Meine Meinung: Warum ich Unheilig nicht mag

Unheilig-Konzert bei den Filmnächten am Elbufer 2013.
Unheilig-Konzert bei den Filmnächten am Elbufer 2013.

Von Heiko Nemitz

Dresden - Tausende freuen sich drauf: Am Sonnabend spielen Unheilig in Dresden. Neun Auftritte folgen deutschlandweit noch, dann ist Schluss. Der Graf lässt den Vorhang fallen. Viele Fans sind traurig - ich bin es nicht.

Ich bin einer, den man Alt-Grufti nennen könnte; stehe seit jeher mit mehr als einem Bein in der Schwarzen Szene, in der sich bekanntlich Musiker tummeln, die Außenstehenden eher dubios erscheinen dürften. Das finden wir auch ganz gut so, schließlich wollen wir nicht alles teilen.

Als vor 16, 17 Jahren Unheilig auftauchten, gab sich Der Graf noch ein dezentes Vampir-Image: Nosferatu-Gehrock, schwarz lackierte Fingernägel, Kontaktlinsen mit Reptilien-Pupillen.

Seine Musik war mir angenehm. Die Texte konnten sich - wie so oft in der Szene - nicht recht zwischen Tiefsinn und Kitsch entscheiden. Aber wir lieben ja Kitsch. Also wurde auch Der Graf auf Szene-Festivals wie dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig gefeiert.

"Der Graf" ist derzeit mit Unheilig auf seiner Abschiedstour.
"Der Graf" ist derzeit mit Unheilig auf seiner Abschiedstour.

Dann unterschrieb er bei Universal-Music und alles wurde anders. Dass Unheilig 2010 Stefan Raabs Bundesvision Song Contest gewannen, fand ich noch gut. Sieh an, dachte ich, "normale" Menschen mögen das auch.

Doch dann trat er bei Carmen Nebel auf - das war der Anfang vom Ende der Zuneigung. Die Gothic-Szene und Carmen Nebel - nichts könnte weiter auseinanderliegen.

Plötzlich waren Kontaktlinsen und Nagellack verschwunden. Der Graf machte den Werbepausenkasper bei RTL II und spielte Mega-Konzerte vor völlig anderen Fans.

Er stand auf einmal für Werte, die wir "Schwarzen" eher skeptisch sehen. Das fühlte sich an wie Verrat. Der Graf hatte sich von uns, die ihn groß gemacht haben, abgewandt. Als sei ihm seine Herkunft peinlich.

Nun, ich gönne ihm den Erfolg. Aber ich nehme ihm übel, dass er sich dafür verbogen hat und - trotz anderslautender Lippenbekenntnisse - nicht zu seinen Wurzeln steht. Ich wette sogar, dass er später den Namen Unheilig innerlich als zu düster verflucht hat.

Die Musik hatte sich dabei gar nicht verändert. Einen gewissen Schlager-Touch konnte Unheilig ohnehin nie leugnen. Weil das Schlager-Publikum hellhörig wurde, warf man sich ihm an die Brust. Klar: Dort waren mehr Einnahmen zu erwarten als von den eher überschaubaren Gothics.

Dazu passt, dass Der Graf just in dieser Woche nach letztem Album und letzter Tour nun für November noch ein aller ALLERletztes Album angekündigt hat. Vielleicht geht das ja so weiter - bis sich auch sein neues Publikum irgendwann veralbert fühlt ...

MOPO24-Redakteur Heiko Nemitz kann nicht mehr viel mit Unheilig anfangen.
MOPO24-Redakteur Heiko Nemitz kann nicht mehr viel mit Unheilig anfangen.

Fotos: imago, Holm Röhner


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