Meine Meinung zu Palmer, Amani und Co.: Erst denken, dann posten!

Stuttgart - Es ist eine Binsenweisheit: Medienhäuser haben einen gewaltigen Vorteil gegenüber Normalsterblichen. Sie erreichen deutlich mehr Menschen.

Nach Kritik an ihrem Auftritt tobte der virtuelle Mob: Enissa Amani.
Nach Kritik an ihrem Auftritt tobte der virtuelle Mob: Enissa Amani.  © DPA

Das galt auch immer gegenüber Prominenten. Gerade, wenn es darum ging, Berühmtheiten zu kritisieren. Doch da ändert sich etwas. Grund dafür sind die sozialen Netzwerke.

Denn mittlerweile folgen Prominenten dort nicht selten Hunderttausende oder gar Millionen Menschen. Ein Publikum, das so manche Tageszeitung im Vergleich verdammt alt aussehen lässt.

Auf Facebook, Twitter und Instagram hat die Prominenz sich eigene Gemeinschaften aus treuen Anhängern aufgebaut. Dort hat sie die Deutungshoheit in der selbst geschaffenen Öffentlichkeit.

Doch ist den Einflussreichen im Netz überhaupt klar, dass damit auch Verantwortung verbunden ist? Und welche Folgen ihr Handeln im Cyberspace hat? Die Fragen beschäftigen mich. Grund dafür sind zwei Shitstorms der letzten Tage.

Vorfall Nummer eins betrifft Boris Palmer. Der Tübinger Oberbürgermeister sorgt regelmäßig in ganz Deutschland für Wellen. Zuletzt hinterfragte er, warum die Deutsche Bahn auf ihrer Internetseite vor allem mit dunkelhäutigen Menschen wirbt. Was folgen würde, das muss er zumindest ansatzweise erahnt haben, denn er begann seinen Facebook-Post mit den Worten: "Der Shitstorm wird nicht vermeidbar sein."

Palmer hat jahrelange Erfahrung mit sozialen Medien. Und dennoch: Der Scheißesturm, der folgte und ihn unter Rassismus-Vorwürfen schier begrub, der überraschte auch den vermeintlichen Profi. Schließlich kündigte er an, bis Ende Mai nicht mehr auf Facebook zu posten.

Ihm ist mediales Echo immer sicher: Boris Palmer.
Ihm ist mediales Echo immer sicher: Boris Palmer.  © DPA

Hier zeigt sich: Selbst der abgeklärteste Profi kann völlig die Kontrolle verlieren, wenn sich Dynamiken in sozialen Medien verselbstständigen!

Der Bahn-Shitstorm führt mir vor Augen, wie schnell die Macht einem aus den Händen gleiten kann. Das ist schlimm. Aber noch schlimmer als die Kontrolle zu verlieren ist, den eigenen Einfluss zu missbrauchen. Etwa, um missliebige Kritiker mundtot zu machen. Genau das wird der Komikerin Enissa Amani vorgeworfen.

Nach der Kritik von Spiegel-Journalistin Anja Rützel an Amanis Auftritt bei den "About You Awards" für Influencer ging es rund. Aus den Reihen von Amanis über 500.000 Followern folgten massive Attacken auf das Instagram-Profil der Journalistin.

Wie Rützel auf Twitter schreibt, stellte sie ihr Profil schließlich auf privat, um vor den Beleidigungen (unter anderem "AfD-Nutte") Ruhe zu haben. Und die Komikerin? Die tat wenig, um ihre Anhängerschaft zurückzuhalten. Vielleicht hätte ihr genau das gut zu Gesicht gestanden. Gerade unter dem Gesichtspunkt Verantwortung.

Denn wer Reichweite hat, wer Einfluss hat, der ist für mich auch verantwortlich für das, was er oder sie via Social Media in Gang setzt.

TAG24-Redakteur Patrick Hyslop.
TAG24-Redakteur Patrick Hyslop.
Ich finde die Entwicklung insgesamt beunruhigend! Nicht, weil ich als Journalist über einen drohenden Bedeutungsverlust der Medien und den Verlust unseres angeblichen Meinungsmonopols jammere.

Ich finde es nämlich ziemlich gut, wenn mehr Stimmen Gehör finden. Wenn einige wenige meinen, die alleinige Weisheit zu besitzen, werde ich grundsätzlich misstrauisch.

Jedoch treibt mich die Frage nach Macht und Verantwortung um. Die ist für Journalisten nämlich tägliches Brot. Schon in der journalistischen Ausbildung lernt man, dass Medienmacht auch Medienverantwortung mit sich bringt.

Im Klartext: Nicht nur im Blick haben, dass man viele Menschen erreichen kann, sondern auch über die Konsequenzen nachdenken. Und wenn da einer versagt, ist in der Regel noch jemand da, der aufpasst und sagt: "Das geht so nicht."

Aber wie ist das bei Prominenten, die teils eine riesige Zahl an Followern haben: Wer greift da notfalls ein? Wer ist dort die Kontrollinstanz? Und: Wer übernimmt die Verantwortung, wenn etwas passiert?

Wer Einfluss hat, sollte das dringend im Hinterkopf behalten, ehe er oder sie postet. Im Zweifelsfall ist vielleicht auch mal eine Auszeit ganz gut, um in Ruhe nachzudenken...

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