Süchtig nach Sport: Wie viel Muskeln sind zu viel?

München - Wer als Freizeitsportler einen muskulösen Körper mit dicken Bizeps und Waschbrettbauch will, muss hart dafür arbeiten. Nicht wenige greifen zu verbotenen Präparaten.

Wer sich trotz Muskeln schwach und dünn fühlt, leidet wahrscheinlich unter einem "Adonis-Komplex".
Wer sich trotz Muskeln schwach und dünn fühlt, leidet wahrscheinlich unter einem "Adonis-Komplex".  © Nicolas Armer/dpa

Für einige Männer wird die Schinderei zur Sucht: Muskelwachstum wird zur fixen Idee, Sport zum Zwang. Durchtrainiert wirken die Körper in der Werbung für Studios und Trainingsgeräte. Kaum ein Gramm Fett am Körper. Ideal, oder?

Das sehen Dauersportler wie Gerrit für sich selbst anders: "Ich würde sagen, dass man nie wirklich zufrieden ist", sagt der angehende Lehrer, 24, aus Frankfurt am Main.

Er sei zwar muskulöser als der Durchschnittsbürger. Aber: "Beim Blick in den Spiegel fallen mir schon verschiedene Muskelpartien auf, auf die ich mich mehr fokussieren könnte." Seinen vollen Namen und Fotos möchte er nicht in den Medien sehen.

"Adonis-Komplex" hat der US-amerikanische Psychiater Harrison G. Pope schon vor Jahren ein Phänomen genannt, bei dem Männer besessen sind von dem Gedanken, ihren Körper perfekt zu stylen. Der Name verweist auf eine mythologische Göttergestalt.

Mittlerweile ist klar: Hier geht es um mehr als um persönliche Eitelkeit und Selbstoptimierung. Fachleute sprechen von einer psychologischen Erkrankung, wenn sich das Leben um fast nichts anderes mehr dreht.

Perfekter Körper, verzerrtes Bild: Wann die Muskelsucht beginnt

Nachgeholfen: Ein Mann mischt sich nach dem Training Proteinpulver in seinen Shaker.
Nachgeholfen: Ein Mann mischt sich nach dem Training Proteinpulver in seinen Shaker.  © Nicolas Armer/dpa

Gerade in der Bodybuilder-Szene sind nach Meinung von Experten viele anfällig. Zu den Anzeichen gehört, dass das Urteil über das eigene Aussehen verzerrt ausfällt.

Vom Adonis-Komplex betroffene Männer halten sich trotz vieler Muskeln für unverhältnismäßig klein und schwach, wie der in Australien tätige Neuropsychiater Philip E. Mosley schrieb.

Ein bepackter Körper allein ist aber noch kein Beleg für Sucht. Für Muskelsucht braucht es bestimmte Merkmale in der Persönlichkeit. Bei Männern geht es häufig um ihren Selbstwert. Sie definieren ihn stark über Äußerlichkeiten. Ursachen könnten in der Kindheit und Jugend liegen: etwa, weil man pummelig war und deshalb gehänselt wurde.

Doch die Sache hat nicht nur persönliche Wurzeln. Auch gesellschaftlich ist das Bild vom starken Mann sehr präsent. Schon der Nachwuchs habe es im Kopf, fanden drei Forscher aus den USA und Australien heraus. Sie legten Kindern um die 10 Jahre Superhelden-Figuren vor wie Batman, Spiderman und Hulk. Mal normal, mal mit extremen Muskelpaketen. Die Jungen hätten die hyper-muskulären Actionfiguren bevorzugt, schreiben die Forscher.

Der US-Psychologe Harrison G. Pope vermutet, dass es in weiten Teilen ein Phänomen unserer Zeit ist. Männer der 1950er und 1960er Jahre hätten sich keine großen Gedanken über ihre Muskeln gemacht.

Schwarzenegger machte Muskel-Berge zum Trend

Der österreichische Schauspieler Arnold Schwarzenegger steht in München vor einem Poster, das ihn als Bodybuilder zeigt. (Archivbild)
Der österreichische Schauspieler Arnold Schwarzenegger steht in München vor einem Poster, das ihn als Bodybuilder zeigt. (Archivbild)  © Istvan Bajzat/dpa

Doch dann erschien Arnold Schwarzenegger mit seinem Bodybuilder-Film "Pumping Iron" (1977) auf der Bildfläche, der aktuell bei Netflix läuft.

Der heute 72-Jährige lässt darin absurd große Muskeln spielen, mit denen er vielfach die Titel Mister Universum und Mr. Olympia gewann. Und er stemmt Gewichte, bis die Muskeln brennen.

Das Pumpen - für Schwarzenegger wie ein Orgasmus. "Blut rauscht in deine Muskeln, das nennen wir den Pump. Deine Muskeln fühlen sich ganz angespannt an, als ob deine Haut jede Minute explodiert. Als ob jemand Luft in die Muskeln blasen würde", erklärt er im Film. "Es ist so befriedigend wie das Gefühl zu kommen. Sex mit einer Frau zu haben und zu kommen."

Hollywoodstar Schwarzenegger ("Terminator") wurde zum Idol. Nicht wenige waren von den kraftstrotzenden Kerlen fasziniert und versuchten, ihnen nachzueifern. Doch trotz harten Trainings scheiterten viele kläglich. "Oft wussten sie nicht, dass sich diese Models heimlich auf Drogen verließen", schilderte Pope.

"Unsere Forschungen haben uns davon überzeugt, dass der männliche Körper einen bestimmten Level von Muskulösität nicht überschreiten kann ohne Hilfe von Steroiden oder anderer Chemikalien." Doping also.

Titelfoto: Nicolas Armer/dpa

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