Ein würdiger Abschied für den CSU-Chef? Horst Seehofer gibt auf

München - Die Liste seiner politischen Erfolge ist lang, die seiner politischen Niederlagen auch - und letztere wurde zuletzt immer länger. Nun zieht Horst Seehofer (69) unter massivem Druck in seiner Partei wohl die Konsequenzen.

Horst Seehofer konnte in seiner Karriere viele politische Erfolgen verbuchen. (Archivbild)
Horst Seehofer konnte in seiner Karriere viele politische Erfolgen verbuchen. (Archivbild)  © DPA

Einsam war es zuletzt um Seehofer geworden, sehr einsam. Niemand stellte sich hinter ihn, als sich immer mehr Bezirks- und Kreisverbände, Abgeordnete und Landräte, ja sogar einst Wohlmeinende von dem 69-Jährigen in letzter Zeit weiter abwandten.

Jetzt hat, nach dem Verzicht von Angela Merkel (64) auf den CDU-Vorsitz, auch Seehofer die Reißleine gezogen, will den Posten als CSU-Chef frühzeitig räumen, Anfang 2019. Und auch sein Amt als Bundesinnenminister will Seehofer abgeben.

So hat er es nach Teilnehmerangaben der CSU-Spitze mitgeteilt. Der Zeitplan ist offen.

Es ist eine Zäsur, nicht nur für die CSU, sondern für die gesamte deutsche Politik: Seehofer, eines der großen Polit-Alphatiere, einer der alten Haudegen, von denen es nur noch wenige gibt, steht damit kurz vor dem endgültigen politischen Aus.

Die Zeiten absoluter Mehrheiten für die CSU scheinen endgültig Geschichte. Und sein persönliches Ansehen ist Umfragen zufolge ebenfalls längst im Keller angelangt.

Schmerzhaft für Seehofer: Er, der immer ankündigte, er wolle am Ende seiner Karriere einen geordneten Übergang gestalten, ist damit aus CSU-Sicht nun doppelt gescheitert.

Nach der Bundestagswahl-Pleite im vergangenen Jahr musste er auf Druck seiner Partei und insbesondere der Landtagsfraktion die Staatskanzlei in München räumen und Platz für seinen ewigen Kontrahenten Markus Söder machen.

Und jetzt, nach dem Absturz bei der Landtagswahl, hat ihn seine Partei binnen lediglich weniger Wochen faktisch auch noch aus dem Amt des Parteivorsitzenden gejagt. Und wiederum dürfte sein Nachfolger Markus Söder (51) heißen.

Hat Seehofer Gespür verloren?

In der CSU war Horst Seehofer bereits seit langer Zeit nicht unumstritten. (Archivbild)
In der CSU war Horst Seehofer bereits seit langer Zeit nicht unumstritten. (Archivbild)  © DPA

Selbst Wohlmeinende nennen es tragisch, dass Seehofer in der Vergangenheit schon mehrere Möglichkeiten und Zeitpunkte für einen selbstbestimmten Rücktritt verstreichen ließ.

Einer beschreibt es so: Seehofer, der immer von sich behauptete, feinen Instinkt für das zu haben, was die Menschen bewegt, habe zum Schluss das Gespür für die Stimmungen in Bevölkerung und Partei verloren.

Beratungsresistent sei er geworden, schimpften viele CSU-ler zuletzt, völlig abgehoben. Zwar war Seehofer schon immer ein politischer Eigenbrötler, ein politischer Sturkopf, der, wenn es kritisch wurde, immer nur sich selbst vertraute, Entscheidungen nur mit sich selbst ausmachte. Das aber sei zuletzt immer schlimmer geworden, heißt es.

Die CSU und Seehofer hatten sich längst weit, weit auseinandergelebt.

Andererseits hat die Partei Seehofer viel zu verdanken, das räumen auch dessen Gegner ein. Sie loben etwa Seehofers sozialen Kompass, der manchen Politikern heute fehle. "Soziales Gewissen" der CSU wurde der Ingolstädter genannt.

Tatsächlich hat Seehofer seiner Partei mehr als 45 Jahre lang gedient - und sie mit geprägt. Insgesamt 28 Jahre saß er für die CSU im Bundestag. Er brachte es zum Bundesminister, zum Parteichef und bayerischen Ministerpräsidenten.

Dabei hat er Höhen und Tiefen erlebt wie kaum ein anderer, persönlich und politisch. 2002 erlitt er eine Herzmuskelentzündung, die ihn fast das Leben kostete. Seine Karriere stand auf dem Spiel, als er einst im Streit über die Gesundheitspolitik als Bundestags-Fraktionsvize zurücktrat. Er kam zurück.

Im Jahr 2008 folgte eine der größten Stunden: Nach dem damaligen Landtagswahl-Fiasko und dem Verlust der absoluten Mehrheit holte ihn die CSU als Retter, er wurde in Personalunion CSU-Chef und Ministerpräsident.

Würdiger Abschied für Seehofer?

Horst Seehofer steht auch deutschlandweit immer mehr in der Kritik. (Archivbild)
Horst Seehofer steht auch deutschlandweit immer mehr in der Kritik. (Archivbild)  © DPA

Es folgte wieder ein Auf und Ab. Seehofers größter Erfolg war die Rückeroberung der absoluten Mehrheit der Mandate im Landtag 2013. Doch er musste auch viele Niederlagen verantworten, etwa die Pleite bei der Europawahl im Jahr 2014.

Ähnlich war es auch bei der Bundestagswahl im Herbst 2017, als Seehofer gleichzeitig für und gegen die Kanzlerin war. Folge war ein Absturz auf nur noch 38,8 Prozent. Am Ende konnte er sich nur deshalb als Parteichef halten, weil er bereit war, das Ministerpräsidenten-Amt zu räumen.

Zur Wahrheit gehört aber auch: In Berlin, bei den laufenden Koalitionsverhandlungen, wollte die CSU nicht auf ihn verzichten.

Er war der einzige, dem man die nötige Durchschlagskraft attestierte. Seehofer nutzte dies, um noch einmal durchzustarten. Er zimmerte sich ein Riesen-Innenministerium zurecht.

In dem Amt polarisierte er von Anfang an, keinem Streit ging er aus dem Weg. Zwei Regierungskrisen, einmal wegen der Asylpolitik, einmal wegen der Causa Maaßen, gingen mindestens mit auf Seehofers Konto. Für weite Teile der Opposition war der Bundesinnenminister von Anbeginn an der Gegner Nummer eins.

Auch im Ansehen der Bevölkerung rutschte er weiter ab, kündigte seinen Rücktritt an - und am Ende doch beide Ämter behielt.

Diesmal aber soll Seehofers Rücktritt tatsächlich endgültig sein: Anfang 2019 als Parteichef, und dann, wohl sehr bald, auch als Minister. Den Zeitplan will Seehofer in dieser Woche verkünden. Eines immerhin will die CSU ihrem Noch-Vorsitzenden ermöglichen, betont einer aus dem engsten Führungszirkel der Partei: einen "würdigen Abschied".

Horst Seehofer (l.) lieferte sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (r.) heftige Auseinandersetzungen.
Horst Seehofer (l.) lieferte sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (r.) heftige Auseinandersetzungen.  © DPA

Titelfoto: DPA

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