Engel der Dementen: Seit über 20 Jahren arbeitet sie gegen das Vergessen

Von Thomas Gillmeister

Meerane - Seit 20 Jahren kümmert sich Heike Hartmann (50) um Menschen, deren Erinnerung verblasst. Sie machen kein großes Aufsehen um ihre Arbeit. Aber würde es sie nicht geben, wäre der Aufschrei groß.

Marianne (89) hat die Plüschrobbe in ihr Herz geschlossen, mit der Heike Hartmann regelmäßig vorbeischaut.
Marianne (89) hat die Plüschrobbe in ihr Herz geschlossen, mit der Heike Hartmann regelmäßig vorbeischaut.  © Fotofalter / Kerstin Dölitzsch

Die stillen Helden im Alltag - Heike Hartmann (50) ist eine von ihnen. Sie pflegt seit über 20 Jahren Demenzkranke. Ein harter Job für Körper und Geist. Ihr Antrieb: Sie möchte Demenzkranken ein Zuhause geben.

In der Villa "Hirschgrund" in Meerane lebt ein Robbenbaby. Es ist etwa 60 Zentimeter groß und drei Kilogramm schwer. Pflegerin Heike gibt es Bewohnerin Ingrid (61) in die Hand und animiert dazu, die Robbe namens Paro zu streicheln. „Tiere mögen sie ja unheimlich gern. Sie haben doch viele Jahre einen Hundepflegesalon geführt“, versucht Heike an die Biografie der Bewohnerin anzuknüpfen.

Ingrid überlegt, lächelt und streichelt das süße Felltier. Das dankt mit launigem Fiepen und rührendem Augenaufschlag. Paro ist ein Plüsch-Roboter, eine therapeutische Sensorik-Puppe. Sie wurde extra für demenzkranke Menschen in Japan entwickelt. Mit ihrer Hilfe kann Heike eine Brücke zu in sich gekehrten Demenzkranken aufbauen und bei ihnen positive Emotionen und Erinnerungen hervorrufen.

Die Bewohner sollen sich wohlfühlen - wie zu Hause

Wenn die ehemalige Schneiderin Margot an einer Nähmaschine sitzt, werden Erinnerungen wach, die Pflegedienstleiterin Heike Hartmann so wachrufen möchte.
Wenn die ehemalige Schneiderin Margot an einer Nähmaschine sitzt, werden Erinnerungen wach, die Pflegedienstleiterin Heike Hartmann so wachrufen möchte.  © Fotofalter / Kerstin Dölitzsch

Das ganze Kursana-Pflegeheim Haus "Hirschgrund" aus dem 19. Jahrhundert ist gegen das Vergessen ausgestaltet. In den Treppenaufgängen lächeln Theo Lingen und Hans Albers auf vergilbten Fotografien. In gemütlichen Sitzecken verbreiten nostalgische Möbel einen Hauch von anno dunnemals. "Diese Erinnerungskultur ist für das Wohlfühlen und Nachdenken der Bewohner ganz wichtig", erzählt die Pflegedienstleiterin.

Zusammen mit ihren Kollegen betreut sie 45 Demenzkranke. Dabei versucht sie, auf jeden einzelnen Betroffenen einzugehen.

Margot (89) war beispielsweise Schneiderin. Noch heute macht ihr es Spaß, einfach so an der Nähmaschine zu sitzen und Garn zu sortieren. Dabei fragt die Pflegerin, wo genau die ehemalige Handwerkerin gearbeitet hat.

Auch das trainiert das Gedächtnis der Demenzkranken. "Wir müssen immer wieder an die Prägungszeit anknüpfen", beschreibt die geduldige Sächsin. Eine Erinnerungstafel hilft ihr dabei. "Dort haben wir für jeden einzelnen Bewohner festgehalten, mit welchem Thema, mit welcher Aktivität es möglich ist, ihn aufzumuntern oder in Konfliktsituationen zu beruhigen."

Heike Hartmann hat viele Ideen, um die Erinnerungen wach zu rufen

Heike Hartmann regte an, dass jeder Mitarbeiter vom Haus „Hirschgrund“ auf kleinen Zetteln Erinnerungen der Bewohner aufschreibt und mit ihnen die Storybox füllt.
Heike Hartmann regte an, dass jeder Mitarbeiter vom Haus „Hirschgrund“ auf kleinen Zetteln Erinnerungen der Bewohner aufschreibt und mit ihnen die Storybox füllt.  © Fotofalter / Kerstin Dölitzsch

In einer Storybox können Mitarbeiter Geschichten aus dem Leben der Bewohner einwerfen, die sie bei ihrer täglichen Arbeit oder in Gesprächen mit Verwandten mitbekommen. "Die Episoden lesen wir regelmäßig in unserer Fallkonferenz vor, damit alle Kollegen über die Lebensläufe im Bilde sind und richtig reagieren können", erläutert die Expertin.

Seit der Wende arbeitet die gelernte Krankenschwester im Kursana Pflegeheim in Meerane. Inzwischen besitzt sie eine gerontopsychiatrische Zusatzqualifikation, um Menschen mit Demenz fachgerecht betreuen und pflegen zu können.

Dabei hat sie immer den würdigen Umgang mit den Betroffenen im Blick. Ein Baustein ist das Gedächtnis- und Orientierungstraining.

„So hängt an jeder Zimmertür ein historisches Foto, auf dem sich der Bewohner in einer für ihn typischen Situation sofort wieder erkennen soll“, erklärt Heike und ergänzt: „Eine ehemalige Verkäuferin ist zum Beispiel im Tante-Emma-Laden zu sehen.“

Auch in den Zimmern selbst befinden sich Zeugnisse aus bewusst gelebten Tagen. Eine Bewohnerin spielte lange Zeit in einem Spielmannszug. Heute steht ein Akkordeon in ihrer Sichtweite, um daran zu erinnern. "Das sind viele kleine Puzzlesteine, die ein Daheim-Gefühl fördern sollen", bringt es Heike auf den Punkt. Die Bewohner sind mittlerweile zu ihrer zweiten Familie geworden. Sport und ihre eigene Familie geben der stillen Heldin für ihre Herzensarbeit Kraft und Nervenstärke.

Kleine Gesten für ein gutes Gefühl: Heike Hartmann ist immer für ein Schwätzchen mit Bewohner Heinz (88) zu haben.
Kleine Gesten für ein gutes Gefühl: Heike Hartmann ist immer für ein Schwätzchen mit Bewohner Heinz (88) zu haben.  © Fotofalter / Kerstin Dölitzsch

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