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Bestseller-Autor Michael Nast exklusiv: "Wir leben alle im Egoland"

"Egoland"-Autor Michael Nast über Dates, die "Generation Beziehungsunfähig" und den Wandel der Gesellschaft

TAG24 hat sich vor seiner Lesung in Leipzig mit Autor Michael Nast über Liebe, seinen kometenhaften Aufstieg und das aktuelle politische Geschehen unterhalten.

Von Saskia Weck

Leipzig - Er wird liebevoll „das Sprachrohr einer ganzen Generation“ genannt und schaut genau hin, wie sich unsere Gesellschaft verändert. Seine Kolumnen über die Liebe und Beziehungen werden millionenfach geklickt, die Lesetouren des Berliners sind schnell restlos ausverkauft: Wir haben vor seiner Lesung im „Haus Leipzig“ am vergangenen Wochenende mit Autor Michael Nast (43) über seinen kometenhaften Aufstieg, sein neues Buch „Egoland“, sein Privatleben sowie die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Ereignisse in Deutschland gesprochen.

Michael Nast (43) wurde durch seine Kolumnen in der BERLINER ZEITUNG, der FREUNDIN und für den Blog "im gegenteil" bekannt.
Michael Nast (43) wurde durch seine Kolumnen in der BERLINER ZEITUNG, der FREUNDIN und für den Blog "im gegenteil" bekannt.

TAG24: Hallo Herr Nast! Wie hoch ist der Erfolgsdruck, wenn die ersten Bücher Bestseller werden und der Verlag noch ein viertes Buch verlangt?

Michael Nast: Enorm. Ich wollte etwas schreiben, hinter dem ich wirklich stehe und mich neu erfinden. Der Erfolg der anderen Bücher war ein Zufallsprodukt, denn ich wollte ja schon immer einen Roman schreiben. Mein Privatleben konnte ich ad acta legen. Ich hatte in der Zeit, in der ich an „Egoland“ geschrieben habe, genau vier Dates mit vier Frauen. Nachdem der Roman fertig war, hatte ich ein paar Monate Zeit, um mich herunterzufahren und mir etwas Neues auszudenken. Heute Abend werde ich meinen neuesten Text „Tinder ist gut“ vorlesen und bin schon gespannt auf die Reaktion des Publikums. Ich widme mich nun vorerst wieder Kolumnen, werde gesellschaftskritischer und suche nach Lösungen für die „Generation Beziehungsunfähig“.

TAG24: Wie kommt es zu diesem Umschwung?

Nast: Ich habe mitgekriegt, dass die Leute nach Lösungen suchen und diese auch von mir erwarten. Ich habe immer über mich und das, was mich beschäftigt, geschrieben. Die Mechanik, die sich daraus entwickelt hat, war, dass sich die Leute wiedererkannt haben. Die neuen Texte werden selbsttherapeutisch und zukunftspositiver. Bei der Wiedervereinigung war ich 14 Jahre alt. Sie stellte den ersten großen Schnitt in meinem Leben dar. Die aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklung ist der nächste Schnitt in meinem Leben. Diese unsicheren Zeiten kann man jedoch auch als Chance begreifen. Zur Wendezeit musste man sich als Ostdeutscher in ein bestehendes System integrieren, jetzt muss man etwas Neues kreieren. Darin liegt die Verantwortung der jungen Generation.

TAG24: Sie sind als Kolumnist berühmt geworden. Inwiefern hat sich Ihr Leben seit „Generation Beziehungsunfähig“ verändert?

Nast: Beruflich bin ich nun in der glücklichen Situation, dass ich Ideen habe, die dann so auch umgesetzt werden. 2015 hat sich meine Ex-Freundin von mir getrennt. Zwei Monate später erschien die Kolumne „Generation Beziehungsunfähig“ und mit ihm kamen Millionen Leser. Mein Privatleben ist seitdem schon sehr weggefallen. Bis 2020 der Film zu „Generation Beziehungsunfähig“, in dem Matthias Schweighöfer mich spielt, in die Kinos kommt, brauche ich eine Freundin an meiner Seite, die im Kopf sehr gesettled ist oder das in-der-Öffentlichkeit-Stehen eben selbst kennt.

