Nach Nazi-Skandal: Haben Polizisten ein "höheres Risiko, Vorurteile zu entwickeln"?

Marburg - Polizisten tragen nach Einschätzung eines Sozialpsychologen ein höheres Risiko, Vorurteile zu entwickeln.

Der Sozialpsychologe hat auch gleich Lösungsvorschläge parat.
Der Sozialpsychologe hat auch gleich Lösungsvorschläge parat.  © DPA

"Die Gefahr ist aufgrund negativer beruflicher Erfahrungen erhöht", sagte der Marburger Sozialpsychologe Prof. Ulrich Wagner am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur - und schlägt Maßnahmen vor, dem zu begegnen.

Eigentlich zeige die Forschung, dass Menschen mit viel Kontakt zu Ausländern weniger Vorurteile hätten - die Begegnungen seien nämlich meist positiv. Seien die Erlebnisse aber überwiegend negativ, würden Vorurteile nicht abgebaut, sondern eher verstärkt.

"Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Polizisten im Umgang mit Menschen mit Migrationshintergrund sehr häufig in unangenehme Situationen kommen", sagte Wagner. "Das braucht dann schon eine gewisse demokratische Standfestigkeit, um dem etwas entgegenzusetzen."

Zu diesen "überzufällig häufigen" negativen Begegnungen kommen Wagner zufolge zwei weitere Faktoren, die den Effekt verstärken: "In Berufen mit großen Belastungen gibt es großes Zusammengehörigkeitsgefühl", das führe dazu, dass man zu unpassenden Äußerungen oder Übergriffen "eher schweigt, als Kollegen zu verpetzen". Ein weiterer Grund sei "ein gewisser Frustrationsfaktor" aufgrund vieler Überstunden, hoher Belastung und dem Gefühl, zu wenig ausrichten zu können.

Um ein Abdriften nach rechts zu verhindern, hat Wagner Vorschläge: "Wichtig scheint mir, dass Polizei wieder mehr Anerkennung bekommen muss", sagte der Sozialpsychologe. "Das zweite ist: Man muss Mechanismen finden, den negativen Effekten der beruflichen Geschlossenheit - dem Korps-Geist - etwas entgegenzusetzen." Das könnte zum Beispiel eine Vertrauensperson sein, an die man sich wenden kann ohne in eine offene Konfrontation gehen zu müssen.

Außerdem wäre die Politik aus Wagners Sicht gut beraten, rechte Einstellungen in der Polizei in empirischen Studien erforschen zu lassen. Die Bundeswehr habe - ohne es an die große Glocke zu hängen - solche Studien gemacht.

"Für die interne Steuerung ist das wichtig und das würde ich auch ganz dringend der Polizei empfehlen."

Nazi-Skandal bei der Polizei Frankfurt

Fünf Polizisten aus Frankfurt waren in den Skandal verwickelt (Symbolfoto).
Fünf Polizisten aus Frankfurt waren in den Skandal verwickelt (Symbolfoto).  © DPA

Vor einer Woche war bekannt geworden, dass fünf Beamte aus dem Frankfurter 1. Revier vom Dienst suspendiert wurden.

Sie sollen sich über einen Messenger-Dienst beleidigende und fremdenfeindliche Inhalte zugeschickt haben. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt bestätigte, dass sie wegen Volksverhetzung und des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen ermittelt.

Laut Polizeipräsidium sind die Beamten nicht mehr im Dienst.

Zudem sei auch eine Dienststelle im Kreis Marburg-Biedenkopf von dem Skandal betroffen. Diese sei ebenfalls durchsucht worden, hieß es am Dienstag aus Polizeikreisen (TAG24 berichtete).

Ins Rollen gebracht hatte die Ermittlungen die Frankfurter Anwältin Seda Basay-Yildiz, die sich nach einem Drohbrief an die Polizei wandte.

Die Spur führte die Ermittler zu einem Polizeicomputer, auf dem die Melderegister-Einträge von Basay-Yildiz aufgerufen wurden. Mehrere Beamten gerieten daraufhin ins Visier. Nach der Beschlagnahmung von Handys und Festplatten, wurden die Skandal-Chats gefunden (TAG24 berichtete).

Ob jedoch ein tatsächlicher Zusammenhang zwischen dem Drohbrief gegen die Anwältin und Polizisten besteht, die sich gegenseitig fremdenfeindliches Material zugeschickt haben, ist weiterhin unklar.

Titelfoto: DPA

Mehr zum Thema Polizeimeldungen:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0