Parken im Wohnzimmer: Designer baut Möbel aus historischen Fundstücken

Kiel - Unverpackt-Läden, Second-Hand-Apps, Mini-Häuser: In Zeiten des Massenkonsums wächst bei vielen der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit und Minimalismus. Die Wegwerfgesellschaft entdeckt ihren Überdruss am Überfluss, Upcycling wird wieder zum Trend. Einer, der das neue Lifestyle-Konzept seit Jahren lebt, ist Michael Görmann aus Kiel. TAG24 hat den 52-Jährigen in Hamburg getroffen.

Michael Görmann lädt ein Flugzeugteil in seinen Transporter: Daraus soll ein Tisch entstehen.
Michael Görmann lädt ein Flugzeugteil in seinen Transporter: Daraus soll ein Tisch entstehen.  © TAG24/Franziska Rentzsch

In einer Seitenstraße nahe des Hamburger Michels lädt Michael Görmann ein großes glänzendes Blechteil in seinen Transporter. Sieht aus wie ein Flugzeugflügel, ist es aber nicht.

"Das war wohl mal ein Gesellenstück, das einem Flugzeugteil nachempfunden ist. Aber es wurde viel sauberer gearbeitet", sagt der 52-Jährige und kommt ins Schwärmen: "Die Nieten sind alle so liebevoll gesetzt."

Normalerweise arbeitet Michael Görmann mit längst ausgedienten Teilen, verwandelt alte Kotflügel oder Autotüren in neue Designerstücke.

Das aktuelle Objekt hat er über ein Kleinanzeigen-Portal gefunden. Mit ihm geht es zurück nach Schleswig-Holstein, in ein Häuschen am See, wo der gebürtige Kieler nun seit fast einem Jahr wohnt.

Dort soll das Blechteil seine neue Berufung finden: "Bistro- oder Wohnzimmertisch, das müssen wir mal sehen", sagt Görmann. Reserviert ist das Endprodukt aber schon längst.

Anfang mit Ente

Der "Enten-Schrank" ist bis heute das Lieblingsstück von Michael Görmann.
Der "Enten-Schrank" ist bis heute das Lieblingsstück von Michael Görmann.

Vor einem Jahr gründete Görmann seine Marke Style Classics, über die er seine Objekte an Liebhaber verkauft. "Das Alte wertschätzen und etwas Neues erschaffen", das ist sein Credo. Angefangen hat alles mit einer Ente und den zwei Leidenschaften des 52-Jährigen. "Ich wollte immer entweder Journalist oder Tischler werden", erklärt er.

Den journalistischen Weg ging er dann "ziemlich stringent", wie er sagt, schrieb erst für Tages- und Wochenzeitungen, dann für Magazine, war Ressortleiter für Motor und Technik beim "Playboy", gründete verschiedene Agenturen und landete schließlich im Buchgeschäft. "Heute ist mein Hauptberuf Herausgeber. Ich mache Bücher", erklärt der Kieler.

Aber auch die Leidenschaft für Handwerkliches hat ihn dabei immer begleitet. Nicht ganz so stringent wie der Journalismus, aber ebenso nachhaltig. Sein allererstes Upcycling-Werk war ein Schrank, den er aus dem hinteren Teil eines Citroën 2CV (Spitzname: "Ente") zimmerte.

Es ist bis heute sein Lieblingsstück und steht bei dem Kieler im Wohnzimmer. Seitdem folgten zahlreiche Tische, Regale oder Lampen aus historischen Flugzeug- oder Autoteilen - natürlich alles Unikate.

Im Januar zieht Michael Görmann mit seinen Stücken in das Gebäude der ältesten Buchhandlung Kiels ein und verbindet dann seine beiden Leidenschaften - das Schreiben und das Werkeln - auch räumlich miteinander: Der ehemalige Laden in der Willestraße soll dann Büro und Ausstellungsraum in einem sein.

Upcycling trifft Minimalismus

Die Motorhaube eines Goggomobils wurde zum stylishen Tisch umgebaut.
Die Motorhaube eines Goggomobils wurde zum stylishen Tisch umgebaut.  © Michael Görmann/Style Classics

Welche Teile es in die Werkstatt des 52-Jährigen schaffen, folgt dabei keinem festen Prinzip. "Ich muss es einfach sehen und eine Idee haben, sonst brauche ich gar nicht anzufangen."

Dabei zehrt er bis heute von einer Sammlung alter Sportflugzeuge, auf die er vor Jahren durch Zufall stieß. Damals wollte er eine alte Mühle kaufen, in der Tausende der Teile lagerten. Görmann entschied sich gegen die Mühle, die Flugzeugteile aber nahm er mit. Bis heute liegen viele davon in einer angemieteten Lagerhalle und warten auf ihre neue Bestimmung. Zu Hause hat Michael Görmann dafür keinen Platz mehr.

Denn der Designer hat sich seit einiger Zeit auch einen minimalistischen Lebensstil auf die Fahne geschrieben: Vor einem Jahr verabschiedete er sich von seinem Städter-Leben in München und lebt nun in einem kleinen Mobilheim in Schleswig-Holstein. Viel Stauraum für Möbel und Einzelteile gibt es hier nicht. Aber das ist gewollt.

Vorher wohnte der Möbelbauer noch in einer riesigen Industrie-Halle. "Sieben Autos standen da", so Görmann. Die Garage war gleichzeitig das Wohnzimmer. Vor allem um Kosten zu minimieren, reduzierte er sein ganzes Mobiliar, verkleinerte sich von stattlichen 400 qm auf übersichtliche 24 qm Wohnfläche - dafür mit Seeblick.

Nur vier Umzugskartons nahm der Designer mit in sein neues Zuhause. "Das ein oder andere vermisst man natürlich", sagt Görmann. Aber letztlich habe er von allem immer zu viel gehabt. "Dann merkt man erst, was einem wirklich wichtig ist." Selbstgebaute Möbelstücke werden aber ganz sicher wieder dazukommen.

Von einem besonderen Teil träumt Michael Görmann zumindest noch: "Ich würde gerne ein Aquarium aus der Cockpit-Kanzel eines Phantoms machen", verrät er. Die Umsetzung sei aber ziemlich schwierig. "Das Ding ist höllenschwer." Aber bestimmt findet sich die Lösung für das Lieblingsstück dann nach dem Umzug ins neue Kieler Büro.


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0