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Maddie, Peggie, Monika Frischholz: Cold Cases beschäftigen Justiz über Jahrzehnte

Cold Cases beschäftigen die deutsche Justiz

Maddie, Peggy, Monika Frischholz. Ungelöste Kriminalfälle elektrisieren Medien und Öffentlichkeit. Denn nicht nur juristisch gilt: Mord verjährt nicht.

Flossenbürg/München - Wo ist Maddie? Wer hat Peggy aus Oberfranken umgebracht? Ungelöste Kriminalfälle wie derzeit die Suche nach der vor fast 43 Jahren verschwundenen Monika Frischholz beherrschen in regelmäßigen Abständen die Schlagzeilen. Vor allem wenn Kinder betroffen sind, reißen die Spekulationen nie ab - und die Hoffnung stirbt zuletzt.

Der Fall Monika Frischholz beschäftigt die Ermittler derzeit wieder.
Der Fall Monika Frischholz beschäftigt die Ermittler derzeit wieder.

Das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen hat eine Datenbank eingerichtet, in der alle 900 ungelösten Tötungsdelikte im bevölkerungsreichsten Bundesland seit 1970 gespeichert sind.

Darunter sind auch Mordversuche und besondere Vermisstenfälle - verschwundene Kinder etwa.

Der Berliner Senat meldete im Sommer vorigen Jahres 269 ungeklärte Mordfälle seit 1968. In Bayern sind es 198 Mordfälle seit dem Jahr 1986.

Dazu kommen dann noch deutlich ältere Fälle wie das Verschwinden von Monika, das derzeit wieder Schlagzeilen macht, weil die Polizei nach so vielen Jahren möglicherweise endlich vor einem Durchbruch steht.

Die unaufgeklärten machen zwar nur einen Bruchteil aller Fälle aus - die Aufklärungsquote in Bayern beispielsweise liegt nach Angaben des Innenministeriums in München bei mehr als 95 Prozent.

Aber es sind diese ungeklärten Fälle, die Fahnder und Öffentlichkeit nicht loslassen.

"Dass Verbrechen gesühnt werden müssen und Täter nicht davonkommen dürfen, ist eine uralte moralische Kategorie und trifft unser Gerechtigkeitsempfinden ins Mark", sagt der Journalistik-Professor Klaus Meier von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

"Ein ungelöster Kriminalfall löst deshalb immer kollektives Unwohlsein und gemeinschaftliche Unruhe aus."

Bundesweite Sondereinheiten für Cold Cases

Eine Kerze und ein Porträtfoto von Madeleine McCann stehen in Praia da Luz (Portugal).
Eine Kerze und ein Porträtfoto von Madeleine McCann stehen in Praia da Luz (Portugal).

Zum Fall der aus einem Hotel in Portugal spurlos verschwundenen Maddie McCann hat der leitende Ermittler von damals, Goncalo Amaral, ein vielbeachtetes Buch geschrieben.

Ähnlich geht es Johann Werner mit Monikas Fall, der nach einem Hinweis auf ein Tötungsdelikt als Mordfall eingestuft wird - auch wenn Monika bis heute nicht gefunden wurde.

Die Sache beschäftigt den damaligen Polizisten noch immer, mehr als vier Jahrzehnte danach. "Ich kannte Monika, konnte zum Haus der Familie hinüberschauen", sagte er der "Bild"-Zeitung.

Monika Frischholz hatte am Nachmittag des 25. Mai 1976 ihr Elternhaus verlassen und war nie zurückgekehrt.

In dieser Wochen fanden die Ermittler nach einem Hinweis einen vergrabenen alten VW-Käfer in einem Wald. Hoffnung keimt auf, dass das Rätsel um Monikas Verschwinden gelöst werden kann.

Denn es kommt immer wieder vor, dass eine neue heiße Spur doch noch einen "Cold Case" aufklärt. Überall in Deutschland befassen sich inzwischen Sondereinheiten der Polizei mit alten, ungeklärten Fällen, weil neue Kriminaltechnik nach Jahrzehnten neue Erkenntnisse verspricht.

So wurde im vergangenen November in Hessen ein 42-Jähriger wegen Mordes an der kleinen Johanna zu lebenslanger Haft verurteilt - fast 20 Jahre nach der Tat. Er soll die Achtjährige im September 1999 in Ranstadt verschleppt und dann getötet haben.

Jahrelang suchte die Polizei vergeblich nach dem Täter. Ermittlungen in einem Missbrauchsfall aus dem Jahr 2016 führten schließlich zur Festnahme des Mannes im Oktober 2017. Verfeinerte Analysemethoden von Fingerabdrücken halfen dabei, ihn zu überführen.

Mord verjährt nicht: Juristen zweifeln an Grundsatz

Ein Gedenkstein mit dem Porträt des Mädchens Peggy auf dem Friedhof.
Ein Gedenkstein mit dem Porträt des Mädchens Peggy auf dem Friedhof.

Juristisch betrachtet ist es völlig unerheblich, ob ein Täter unmittelbar nach der Tat oder Jahrzehnte später überführt wird. "Mord verjährt nicht" - dieser Grundsatz gilt in Deutschland seit 1979. Damals wurde das Strafgesetzbuch geändert, da Verbrechen aus der Nazi-Zeit sonst womöglich nicht mehr hätten geahndet werden können

Einige Juristen sehen die Regelung aber skeptisch. "Wir haben ja für schwere Straftaten lange Verjährungszeiten. Ob man da die Nicht-Verjährung für das Morddelikt auch heutzutage noch draufsetzen muss, scheint mir fraglich", meint etwa Jürgen Möthrath, Präsident des Deutschen Strafverteidiger Verbands.

Es sei zu überlegen, ob eine lange Verjährungsfrist ähnlich wie beim Totschlag ausreiche.

Auch aus Opfersicht habe er Bedenken, ob es sinnvoll sei, wenn Angehörige Jahrzehnte nach einer Tat ein Gerichtsverfahren durchstehen müssen.

Cold Cases: Prozessführung gestaltet sich schwierig

Einsatzkräfte der Polizei graben an einem möglichen Ablageort einer Mädchenleiche nahe Flossenbürg.
Einsatzkräfte der Polizei graben an einem möglichen Ablageort einer Mädchenleiche nahe Flossenbürg.

Der Passauer Rechtswissenschaftler Martin Asholt hält es ebenfalls für fraglich, heute noch die Regelung beizubehalten. "Man führt den Rechtsstaat an seine Grenzen", sagt der Jurist, der zum Thema Verjährung habilitiert hat.

Es sei in einem Prozess schwierig, auch noch nach Jahrzehnten Taten sicher aufzuklären. "Beweise sind vergänglich. Man verliert Unterlagen, Zeugen können sich nicht mehr erinnern oder sterben. DNA-Spuren allein reichen nicht."

Asholt führt weitere Punkte an, die aus seiner Sicht für eine Überprüfung der Unverjährbarkeit sprechen: Der Täter könnte sich in den vergangenen Jahren gebessert oder zumindest geändert haben.

Inwiefern muss ein 60-Jähriger noch für die Taten als 18-Jähriger strafrechtlich geradestehen? Sind 20, 30 Jahre Angst vor der Enttarnung nicht bereits Strafe genug? Und ist nach einer so langen Zeit der Rechtsfrieden nicht bereits wiederhergestellt?

Darüber könne man zumindest diskutieren.

Fotos: DPA, Polizeipräsidium Oberpfalz/dpa

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