Mit über 60 noch im Tor: Dieser Keeper-Opi macht Manuel Neuer und Co. was vor

Mainz - Reza Parsaei schmunzelt, als er sich sein türkisfarbenes Torwartshirt überstreift. "Irgendwann müsst ihr mir dabei helfen", sagt er zu seinen Vereinskollegen. Den Passus wolle er irgendwann in seinen Vertrag aufnehmen lassen. Parsaei, gebürtiger Iraner, zählt 61 Lenzen und ist mit Abstand der älteste aktive Spieler in seinem Team, der zweiten Mannschaft des FC livingroom Mainz - und wohl auch weit darüber hinaus.

Aufgrund seiner Arbeit in Frankfurt erscheint Reza Parsaei nie zum Training, fit für jedes Spiel ist er trotzdem.
Aufgrund seiner Arbeit in Frankfurt erscheint Reza Parsaei nie zum Training, fit für jedes Spiel ist er trotzdem.  © dpa/Andreas Arnold

Der Verein kickt in der C-Klasse Mainz-Bingen West 1 und 2 und will mit seinem ersten Team in der kommenden Saison endlich den zuletzt zweimal in der Relegation knapp verpassten Aufstieg schaffen - sieben Jahre nach der Gründung. Reza Parsaei ist von Anfang an dabei, erst kickte der Verein auf einem Schotterplatz nahe dem Mainzer Hauptbahnhof, mittlerweile auf einem Kunstrasenplatz im Stadtteil Marienborn. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht.

Ob Parsaei in der Region tatsächlich der älteste Keeper ist, kann weder der Fußballverband Rheinland, noch der Südwestdeutsche Fußballverband mit Gewissheit sagen. Bei ersterem heißt es, es lägen nur Registrierungen von Spielern vor. Ob die letztlich noch aktiv seien, lasse sich nicht erkennen.

Beim DFB, dessen Portal fußball.de jährlich den Amateur des Jahres kürt, heißt es: Zwar kämen in unteren Ligen durchaus teils ältere Spieler zum Einsatz - vor allem auf der Torhüterposition. Allerdings seien sie meisten Aushilfen, Stammspieler seien in dem Alter sehr selten.

Parsaei wurde bei der Wahl des Amateur des Jahres 2018 Dritter. Ein Jahr davor war er eines der Gesichter der Kampagne "Deine Kraft fürs Ehrenamt" des rheinhessischen Sportbundes. Besuch hatte er unter anderem schon von Fernsehteams aus dem Iran und aus Deutschland, wie er sagt.

Er werde auf seine alten Tage noch richtig berühmt. Er selbst habe schon öfter mit Schiedsrichtern gesprochen, die hätten ihm bestätigt, dass es nur sehr wenige in seinem Alter gebe. "Ich bin der letzte Mohikaner", sagt der Speditionsfachmann und Muslim mit grauem Bart.

Unter der Woche kann er nie ins Training kommen, von nachmittags bis spätabends arbeitet er im über 50 Kilometer entfernten Frankfurt-Fechenheim. Dafür steht er regelmäßig im Fitnessstudio, wie der 61-Jährige erzählt. Das Tor hüte er seit seiner Kindheit. Das passe, er sei ein bisschen verrückt, aber positiv verrückt - nicht egoistisch.

Torhüter Reza Parsaei ist stolze 61 Jahre alt.
Torhüter Reza Parsaei ist stolze 61 Jahre alt.  © dpa/Andreas Arnold

Einst habe ihn ein Video des früheren sowjetischen Keepers Lew Jaschin begeistert. Anfangs spielte er mit Kumpels barfuß auf Äckern in seiner nordiranischen Heimatstadt Sari. Sein Vater sei dagegen gewesen, erzählt er. Der habe Fußball für eine Beschäftigung für Schulabgänger gehalten. "Das hat mich nur zusätzlich motiviert."

1980 hätte Reza zum Wehrdienst im Iran gemusst und ging nach Deutschland - genauer nach Mainz. Es habe sich wie im Paradies angefühlt, erinnert er sich. Fußballplätze, alles sei so organisiert gewesen. Als sein Sohn, der wie seine Frau christlich getauft ist, vor einigen Jahren mit der Mainzer Jugendkirche livingroom an einem Fußballturnier teilnehmen wollte und ein Keeper fehlte, fragte der Junior kurzerhand seinen Vater.

Der zögerte nicht lange und sagte zu. Es folgten der Turniersieg und ein weiterer Triumph bei einem deutschlandweiten Turnier mit Teams aus Ortsgemeinden der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, zu der die Kirche livingroom gehört.

"Ich will bis heute jedes Spiel gewinnen", sagt Reza. "Aber nicht um jeden Preis." Es gehe ihm auch um das Gemeinschaftsgefühl in der Mannschaft, um Ehrlichkeit. Dass er als Muslim Teil eines christlich geprägten Clubs ist, macht ihm nichts aus - im Gegenteil. Werte wie Nächstenliebe oder Fairness seien in beiden Religionen wichtig. Wenn er zum Ende eines Gebets vor Anpfiff "Amen" sage, sei das kein Ding.

Mit am Ball sind auch viele Studenten, deren Familien nicht in Mainz wohnen. Für sie wird mit einer Kamera jedes Heimspiel aufgezeichnet, Freunde und Bekannte können es sich auf der Vereins-Webseite im Livestream anschauen. Am 11. August startete für den FCL die neue Saison.

Auch für Reza Parsaei ging es da wieder los - und es soll nicht die letzte Spielzeit für ihn werden. Er sagt: "Wenn angepfiffen wird, vergesse ich, wie alt ich bin."

Titelfoto: dpa/Andreas Arnold

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