Meine Meinung zum Supertalent: Zu viel Trash führt zur geistigen Klimakatastrophe

Köln – Über die Frage, was Geschmack ist, streiten sich die Menschen seit jeher. Ein Auftritt bei "Das Supertalent" wirft erneut viele Fragen auf. Trash? Sensationsgier? Quotengeilheit? Schlicht und ergreifend: Fremdschämen pur.

Duckie L'Orange und ihr "Hund". Rasse: Po-nhardiner.
Duckie L'Orange und ihr "Hund". Rasse: Po-nhardiner.  © TVNow/Stefan Gregorowius

Ja, es bleibt bei der alten Weisheit: über Geschmack lässt sich streiten. Aber was bitte machte die denn da?

Duckie L'Orange, eine 33-jährige Australierin, die inzwischen in Berlin lebt, hatte eine ganz eigene Art von Humor.

In einer kruden, teils verstörenden Mischung aus absurder Kunst, Pantomime und einer Prise Fäkalhumor zeigte sie, wie tief man für fünf Minuten Ruhm sinken kann.

Dass besagte Künstlerin ihren Allerwertesten in die Kamera streckt - geschenkt. Dass ihre Performance die Professionalität einer pubertären Schulaufführung ausweist - geschenkt.

Aber anscheinend dachte die Australierin, es wäre ein Talent, sich eine Wurstkette rücklings einzuverleiben. Das alles vor laufender Kamera und Live-Publikum.

Das überschreitet oder besser unterschreitet Grenzen im TV und vor allem zur Prime-Time, die man doch bitte hätte einhalten sollen.

Genau hier aber liegt das Problem. Duckie L'Orange ist nur ein Beispiel für die vielen wirklich sinnbefreiten, verzichtbaren und an Unfassbarkeit kaum zu übertreffenden Aufritte aus dem Bereich "Trash".

Wir rutschen immer tiefer in die mediale Selbstverachtung

Die Blicke rechts sagen eigentlich schon alles. Trash-TV in Reinform.
Die Blicke rechts sagen eigentlich schon alles. Trash-TV in Reinform.  © TVNOW / Frank Fastner / Max Kohr

Trash ist das englische Wort für Müll. Jeder, der also von "Trash-TV" oder "Trash-Auftritt" redet, weiß genau: es ist Müll.

Trotzdem wird man mit diesem Müll vollgedonnert, als gäbe es kein Morgen.

Egal ob es ein als "Guilty Pleasure" getarnter Affenzirkus aus Testosteron-Gorillas und Botox-Bonobos ist, bei dem von den Produzenten die ganze Zeit eine bumsgeile Stimmung erzwungen wird, bis am Ende alles wie ein Coitus Interruptus einfach im Paralleluniversum der Unbefriedigten endet. Enttäuschung inklusive.

Oder ob es das "Sommerhaus der Niveaulosigkeit" ist, bei dem sich die Crème de la Crème des "Trash" so derbe gegenseitig auf die Eier geht, dass selbst der Zuschauer darüber nachdenkt, ob eine Wurzelbehandlung nicht doch angenehmer wäre.

Klar! Ist doch alles nur Show und so geschnitten, dass es eh anders aussieht, als es in Wirklichkeit war! Und ich bin der Kaiser von China. Diese Shows haben in etwa den Realitätsgehalt eines WWE-Wrestlingmatches. Bei den "Kämpfen" weiß man wenigstens, dass alles abgesprochen ist.

Es wird gemüllt was das Zeug hält. Kaum eine Sendung im deutschen Privatfernsehen kommt noch ohne Müll aus.

Selbst "The Voice of Germany", eine Sendung, die eher für ihre wirklich guten Gesangstalente bekannt ist, scheint nicht mehr drumherumzukommen, mindestens einen Freak zu präsentieren, der sich in seiner Selbstüberschätzung das eigenen Grab schaufelt, während er wirklich schlecht vor sich hin singt.

Bis zur geistigen Klimakatastrophe im Kopf

Mit dem Aluhut gegen die Vermüllung.
Mit dem Aluhut gegen die Vermüllung.  © TVNow

Die Zuschauer scheinen es zu lieben. Die Quoten sprechen Bände. Auch wenn schon seit Jahren eine Diskussion unter den Fernsehmachern herrscht, ob "Quoten" überhaupt noch ein Bild der Wirklichkeit abgeben.

Das System ist veraltet und sagt kaum noch etwas über das Fernsehverhalten in Deutschland aus. Aber es bringt Werbung und damit Geld.

Und solange man mit dem Müll Geld machen kann, solange wird der Müll auch gesendet. Bis zur geistigen Klimakatastrophe im eigenen Kopf.

Im alten Rom schaute das Publikum dabei zu, wie sich Gladiatoren im Kampf gegenseitig töteten. Die heutigen Gladiatoren töten ihre Selbstachtung, ihren Stolz und jeglichen Anstand. Wir sind am Boden des Selbsthasses angekommen.

Ist das vielleicht Kunst statt Talent? Kunst will immer auch etwas aussagen. Es gibt Künstler, die für ihre Aussagen auch schockierende und verstörende Methoden nutzen.

Aber was will uns Duckie mit ihrem Po-hardiner dann sagen? "Seht her, ich bin viel peinlicher als Ihr und Ihr könnt froh sein, dass Ihr nicht so peinlich seid?"

Kein Talent, kein Anstand, keine Ahnung: die mediale Dystopie ist schon da

Duckie L'Orange - oder eher P'Orange - hat soviel Talent wie eine ausgediente Tischlampe ohne Glühbirne. Das so etwas in der Prime Time bei einer "Talentshow" auftreten darf, zeigt, dass es den Machern nicht immer um Talent geht. Es ist peinlicher als die Wurst, die sie sich durch ihre Pobacken zerrt.

Es geht um Aufmerksamkeit. Das haben sie geschafft. Man redet drüber. Aber zu welchem Preis? Für ein paar Minuten Ruhm macht man sich zum Gespött einer Nation. Selbstzerstörung im Live-TV: grenzdebil und verstörend.

Es gibt Science-Fiction-Serien, die ein erschreckendes Bild der Medien-Zukunft zeichnen. Ein Blick auf das abendliche TV-Programm zeigt, diese menschenverachtende Zukunft ist fast erreicht.

(Der Autor schaut sich den "Müll" übrigens selbst an.)

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