Der 43-Jährige ist in Berlin geboren und aufgewachsen.
Der 43-Jährige ist in Berlin geboren und aufgewachsen.

TAG24: Sprechen wir über Ihren Roman "Egoland". Die Geschichte spielt ausschließlich in Berlin-Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain, dabei hat die Stadt zwölf Bezirke. Warum sind die anderen Stadtteile so uninteressant für die Story?

Nast: Man schreibt am besten über das, was man kennt. Ich könnte mir jetzt keine "Herr der Ringe"-Welt ausdenken. Ich bin schneller in Köln als in City-West. (lacht)

TAG24: Immer wieder kristallisieren Sie die Oberflächlichkeit der Generation Y heraus. Das macht sich vor allem an gelangweilten Charakteren und deren abschätzigen Gedanken bemerkbar. Wie sollte denn Ihrer Meinung nach ein erstes Gespräch, sagen wir in einer Bar, ablaufen? Worüber sollten zwei Fremde reden, um nicht Gefahr laufen zu müssen, abschätzig ad acta gelegt zu werden?

Nast: Die Figuren blicken mit dem kalten Blick von Soziopathen auf die Welt. So funktioniert unsere Gesellschaft. Man definiert sich über seinen Beruf, Geld, Dinge... Wir werden dazu angehalten, in den Kategorien „Gewinner“ und „Verlierer“ zu denken – auch in Beziehungen. Gerade bei einem Streit geht es ja eigentlich darum, konstruktiv nach einer Lösung oder einem Kompromiss zu suchen. Stattdessen gibt es auch hier Gewinner und Verlierer. So ticken auch die Romanfiguren. Für mich wäre die ideale Kennenlernsituation, dass es nur Vornamen gibt. Keine Jobs. Zwei Menschen begegnen sich und lernen sich als Menschen kennen. Die Chemie muss stimmen, man sollte sich keinen Stress machen.

TAG24: Unterscheidet sich die Vorstellung einer erfüllenden Beziehung heute von der der Generation unserer Eltern?

Nast: Wirtschaftliche Erwägungen spielten früher eine viel wichtigere Rolle als heute. Frauen waren von ihren Männern abhängig. Diese Beziehungen haben zwar oft ein Leben lang gehalten, waren aber wohl in den seltensten Fällen glücklich. Im Osten gab es eine hohe Scheidungsrate. Meine Mama hat mal gesagt: „Mit 20 hast du geheiratet, mit 30 hast du dich verliebt.“ (lacht)

"Ist das Liebe oder kann das weg?", "Generation Beziehungsunfähig", "Egoland" - Michael Nasts Bücher sind allesamt Kassenschlager.
"Ist das Liebe oder kann das weg?", "Generation Beziehungsunfähig", "Egoland" - Michael Nasts Bücher sind allesamt Kassenschlager.

TAG24: Woran liegt es, dass man sich in Ihren Charakteren so erschreckend oft wiedererkennt? Sind wir alle ein bisschen im „Egoland“ gefangen?

Nast: Natürlich. Wir sind verletzlich, wenn unser Ego angegriffen wird, denn wir sind alle ganz zerbrechliche Wesen. Wir umgeben uns mit Idealen die uns sagen: „So musst du sein“, “Diesen Job musst du haben“, „Du musst viel Geld verdienen“. Wenn das alles nicht so passt, dann greift das einen an. Schauen wir uns doch allein mal Instagram an. Das ganze Liken, das sind so kleine „Selbstwerterhöhungsmomente“. Freunde werden als Publikum wahrgenommen. Man baut eine Fassade auf, die aufrecht erhalten werden muss.

TAG24: Wieso erschien es Ihnen wichtig, in „Egoland“ häufiger Bezug zu Ihrer Person und dem Vorgängerbuch „Generation Beziehungsunfähig“ herstellen zu müssen?

Nast: Ich wollte nicht, dass die Leute denken, der Typ bin ich. Und ich fand es witzig. Ich mag diese selbstironischen und psychopathischen Bezüge.

