. Den beschwipsten Rentnern halfen Christian und eine Freundin in der Nacht über die Mulden-Fußgängerbrücke nach Hause. Sie steckten ihm dafür sogar 5 Euro zu. Der Geldschein steckte noch in Christians Jacke. Die fanden Anwohner am Neujahrstag auf der Brücke. Unter der Jacke waren unter anderem Christians Personal- und Studentenausweis, der Führerschein und die IKK-Krankenkassenkarte abgelegt. Autoschlüssel und Zulassung steckten in den Jackentaschen. Doch sein Portmonee, Geldkarte und Handy fehlen. "Das Telefon hat sich zuletzt um 4.20 Uhr in eine örtliche Funkzelle eingeloggt", hat Vater Dirk erfahren.

Warum lagen auf der Leisniger Fußgängerbrücke über die Mulde Christians Jacke und Dokumente? Seine Eltern haben noch einen Knaller aus der Silvesternacht gefunden.
Warum lagen auf der Leisniger Fußgängerbrücke über die Mulde Christians Jacke und Dokumente? Seine Eltern haben noch einen Knaller aus der Silvesternacht gefunden.  © Kristin Schmidt

Seitdem fehlt von Christian jede Spur.

Die Eltern, die beiden Geschwister Sarah (22) und Elias (13) und seine Freunde rätseln über ein Motiv des plötzlichen Verschwindens. Liebeskummer, Drogen, Versagensängste beim Studium, Spielschulden, Suizidgedanken oder eine schlimme Diagnose - das alles sind die Eltern in schlaflosen Nächten zigmal durchgegangen. Und es wurde von seiner Hausärztin, Freunden und Bekannten ausgeschlossen.

Ist Christian vielleicht Opfer eines Verbrechens, ausgeraubt und von der Brücke gestoßen oder entführt worden? "Weil die Polizei vorrangig von einem Vermisstenfall ausging - Christian könne Suizid begangen haben oder wollte ein paar Tage abtauchen - haben wir am 7. Januar Anzeige wegen des Verdachts einer Straftat bei der Staatsanwaltschaft gestellt", sagt Vater Dirk.

Eine Tasche gibt weitere Rätsel auf

Dirk M. "Christians Sporttasche stand da, wo nur er sie hingestellt hätte."
Dirk M. "Christians Sporttasche stand da, wo nur er sie hingestellt hätte."  © Kristian Schmidt

Die Eltern fanden am Neujahrstag Christians Sporttasche in der heimischen Garage. "Sie war genau dort abgestellt, wo sie auch steht, wenn wir gemeinsam zum Fußballtraining fahren. Er muss also am frühen Morgen noch einmal selbst zu Hause gewesen sein", schlussfolgert sein Vater. "Aus der Tasche fehlt auch nichts", hat Mutter Susan geprüft.

Doch die Tür vom Grundstück war nicht - wie sonst üblich - abgeschlossen. Der Verdacht: Vielleicht hat Christian bemerkt, dass er sein Portmonee oder Handy vergessen oder verloren hatte und ist noch einmal überstürzt den Weg zurück in die Stadt gelaufen. Um sie zu suchen.

Oder wollte er sich noch mit jemandem treffen? Diese Theorie wird durch eine Aufnahme der Überwachungskamera des REWE-Marktes in der Nähe des elterlichen Hauses bestärkt. Die hat gegen 4.05 Uhr einen großen Mann (Christian ist 1,87 Meter groß) in dunkler Bekleidung aufgenommen, der Richtung Stadt läuft.

"Keine hinlänglichen Beweise für eine Straftat": Auch die Suchaktion nach Christian M. in der Mulde blieb bislang erfolglos.
"Keine hinlänglichen Beweise für eine Straftat": Auch die Suchaktion nach Christian M. in der Mulde blieb bislang erfolglos.

"Wir ermitteln in alle Richtungen", sagt Polizeisprecherin Jana Ulbricht (41).

Die Mulde wurde mit Spürhunden und Tauchern abgesucht, über der Gegend kreisten Hubschrauber. Die Polizei befragte auch Kommilitonen und Lehrer in Bernburg (Sachsen-Anhalt), wo Christian seit vergangenem Jahr Landschaftsarchitektur studiert - ohne Ergebnis. Sogar zum Leipziger Südfriedhof wurde eine Streife geschickt, wo Christians bester Freund vergangenes Jahr begraben wurde. Ulbricht: "Es gibt nach wie vor keine Anhaltspunkte für eine Straftat."

Einen konkreten Hinweis auf Suizid gibt es aber auch nicht. "Wir sitzen zwischen Hoffen und Bangen, können auch nicht trauern, weil es nichts zu betrauern gibt", sagt Mutter Susan. Christians Bruder Elias ist inzwischen in psychotherapeutischer Behandlung. Die tapfere Familie hat überall Suchplakate aufgehängt, steht täglich per Mail mit der Polizei für Nachfragen in Kontakt. Vater Dirk: "Wir wollen uns später nicht vorwerfen, nicht alles erdenklich Mögliche unternommen zu haben."

Jetzt hofft die tapfere Familie auf ein Wunder: "Christian, melde dich! Egal, was passiert ist. Wir werden dir nicht böse sein."

"Die Ungewissheit ist unerträglich": Susan (48) und Dirk M. (47) haben seit nunmehr einem Monat kein Lebenszeichen von ihrem Sohn Christian (20). Die Eltern wünschen sich, dass die Polizei gleichgewichtiger und auch in Richtung Straftat ermittelt.
"Die Ungewissheit ist unerträglich": Susan (48) und Dirk M. (47) haben seit nunmehr einem Monat kein Lebenszeichen von ihrem Sohn Christian (20). Die Eltern wünschen sich, dass die Polizei gleichgewichtiger und auch in Richtung Straftat ermittelt.  © privat

Titelfoto: Kristin Schmidt

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