Jede Minute zählt: Ärzte fliegen per Helikopter zu Schlaganfall-Patienten

München - Wenn ein Helikopter an einem Krankenhaus landet, bringt er meist schwer kranke Patienten zur raschen Behandlung. In München haben Ärzte das Szenario bei Schlaganfällen umgedreht: Sie fliegen zu ihren Patienten.

Der Arzt und Projektleiter Gordian Hubert sitzt im München Klinik Harlaching und untersucht mittels Videokonferenz eine Klinikmitarbeiterin, die in der Rolle einer Patientin agiert.
Der Arzt und Projektleiter Gordian Hubert sitzt im München Klinik Harlaching und untersucht mittels Videokonferenz eine Klinikmitarbeiterin, die in der Rolle einer Patientin agiert.  © DPA

Als Christian Maegerlein, Oberarzt am Münchner Klinikum Rechts der Isar, zum Helikopter eilt, zählt jede Minute. Die erst 39 Jahre alte Patientin in der knapp 70 Kilometer entfernten Klinik in Rosenheim hat einen schweren Schlaganfall erlitten.

"Sie war komplett halbseitig gelähmt. Es war klar: Wenn man nichts tut, geht das Gehirn irreversibel kaputt."

Der Neuroradiologe hat die Computertomographie-Bilder der Frau schon angesehen und weiß, wo das Blutgerinnsel in ihrem Gehirn steckt.

35 Minuten nach dem Start in München steht der Arzt im Operationssaal in Rosenheim. Die Patientin liegt bereits in Narkose. Der Arzt kann sofort mit dem Eingriff beginnen.

Mit Hilfe eines Katheters gelingt es ihm, das Blutgerinnsel aus dem Gehirn zu entfernen. Die Durchblutung ist wieder hergestellt.

Die Rosenheimerin war eine von bisher rund 60 Patienten des fliegenden Schlaganfall-Teams des Klinikums Rechts der Isar der Technischen Universität München und der München Klinik Harlaching. Bei dem bundesweit einmaligen Pilotprojekt fliegen Ärzte seit einem Jahr zu Patienten in Bayern.

Erste Auswertungen zeigen, dass mit dem Heli-Einsatz von der Diagnose bis zum Eingriff im Mittel 56 Minuten vergingen. Wurden die Patienten hingegen erst nach München zu den Spezialisten gebracht, dauerte es durchschnittlich 166 Minuten.

"Wir wissen seit Jahren, dass die Zeit bei der Schlaganfallbehandlung extrem wichtig ist", sagt Projektleiter Gordian Hubert. Pro Minute sterben knapp zwei Millionen Hirnzellen ab.

"Je länger wir warten, bis das Gefäß eröffnet wird, desto mehr Gehirnzellen sterben."

260.000 Menschen in Deutschland erleiden jährlich einen Schlaganfall

Ein Arzt und eine Mitarbeiterin der Klinik Harlaching in München steigen in einen Hubschrauber.
Ein Arzt und eine Mitarbeiterin der Klinik Harlaching in München steigen in einen Hubschrauber.  © DPA

Seit einigen Jahren behandeln Spezialisten Patienten, bei denen ein großes Blutgerinnsel den Schlaganfall verursacht hat, mit der sogenannten Thrombektomie.

Ein Katheter wird durch die Leistenarterie ins Gehirn geschoben. Der Blutpfropf wird dort mit einem Metallgeflecht gegriffen und über die Arterie entfernt. In Kliniken auf dem Land oder in kleineren Städten wie Rosenheim gibt es bisher keine Experten, die den schwierigen Eingriff vornehmen können.

Der Thrombektomie erzielt laut Wolf-Rüdiger Schäbitz von der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft in bestimmten Fällen sehr gute Erfolge.

"Wenn die Methode erfolgreich durchgeführt wird, kann man damit im günstigsten Fall bei jedem zweiten Patienten eine deutliche Verbesserung des Behinderungsgrades erreichen", sagt Schäbitz, der die Neurologie am Evangelischen Krankenhaus Bethel leitet.

Etwa 260.000 Menschen erleiden in Deutschland jährlich einen Schlaganfall. Die Thrombektomie kommt laut Schäbitz für etwa drei bis fünf Prozent der Patienten in Frage.

Mit dem Heli zum Patienten: Ein einmaliges Projekt

Gordian Hubert beschreibt mit einer Präsentation die zunehmende Schädigung des Gehirns nach einem Schlaganfall im Zeitverlauf.
Gordian Hubert beschreibt mit einer Präsentation die zunehmende Schädigung des Gehirns nach einem Schlaganfall im Zeitverlauf.  © DPA

Der Heliflug zum Schlaganfallpatienten ist ein Novum. Ein vergleichbares Projekt sei ihm nicht bekannt, sagt Hubert. Er habe bisher nur von einem Einzelfall in den USA gehört, bei dem ein Arzt für den Eingriff zu einem Patienten geflogen wurde.

Eine siebenstellige Summe kostet das von den Krankenkassen finanzierte und von der bayerischen Staatsregierung unterstützte Projekt pro Jahr.

Wenn sich die Zeitersparnis bestätige und die Behandlung vor Ort ebenso gut möglich ist wie in den Zentren, könne das hohe Folgekosten sparen, sagt Hubert.

"Man muss auch einrechnen: Was sind die Pflegekosten hinterher?" Um belastbare Zahlen darüber zu erhalten, müssten die nächsten beiden Projektjahre abgewartet werden.

"Das Projekt kann für den Patienten den Zugang zu einer lebensrettenden Therapie bedeuten", sagt Schäbitz. "Es kann zu einer schnelleren Versorgung führen - und damit zu geringeren Folgeschäden."

Aber: "Der Aufwand ist beträchtlich und bindet viele Ressourcen, um einen einzigen Patienten zu behandeln." Immerhin sei ein Arzt stundenlang dafür unterwegs.

"Deshalb glaube ich, das ist tendenziell etwas für strukturschwache, weitläufige und bevölkerungsarme Regionen", so der Bielefelder Neurologe.

In Deutschland werde der Flug eher "ein Nischenprodukt" sein, da die Schlaganfallversorgung sehr gut organisiert sei. Um die Zeit bis zur Behandlung zu verkürzen, gibt es mehrere Ansätze. In Heidelberg und Hamburg zum Beispiel werde es mit dem Auto versucht, so Hubert, in Berlin und im Saarland gebe es spezielle Schlaganfallmobile, in denen sofort eine Therapie beginnen kann.

Der Frau aus Rosenheim hat der schnelle Eingriff der Heli-Ärzte wahrscheinlich das Leben gerettet oder zumindest ein Leben als Pflegefall erspart.

Die schon betroffenen Hirnareale haben sich erholt, sagt Maegerlein. "Es geht der Patientin sehr gut. Sie hat keine körperlichen Folgen behalten und kann wieder ein vollkommen normales Leben führen."

Titelfoto: DPA

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