Was soll der Müll aus ganz Europa in Sachsen?

Es gab auch einen Transport von strahlenbelastetem Bauschutt ehemaliger Atomkraftwerke aus dem Westen.
Es gab auch einen Transport von strahlenbelastetem Bauschutt ehemaliger Atomkraftwerke aus dem Westen.

Von Stefan Ulmen

Dresden - Farben und Lacke, Autoschrott und Giftschlamm, dazu sogar Bauschutt aus Atomkraftwerken: Zwischen 2010 und 2014 wurden laut Berechnungen der Grünen rund 5,1 Millionen Tonnen gefährliche Abfälle in unseren Freistaat importiert!

„Sachsen ist nicht nur eine der größten Müllhalden der Republik, sondern auch ein Müllmagnet“, schimpft Volkmar Zschocke (46), Fraktions-Chef im Sächsischen Landtag. Die Deponien seien überdimensioniert und bräuchten Müll aus aller Herren Länder, um profitabel arbeiten zu können.

Wie das Umweltministerium auf eine Landtags-Anfrage mitteilte, kam der meiste Müll von 2010 bis 2014 aus Italien (rund 1 Million Tonnen, knapp 20 Prozent an der Gesamtmenge), gefolgt von Sachsen-Anhalt (knapp 18 Prozent) und Bayern (knapp 10 Prozent).

Der meiste Müll von 2010 bis 2014 kam übrigens aus Italien.
Der meiste Müll von 2010 bis 2014 kam übrigens aus Italien.

Besondere Brisanz erhielt das Thema im vergangenen Oktober durch den Transport von strahlenbelastetem (kontaminiertem) Bauschutt ehemaliger Atomkraftwerke aus dem Westen.

Das Umweltministerium hält dagegen. „Der überwiegende Teil wird durch Recycling einer weiteren Verwendung zugeführt. Lediglich rund 20 Prozent gelangen auf Deponien. In Sachsen gibt es eine leistungsfähige Entsorgungswirtschaft, die in anderen Ländern nicht vorhanden ist“, so Sprecher Falk Hofer (39).

Doch das reicht den Grünen nicht als Rechtfertigung. Zschocke fordert eine verstärkte staatliche Aufsicht aller Abfallaktivitäten: „Neben dem Schutz der Umwelt und der Gesundheit der Einwohner geht es auch darum, die Gewinne nicht länger zu privatisieren und die Folgekosten auf die Gesellschaft abzuwälzen.“

Wirklich Müll

Kommentar von Stefan Ulmen

Es gibt Titel, auf die wir gerne verzichten würden: „Größte Müllhalde der Republik“ zum Beispiel. So wie es die Landtags-Grünen nach der jüngsten Import-Statistik über gefährliche Abfälle nach Sachsen formulierten.

Bei jeden neuen Zahlen zu diesem Thema kommt nahezu reflexartig der Aufschrei der Umweltschützer: „Wir lehnen das ab! Unterstützen Bürgerinitiativen, die sich dagegen wehren! Ergebnis verfehlter Politik der 90er Jahre!“ Und das Umweltministerium wird nicht müde zu beteuern, dass es im Freistaat fähige Wiederaufbereitungsbetriebe gibt wie die Nickelhütte Aue oder die Freiberger Muldenhütten Recycling und Umwelttechnik.

Die Wahrheit liegt (wie meistens) dazwischen, und man tut gut daran, über das Thema (um im Bild zu bleiben) nicht abfällig zu reden. Eine leistungsfähige Wiederverwertungs-Industrie ist keine Schande für den Freistaat. Aber die Grünen weisen auch zu Recht auf den fragwürdigen Spagat zwischen den privatwirtschaftlichen Gewinnen und dem Folgekosten für die Gesellschaft hin.

Hier ist Offenheit oberstes Gebot - und das war bei den Importen des Atom-Bauschutts in den Freistaat nicht immer so. Es ist fatal, wenn niemand in der Nachbarschaft einer Anlage erfährt, was dort passiert. Geheimniskrämerei ist wirklich Müll.

Fotos: Imago


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