Diese Frau schreibt einen Blog über den Priester-Alltag

Hier besuchen die Beiden den Petersdom.
Hier besuchen die Beiden den Petersdom.

Münster/Berlin - Eine junge Journalistin aus Berlin, ein Priester aus der Provinz und eine Mission: Ein Jahr lang taucht sie ein in die ihr fremde Lebenswelt des Geistlichen, fragt, hakt nach und dokumentiert all das im Internet.

Welten liegen zwischen dem Leben der Berliner Journalistin Valerie Schönian und dem des katholischen Priesters Franziskus von Boeselager im westfälischen Münster. Schönian begleitet den Priester für ein Jahr in seinem Alltag.

Ihre Erfahrungen hält sie in einem Internetblog fest. Dazu gehört die wöchentliche Messe genauso wie die hitzige Diskussion über die Rolle der Frau in der katholischen Kirche. Sie beide sind "Valerie und der Priester" - ein Projekt der Deutschen Bischofskonferenz.

"Meine ersten Gedanken waren: keine Familie, keine Frau, kein Sex, keine freien Sonntage. Was bewegt jemanden dazu, all das in Kauf zu nehmen und Priester zu werden?" So erklärt Schönian, warum sie vom Projekt fasziniert ist. Für sie selbst spielte Kirche spätestens seit der Konfirmation keine Rolle mehr in ihrem Alltag.

Im vergangenen Mai änderte sich das drastisch. Seitdem wohnt die 25-Jährige rund die Hälfte des Monats im Hotel direkt neben der Kirche St. Pantaleon im Stadtteil Roxel. 30 Sekunden sind es bis ins Pfarrhaus. Im Terminplan stehen jetzt Morgenandacht, Priesterweihe und Beerdigungen statt Hauptstadttrubel.

Sich auf Schritt und Tritt begleiten zu lassen, war für von Boeselager zunächst unvorstellbar. "Aber ich glaube, dass es auch der Wille Gottes ist. Es ist mein Job preiszugeben, was mich erfüllt", begründet er, warum er dennoch zustimmte. Es mache Spaß, von seinem Glauben zu reden.

Die Deutsche Bischofskonferenz finanziert das Projekt. "Das entscheidende Ziel ist es, über Fragen des Glaubens ins Gespräch zu kommen", erklärt Michael Maas, Projektinitiator und Leiter des Zentrums für Berufungspastoral. "Franziskus ist eben nicht nur eine Amtsperson, sondern wird auch als Mensch erfahrbar." Der Priester sei bereit, Auskunft zu geben über Leben und Glauben.

Priester Franziskus von Boeselager sprach mit Valerie auch über Themen wie Homosexualität.
Priester Franziskus von Boeselager sprach mit Valerie auch über Themen wie Homosexualität.

Und Schönian? Ist es für sie ein Gewissenskonflikt, für die Interessen einer Organisation zu arbeiten, der sie eher skeptisch gegenübersteht?

"Die Frage war für mich nicht, ob ich der Kirche damit helfe, sondern ob ich fragen und schreiben kann, was ich will", antwortet die Journalistin im Gespräch. Sie darf. Nur nicht den Dialog abbrechen, das ist die einzige Bedingung ihrer Auftraggeber.

Leichter gesagt als getan. Sich abzuwenden, wenn von Boeselager anders denkt, ist keine Option. Nach einer erbitterten Diskussion über Homosexualität auf einem Flug nach Rom landete das Flugzeug - und das uneinige Gespann musste den Weg in die Innenstadt suchen. Das Thema erstmal abhaken und weiter zum nächsten Termin, das sei in solchen Situationen die einzige Lösung, darin sind sich beide einig.

"Franziskus wird weder aufhören, Priester zu sein, noch werde ich zur Nonne", vermutet Schönian lachend. Doch auch wenn sie sich gegenseitig nicht vollends überzeugen können, wollen beide ihren Horizont erweitern. "Natürlich werden wir damit nicht die Welt retten. Aber wir versuchen einen anderen Standpunkt zu verstehen, ohne unsere Meinung zu ändern", sagt sie.

Wilhelm Tolksdorf, Dozent für Pastoraltheologie an der Katholischen Hochschule in Paderborn, sieht in diesem Dialog auch eine Chance für die Kirche: "Ich wünsche mir, dass es ganz viele Valeries gibt, also Menschen, die Fragen stellen. Nur so kann sich die Kirche weiterentwickeln."


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