Neue Rinderseuche bringt Tierschützer und Bauern zum Verzweifeln

München - Vor einem Jahr kehrte die Blauzungenkrankheit nach Deutschland zurück. Landwirte aus Bayern leiden seither unter massiven Umsatzeinbußen, obwohl ihre Tiere gesund sind. Tierschützer befürchten Schlimmes.

Zu ersteigernde Kälber stehen bei einer Zuchtviehauktion in der Schwabenhalle in Buchloe in einem Stall.
Zu ersteigernde Kälber stehen bei einer Zuchtviehauktion in der Schwabenhalle in Buchloe in einem Stall.  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Das Rind hat Fieber, manchmal entzünden sich die Zitzenhaut oder die Schleimhäute an den Augenlidern, der Mundhöhle und den Genitalien. In seltenen Fällen färben sich der Maulbereich und die Zunge blaurot - Symptome der sogenannten Blauzungenkrankheit.

Das Virus wird nicht direkt von Tier zu Tier, sondern von Mücken auf Rinder, Schafe, Ziegen und andere Wildwiederkäuer übertragen. Für den Menschen ist es ungefährlich, Fleisch- und Milchprodukte können unbedenklich verzehrt werden.

Vor einem Jahr wurden erstmals seit 2012 wieder Ausbrüche der Blauzungenkrankheit in Deutschland gemeldet. Seither sind im Bundesgebiet fast 60 Fälle bekannt, in Bayern keiner.

Trotzdem verzeichnen Landwirte im Freistaat massive Umsatzeinbußen beim Verkauf von Kälbern. Der Grund: Bei einer Erkrankung wird eine Sperrzone in einem Umkreis von 150 Kilometern eingerichtet. Wegen Ausbrüchen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz liegen Gebiete im Westen Bayerns in einer Restriktionszone.

Für den Verkauf der Tiere gibt es strenge Regelungen: Nur geimpfte Kälber dürfen außerhalb der Sperrzone verkauft werden. Und diese Sperrzonen bleiben mindestens zwei Jahre nach Krankheitsausbruch aufrechterhalten.

Doch Impfen ist für einige Landwirte keine Option. "Ich sehe nicht ein, warum ich ein gesundes Tier diesem Stress aussetzen soll", sagt Christian Hauber, der in Missen-Wilhams im Allgäu einen Biohof mit Milchkühen führt.

Tatsächlich gab es in der Vergangenheit Fälle von Impfschäden bei Rindern, Ziegen und Schafen nach Blauzungenimpfungen, die von der Tierseuchenkasse entschädigt wurden.

Politik lässt Landwirte bei Rinder-Krankheit im Stich

Eine zu ersteigernde Jungkuh wird Interessierten vorgeführt. Wegen der Krankheit bekommt man kaum noch Geld für Rinder.
Eine zu ersteigernde Jungkuh wird Interessierten vorgeführt. Wegen der Krankheit bekommt man kaum noch Geld für Rinder.  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Doch ohne Impfung bleiben nur zwei Möglichkeiten.

Variante 1 ist der Verkauf innerhalb der Sperrzone. Dort stauen sich die Tiere mittlerweile auf dem Markt. Durch die Übersättigung sind die Preise für Kälber ungeimpfter Muttertiere stark gesunken.

"Der Preis ist so gefallen, dass sogar diejenigen, die geimpft haben, kaum Geld bekommen - oder nur ein Bruchteil dessen, was ein Kalb wert ist", sagt Landwirt Hauber. Laut der Allgäuer Herdebuchgesellschaft liegt der wirtschaftliche Schaden pro Kalb durchschnittlich bei 150 bis 180 Euro.

Variante 2 ist der Verkauf in die Niederlande. In einem Sonderabkommen wurde vereinbart, dass ungeimpfte Kälber mit einem virusfreien Bluttest dorthin verfrachtet werden dürfen. "Da schaut es dann so aus, dass ich für ein weibliches Kuhkalb, das sechs Wochen alt ist, 5 bis 10 Euro oder gar nichts bekomme", sagt der Landwirt. Die Kosten für die Aufzucht, die sich laut Hauber auf etwa 100 Euro belaufen, können damit nicht mal annähernd gedeckt werden. Auch für ein männliches Fleckvieh-Kalb bekomme er derzeit lediglich 200 bis 220 Euro - die Hälfte des üblichen Preises. "Dadurch gehen 4000 bis 5000 Euro aufs Jahr gerechnet flöten."

Der Landtagsabgeordnete Leopold Herz (Freie Wähler) bezeichnet die Situation der Landwirte als Katastrophe. Ende September wandte er sich in einem Brandbrief an Bundes- und Landesregierung. Darin schreibt er: "Wenn wir weiterhin so agieren wie bisher, machen wir uns schuldig, dass es zu weiterem Höfesterben in der bäuerlichen Landwirtschaft kommt."

Bisher haben sich Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nicht zurückgemeldet.

Tierschützer befürchten den Tod vieler Kälber

Wohin mit den Kälbern? Wenn Bauern ihrer Tiere nicht mehr verkaufen können wird die Kapazität im Stall knapp.
Wohin mit den Kälbern? Wenn Bauern ihrer Tiere nicht mehr verkaufen können wird die Kapazität im Stall knapp.  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) erklärte aber in einer Antwort, sein Ministerium habe das Bundesministerium schon "nachdrücklich darum gebeten", die Risikobewertung des Friedrich-Loeffler-Instituts, das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, zu prüfen und anzupassen.

Letztlich könne eine Änderung der Regelungen nur durch die Länder unter Einbindung des Bundeslandwirtschaftsministeriums erfolgen, die sich auf eine entsprechend angepasste Risikobewertung des Instituts stützt.

Ein neues Tierschutzproblem werde geradezu provoziert, meint der Landtagsabgeordnete Herz. Denn die meisten Höfe sind nicht für eine Kälbermast eingerichtet. Und das stellt Probleme hinsichtlich des Platzbedarfes und der Futtermenge dar.

Tierschützer befürchten, dass sich die Lage im Winter verschärfen könnte und Tiere erfrieren werden, da Bauern nicht genügend Kapazität haben und ihr Vieh ins Freie schicken.

"Das muss kein schlechter Mensch sein, die wirtschaftliche Lage führt dazu", sagt ein Tierschützer.

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