Manche verschwinden spurlos: Hat Deutschland ein Problem mit minderjährigen Flüchtlingen?

Deutschland - Jedes Jahr kommen tausende minderjährige Flüchtlinge alleine nach Deutschland, die später als vermisst gemeldet werden. Meistens finden sie Schutz bei Verwandten oder Freunden und halten sich dann illegal hier auf. Oder sie tauchen unter - aus Angst, abgeschoben zu werden.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Kinder- und Jugendhilfezentrum der Heimstiftung Karlsruhe.
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Kinder- und Jugendhilfezentrum der Heimstiftung Karlsruhe.  © Uli Deck/dpa

Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen verschwinden entweder "direkt oder aber etwas später wieder vom Radar der Behörden", berichtet die "Deutsche Welle" (DW).

Während 2016 laut BKA ein enormer Anstieg erfolgte - im Jahresverlauf wurden damals bis zu 9.748 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge als vermisst registriert -, lag die Zahl zum 1. Januar 2019 bei 3117 Personen.

Dabei gibt es mehr männliche (etwa 93 Prozent) als weibliche Vermisste. Die Betroffenen stammen in erster Linie aus Afghanistan, Syrien und Marokko. Sie hätten laut BKA die geringsten Chancen, in Deutschland eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.

Doch auch wenn die Zahlen deutlich sinken, ist das Problem noch längst nicht gelöst. Denn der Rückgang bedeutet nicht, dass die Situation unter Kontrolle ist. Sondern: "Das hängt damit zusammen, dass zuletzt auch deutlich weniger minderjährige Flüchtlinge eingereist sind", erklärt Tobias Klaus vom Bundesverband für jugendliche Flüchtlinge ohne Erwachsene (BumF).

Das BumF hat eine eigene Untersuchung durchgeführt, deren Ergebnis beunruhigend ist. Denn danach deutet alles auf eine erneut leichte Zunahme junger Flüchtlinge hin, die verschwinden.

Die BumF-Mitarbeiter führten mit über 720 Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe Gespräche, die die gestiegene Zahl verschwundener junger Migranten im Vergleich zum Vorjahr bestätigten.

Ein Flüchtling wird in der Registrierungsstelle für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge in Stuttgart mithilfe eines Fingerabdruckscanners auf einen bestehenden Datenbank-Eintrag überprüft.
Ein Flüchtling wird in der Registrierungsstelle für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge in Stuttgart mithilfe eines Fingerabdruckscanners auf einen bestehenden Datenbank-Eintrag überprüft.  © Lino Mirgeler/dpa

So verschwinden die meisten von ihnen aus den Augen der Behörden bereits kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland. Andere entschließen sich später dazu. Doch weshalb machen sie das überhaupt?

Wie gesagt tauchen Kinder oder Jugendlichen laut BumF besonders häufig bei Familienangehörigen oder Verwandten unter, die schon in Deutschland oder einem anderen EU-Land leben. Die Reise dorthin unternehmen sie meistens auf eigene Faust. Werden sie dabei aufgegriffen, können sie aus der Liste der vermissten Personen gestrichen werden.

Aber "wird ein Jugendlicher in München aufgegriffen und die Cousine lebt in Hamburg, kann das Jugendamt München Hamburg zwar bitten, die Zuständigkeit zu übernehmen. Aber das dortige Jugendamt muss dieser Bitte nicht nachkommen", erklärt Tobias Klaus.

In der Praxis bedeute dies häufig auch, dass die Minderjährigen von ihren Angehörigen oder Bezugspersonen getrennt werden. Dem liegt ein bundesweites Verteilungsverfahren zugrunde, das laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eine "dem Kindeswohl entsprechende Unterbringung, Versorgung, Betreuung und Unterstützung" sicherstellen soll.

Aber: Dem BumF zufolge werde zu wenig auf die Bedürfnisse der unbegleiteten Minderjährigen geachtet. Vielmehr entscheide die Quote, wie viele jugendliche Flüchtlinge ein Bundesland oder eine Kommune schon aufgenommen hat. Denn in Deutschland sollen Geflüchtete möglichst einheitlich verteilt werden.

Ein 16-jähriger Flüchtling aus Eritrea steht in seinem Zimmer in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Nürnberg.
Ein 16-jähriger Flüchtling aus Eritrea steht in seinem Zimmer in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Nürnberg.  © Uli Deck/dpa

Als weiteren Grund für das Abtauchen der jungen Flüchtlinge nennt das BumF ihre Angst vor Abschiebung. Viele empfinden auch "ein Gefühl der Perspektivlosigkeit", sagt Klaus. Sie seien überzeugt, dass in Deutschland nichts Gutes auf sie warte - egal, wie sehr sie sich auch anstrengen, um sich zu integrieren. "Du bist hier nicht erwünscht, sei das, was sie oft vermittelt bekommen", erklärt Klaus.

Das führe nicht selten dazu, dass sie in die Illegalität und parallele Systeme abrutschen. Betroffen seien davon rund 20 Prozent, schätzt das BKA. Ob sie obdachlos sind, sich prostituieren oder was sie sonst den ganzen Tag machen, ist nicht bekannt.

Um mehr Aufklärung über ihren Verbleib zu erreichen, bedürfe es einer "Verbesserung der Datenlage und des Datenaustauschs" nicht nur in Deutschland, sondern auch mit den Behörden in anderen Ländern, heiß es in einer gemeinsamen Studie des Bamf und der deutschen nationalen Kontaktstelle für das Europäische Migrationsnetzwerk (EMN).

Dem stimmt auch Tobias Kluge zu. Er findet: "Das sollte uns eigentlich am meisten Sorgen bereiten: Dass wir erschreckend wenig darüber wissen, ob und in welchen Gefährdungssituationen sich diese Jugendlichen befinden könnten. Da müsste der Staat einfach mal Geld in die Hand nehmen, es müsste mehr Sozialarbeiter und Unterstützungsangebote geben."

Titelfoto: Uli Deck/dpa, Lino Mirgeler/dpa

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