Nazi-Skandal: Geraubte Bücher von Juden in Berliner Bibliothek

Berlin - Einst wurden sie ihren Besitzern entrissen und verscherbelt – und doch geht ihre Geschichte nicht verloren: Geraubte Bücher von Juden und anderen Verfolgten der Nazis erzählen Rührendes.

Zig tausende geraubte Bücher tauchen in Berlin auf (Bildmontage)
Zig tausende geraubte Bücher tauchen in Berlin auf (Bildmontage)  © DPA

Betritt Sebastian Finsterwalder die Bibliothek, sieht er Regale voller Fragezeichen. So nennt er das zumindest. Denn von der Zentral- und Landesbibliothek weiß er etwas, was viele gar nicht ahnen: Ein großer Teil der ausgestellten Bücher gehört eigentlich gar nicht der Bibliothek.

Vor über 74 Jahren mussten Juden und andere Verfolgte ihre Bücher auf der Flucht vor den Nationalsozialisten zurücklassen oder verkaufen. Hunderttausende davon. Mindestens.

Die zu finden, ist Sebastian Finsterwalders Job. Jeden Tag durchblättern er und sein Team die Exponate der ZLB. Bei mehreren Millionen Büchern eine (Berufs-)Lebensaufgabe.

Bereits 2002 startete die Aktion, damals noch auf reinen Verdacht und als Einzelprojekt. Erst nach zahlreichen Funden, gab es 2009 Fördergelder und ein Team, das sich ganz der Suche widmen konnte – und dies bis heute tut.

Ähnliche Fundstücke ließen sich in fast jeder Bibliothek in Deutschland und Österreich machen, erklärt Finsterwalder. Wichtig wäre ihm vor allem eine bessere Vernetzung. Denn Bücher reisen, werden weitergegeben oder verkauft. Und je weiter das Buch kommt, desto schwieriger wird die Recherche.

Auf lootedculturalassets.de finden sich viele Funde der Forscher "Vor einem Jahr ging es um Dich. Heute geht es um uns. Dein Albertchen. Berlin, den 10. Juni 1922"
Auf lootedculturalassets.de finden sich viele Funde der Forscher "Vor einem Jahr ging es um Dich. Heute geht es um uns. Dein Albertchen. Berlin, den 10. Juni 1922"  © lootedculturalassets.de

Doch wie findet man nach über 80 Jahren heraus, ob ein Buch seinem Besitzer mit Gewalt entrissen wurde?

Fast in Vergessenheit geratene Traditionen retten die Erinnerung: Widmungen und Exlibris (Persönliche Stempel mit dem Namen des Besitzers) waren damals gang und gäbe. Heute führen sie die Raubgut-Forscher zu den Nachkommen und damit rechtmäßigen Besitzern.

So finden Finsterwalder und sein Team neben simplen Namensstempeln auch persönliche Notizen, die man im Anbetracht der Geschichte, durchaus als herzzerreißend betrachten kann. In einem Buch stehen etwa diese Zeilen, die ein Albert seiner Liebsten schrieb:

"Vor einem Jahr ging es um Dich. Heute geht es um uns. Dein Albertchen. Berlin, den 10. Juni 1922"

Es war damals üblich die Bücher mit Stempeln zu kennzeichnen. "Exlibris" nannte man solche Eintragungen
Es war damals üblich die Bücher mit Stempeln zu kennzeichnen. "Exlibris" nannte man solche Eintragungen  © lootedculturalassets.de

Finsterwalder erinnert sich auch an ein Sparbuch, das zwischen den Seiten eines Buches versteckt war "Das gehörte einem kleinen Mädchen.", erzählt Finsterwalder. Eine Reichsmark war noch darauf. Die Recherchen der Forschers zeigten, dass der Vater des Mädchens wohl ein Schuster war, dessen Geschäfte nicht gut liefen. Die Ersparnisse des kleinen Mädchens mussten darum, bis auf eben jene Reichsmark, für die Flucht abgehoben werden. Die gelang jedoch nicht: das Mädchen wurde nach Auschwitz deportiert.

Diese Recherchen dauern lange und sind aufwendig, für die Nachkommen der Beraubten und Ermordeten aber häufig ein wichtiges Puzzleteil in ihrer persönlichen Geschichte. So konnte im Fall des deportierten Mädchens eine Angehörige in Kalifornien ausfindig gemacht werden – die dadurch überhaupt erst von der Geschichte ihrer Familie erfuhr!

"Es geht nicht um das Buch an sich. Es geht um die Geschichte dahinter", sagt Sebastian Finsterwalder dazu. Leider sind längst nicht in jedem Buch Hinweise versteckt und so werden in den Regalen wohl einige der Fragezeichen für immer bestehen bleiben.

"Der lieben Muki zu Ihrem 29ten Geburtstage. Dein Leo. Wien 20. November 1937"
"Der lieben Muki zu Ihrem 29ten Geburtstage. Dein Leo. Wien 20. November 1937"  © lootedculturalassets.de
"... Es macht mir Freude, Dir Freude zu bereiten. In Dankbarkeit und Verehrung. Berlin, 29.8.30. Fritz"
"... Es macht mir Freude, Dir Freude zu bereiten. In Dankbarkeit und Verehrung. Berlin, 29.8.30. Fritz"  © lootedculturalassets.de
"Wenn auch weit von dir entfernt, so denke ich doch stets an Dich. Von Deinem Bruder Hans als er in Montreux war. Montreux, den 12. Juli 1936"
"Wenn auch weit von dir entfernt, so denke ich doch stets an Dich. Von Deinem Bruder Hans als er in Montreux war. Montreux, den 12. Juli 1936"  © lootedculturalassets.de
Exlibris: "Nik Welter"
Exlibris: "Nik Welter"  © lootedculturalassets.de

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