Mediziner in Deutschland: Mehr Gehalt, aber auch mehr Frust

Deutschland – Die Gehälter von Haus- und Fachärzten sind innerhalb von drei Jahren um 18 Prozent gestiegen. Dennoch gibt es jede Menge Frust, denn viele Mediziner klagen über einen erhöhten Verwaltungsaufwand und zu viele Überstunden.

Mehr als die Hälfte findet ihre Bezahlung unfair, über ein Drittel möchte bessere Bedingungen und mehr Geld.

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Bürokratie und Überstunden machen Ärzte unglücklich

148.000 Euro brutto – so viel verdient ein deutscher Arzt laut des Medizinerportals Medscape durchschnittlich pro Jahr (zum Gehaltsreport 2019). In 2016 betrug das Jahreseinkommen noch 125.000 Euro.

Überraschenderweise gaben Hausärzte an, in Vollzeit auf 166.000 Euro im Jahr zu kommen, Fachärzte dagegen nur auf durchschnittlich 144.000 Euro. Das Statistische Bundesamt verzeichnete in seiner Erhebung über die Kostenstruktur von Arztpraxen 2015 jedoch höhere Einnahmen für niedergelassene Fachärzte.

Die Abweichung bei der Medscape-Umfrage wird damit begründet, dass vor allem junge Fachärzte den Fragebogen ausgefüllt haben, die in Kliniken arbeiten und damit weniger als Fachärzte mit einer eigenen Praxis erwirtschaften.

An der Online-Umfrage nahmen im Februar 2019 mehr als 530 Ärzte aller Fachrichtungen teil. Für die Verdienstzunahme zwischen 2016 und 2019 machten sie verschiedene Ursachen verantwortlich. Einige gaben an, ihre Praxis besser organisiert zu haben. Andere haben einen Mehrwert geschaffen und damit neue Patienten gewonnen.

Auch mehr Überstunden und eine Erhöhung des Tariflohns haben dazu beigetragen, das Bruttoeinkommen wachsen zu lassen.

Beim Thema Verdienst wird es kritisch – nur 45 Prozent der Hausärzte und 44 Prozent der Fachärzte fühlen sich fair bezahlt. Die Zufriedenheit im Hinblick auf das Gehalt liegt damit auf einem ähnlichen Niveau wie 2016.

Nach dem Grund für den Frust gefragt, gaben 39 Prozent die überbordende Bürokratie bei Verwaltung und Abrechnung an: 60 Prozent verbringen über 15 Stunden pro Woche hinter dem Schreibtisch mit Papieren; 18 Prozent klagen darüber hinaus über zu viele Überstunden.

Ein früherer Report von Medscape fand heraus, dass jeder zweite Arzt in Deutschland an Erschöpfung oder Depressionen leidet. Nicht gerade verwunderlich, denn in 2013 offenbarte eine Umfrage, dass die Hälfte der Klinikärzte durchschnittlich 49 bis 59 Stunden pro Woche arbeitete.

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Mehrheit mit ihrer Leistung zufrieden

Jungen Ärzten macht der Arbeitsalltag mehr zu schaffen als ihren älteren Kollegen. Von den Medizinern unter 45 ist nur jeder Dritte mit seiner beruflichen Situation zufrieden.

Trotz zahlreicher Herausforderungen wollen die Nachwuchsärzte Deutschland jedoch nicht den Rücken kehren: 72 Prozent von ihnen äußerten kein Interesse an einem Job im Ausland. Rein auf die Verfügbarkeit an Angeboten bezogen, ist dies auch nicht notwendig. Auch hierzulande gibt es ausreichende Karrieremöglichkeiten, wie die Vielzahl an Stellen auf fachbezogenen Jobbörsen wie praktischArzt.de beispielsweise zeigt.

Anders sieht die Situation in Großbritannien aus, wo Medscape ebenfalls eine Umfrage unter Ärzten durchführte. Dort überlegt – sicher auch wegen der politischen Instabilität – jeder zweite Mediziner, das Land zu verlassen oder kann sich dies zumindest vorstellen.

Obwohl sie ihre Bezahlung als nicht angemessen bewerten, sind deutsche Ärzte meist mit ihren Leistungen im Beruf zufrieden (64 Prozent) oder sehr zufrieden (29 Prozent). Vor allem die Fähigkeit, Lösungen und Diagnosen zu finden, ist für viele ein Grund, über die eigene Performance glücklich zu sein.

Auch die Beziehung zu den Patienten erhöht die Motivation. Nach der Richtigkeit ihrer Berufswahl gefragt, gaben zwei Drittel an, dass sie sich wieder für ein Medizinstudium entscheiden würden; 77 Prozent würden sogar die gleiche Fachrichtung wählen. Allerdings würden nur 32 Prozent bei ihrer derzeitigen Arbeitssituation bleiben.

Ärztinnen: Schlechter bezahlt und seltener in der Chefetage

Der sogenannte Gender Pay Gap, wonach Frauen für die gleiche Tätigkeit weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen, ist auch in der Medizin Realität. Bei Hausärzten macht sich der Geschlechterunterschied mit 29.000 Euro weniger pro Jahr auf dem Lohnzettel bemerkbar, bei den Fachärzten sogar mit 50.000 Euro.

Das Phänomen tritt nicht nur in Deutschland auf: in den USA beträgt der Lohnabstand zwischen Ärzten und Ärztinnen 18 Prozent. Die Businessexpertin Sandra Levy analysierte für Medscape die Ursachen und fand heraus, dass Frauen bei Gehaltsverhandlungen bescheidener auftreten und Schwierigkeiten haben, überhaupt über Finanzen im Job zu sprechen. Diese Schwäche würden Arbeitgeber hier wie dort ausnutzen.

Insgesamt wächst in Deutschland der Frauenanteil bei den Medizinern seit Jahren konstant. In manchen Bundesländern, darunter Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, stellen Ärztinnen inzwischen die Mehrheit. In einigen Fachrichtungen dominieren Frauen besonders. So sind in der Gynäkologie 83 Prozent der Nachwuchsmediziner weiblich, in der Kinder- und Jugendmedizin 77 Prozent.

Trotzdem schaffen es Frauen viel seltener an die Spitze: in den Führungspositionen belief sich die Frauenquote 2016 lediglich auf 33 Prozent.

Noch seltener sind Leiterinnen von Unikliniken. Selbst in Berlin und Dresden, wo die Frauenquote in den Chefetagen von Medizininstituten am höchsten ist, beträgt sie nur 23 Prozent. Die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf in höheren Positionen sehen viele Experten als Hauptgrund für Frauen, sich gegen eine Karriere in der Medizin zu entscheiden.