TAG24: Sie nehmen in „Egoland“ öfter Bezug zur aktuellen politischen Situation in der Republik. Was sagen Sie zu den Geschehnissen in Chemnitz?

Nast: Nach dem, was in Chemnitz passiert ist, muss man etwas unternehmen und Stellung beziehen. Ich meine: Selbst Helene Fischer hat sich zu dem Thema geäußert. Helene Fischer! Die äußert sich ja nun wirklich äußerst selten mal zu so etwas. 2019 stehen die Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg an. Das wäre eine Chance, um die AfD ad acta zu legen. Es müsste Politik gemacht werden, die dieser Partei die Existenzberechtigung entzieht. Das, was wir derzeit erleben, ist ja reines Politikversagen. Dieses „Wir schaffen das“ 2015 hätte man ohne die vielen Ehrenamtlichen, die mit angepackt haben, nicht hingekriegt. Und die Regierung denkt nur noch an Schadensbegrenzung.

TAG24: Wie wird sich die Gesellschaft verändern?

Nast: Wir werden zwar keine Revolution in Deutschland haben, aber die Schere zwischen Arm und Reich wird weiter auseinandergehen. Die Menschen werden extremer wählen und erst dann werden sie feststellen, wie die Parteien wirklich agieren. Die AfD basiert ja beinahe ausschließlich auf Flüchtlingsthemen. Da gibt es keine Kompetenzen. Der Wirtschaftsflügel der AfD ist dem der FDP sehr ähnlich, aber viel härter. Und das dann in Kombination mit radikalem Gedankengut... Die Leute, die sich abgehängt fühlen, sehen gar nicht, was für eine Partei sie da wählen!

"Leipzig, ich bin bereit!" - Am 8. September 2018 las Michael Nast im "Haus Leipzig". Das Publikum bestand aus rund 90 Prozent Frauen.
"Leipzig, ich bin bereit!" - Am 8. September 2018 las Michael Nast im "Haus Leipzig". Das Publikum bestand aus rund 90 Prozent Frauen.

TAG24: Heute Abend lesen Sie im „Haus Leipzig“. Was verbinden Sie mit Leipzig?

Nast: Leipzig war die erste Stadt, in der ich gesehen habe, dass ich auch außerhalb von Berlin funktioniere. Es waren viele Leute bei der ausverkauften Lesung. Ich bin gerne zur Buchmesse hier und schaue auch, dass meine Bücher in etwa dann erscheinen, wenn die Leipziger Buchmesse ansteht. Mein neues Buch erscheint allerdings nächstes Jahr im September, dann stelle ich es auf der Frankfurter Buchmesse vor.

TAG24: Was möchten Sie den Berlinern, den Leipzigern und der Generation Y noch sagen?

Nast: Besinnt Euch auf die wahren Werte! Das ist auch der Anspruch meines nächsten Buches. Es wird um den Weg zu einem wahrhaftigen Leben gehen. Ein krasses Beispiel: Kurz nachdem wir auf dem Berliner Breitscheidplatz zur Weihnachtszeit den Terroranschlag hatten, war ich einkaufen. Da habe ich festgestellt, dass die Leute ganz anders miteinander umgehen. Drei Leute wollten einer alten Dame gleichzeitig die Tür aufhalten. In Berlin! Da war so eine ganz krasse Gemeinsamkeitsstimmung in der Stadt. Ich habe mich gefragt, warum erst so eine Scheiße passieren muss, damit die Leute aufwachen. Das, was momentan in unserem Land abgeht, wird dazu führen, dass sich die Leute besinnen. Schön wäre es, wenn sich die Menschen auf der Straße mal wieder anlächeln würden oder ein Maß finden, was den Handy- und Internetkonsum angeht. Also Leute: Achtet wieder mehr aufeinander!

TAG24: Michael Nast, vielen Dank für das Gespräch und viel Spaß auf der Lesung im "Haus Leipzig"!

Fotos: Screenshot/Instagram/Michael Nast, Omundo Media GmbH, Screenshot/Facebook/Michael Nast

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