Neid als Mordmotiv: Schräger "Tatort" wird zur Sozial- und Psycho-Studie

Kiel - In den meisten Krimis erfährt der Zuschauer erst ganz am Ende, wer der Mörder ist. Im neuen Tatort "Borowski und das Glück der Anderen" ist das anders.

Der Kommissar und seine Kollegin Almila Bagriacik (Mila Sahin) in einer Szene des "Tatort: Borowski und das Glück der Anderen"
Der Kommissar und seine Kollegin Almila Bagriacik (Mila Sahin) in einer Szene des "Tatort: Borowski und das Glück der Anderen"

Nach dem dramatischen Mord an einem smarten, gut aussehenden Mann in Designer-Klamotten tritt urplötzlich seine Nachbarin von gegenüber auf den Plan.

Die Kassiererin ist aus Neid in die Villa eingebrochen, auf der Suche nach einem Jackpot-Los. Das hätte ihr einen Gewinn 14,2 Millionen Euro gesichert.

"Die Spannung entsteht nicht durch die Suche nach dem Mörder, sondern sie liegt in der Betrachtung des Umfelds und der menschlichen Schicksale", sagt Regisseur Andreas Kleinert in einem Interview in der Pressemappe zum "Tatort", der am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen ist.

Der Krimi zeigt zum Anfang einen Blick von oben auf die adrette Wohnsiedlung, um sich dann dem Schicksal einzelner Personen zu nähern.

Kommissar Borowski (Axel Milberg) stattet in einer Szene des "Tatort: Borowski und das Glück der Anderen" Peggy Stresemann (Katrin Wichmann) einen Besuch im Supermarkt ab.
Kommissar Borowski (Axel Milberg) stattet in einer Szene des "Tatort: Borowski und das Glück der Anderen" Peggy Stresemann (Katrin Wichmann) einen Besuch im Supermarkt ab.  © Christine Schroeder/NDR/ARD/dpa

In ihrem Zuhause dreht Kassiererin Peggy, die ausdrucksstark Katrin Wichmann verkörpert wird, schließlich durch und in Rückblenden wird dann auch der Grund ihrer Unzufrieden nach und nach deutlich.

Ihr Mann Micha, ein in sich ruhender Elektriker, der sympathisch und recht prollig von Aljoscha Stadelmann dargestellt wird, greift gern zur Bierdose, sieht fern und scheint so auch zufrieden mit seinem Leben.

Peggy ist das nicht mehr genug: "Wir sind glücklich, oder? Wir haben alles, was wir brauchen, oder?", fragt Peggy von zweifelnd. "Mehr wäre unanständig", antwortet ihr Micha.

Zuvor hatte Peggy allerdings durchs Fenster beobachtet, wie die Nachbarn gegenüber während der Ziehung der Lottozahlen jubeln. Die haben den Jackpot gewonnen, da ist sich Peggy sicher. Ihr Frust steigert sich noch, als die elegant-kühle Frau des Nachbarn sich mit Edelpralinen und Champagner eindeckt - und sogar auf Treuepunkte als Bonus verzichten kann.

Peggy fühlt sich nicht genug wahrgenommen und wird der Frau, deren Rolle gänsehaut-intensiv und unnahbar von Sarah Hostettler umgesetzt wird, das später auch deutlich machen: "Du hast mich nie gegrüßt, ich bin morgens wach, wenn du noch schläfst, ich räume die Regale für dich ein, ich sage danke, du kennst mich gar nicht."

Gedemütigt fühlt sie sich auch von deren Mann, der sie bei dem Einbruch überrascht und sie auf widerlich arrogante Art, die Volkram Zschiesche hervorragend spielt, zu einer Bluttat reizt.

Die Schauspieler Almila Bagriacik (links) und Axel Milberg stehen vor einem der Drehorte für den aktuellen Tatort im schleswig-holsteinischen Niendorf.
Die Schauspieler Almila Bagriacik (links) und Axel Milberg stehen vor einem der Drehorte für den aktuellen Tatort im schleswig-holsteinischen Niendorf.  © Christine Schroeder/NDR/ARD/dpa

Im Gegensatz zum Zuschauer bekommen Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) und seine junge Kollegin Almila Bagriacik (Mila Sahin) zunächst keinen Einblick in die Hintergründe des Verbrechens.

Milberg mimt Borowski wie eh und je mit lakonischem Humor, großer Ermittlererfahrung und zaudernd. Bagriacik übernimmt den Gegenpart - impulsiv, voreilig und zupackend.

Das Ermittlerduo spielt sich in seiner zweiten "Tator"-Episode offenbar immer besser aufeinander ein.

Skurrile, überzeichnete Szenen mit schwarzem Humor prägen diesen "Tatort" in der für Regisseur Kleinert typischen Filmsprache. Der erhielt übrigens schon vier Mal den Grimme-Preis.

An Feinsinn fehlt es dennoch nicht, etwa wenn Borowski auf die Frage, ob er glücklich sei, doppeldeutig antwortet: "Zum Glück fehlt mir die Frau."

Für den Zuschauer wird diesmal keine Täterin überführt, sondern eine falsche Sicht darauf, was Glück bedeutet. "Menschen sind soziale Wesen und gerade der Vergleich mit anderen, der ständige Drang nach mehr Geld, Macht, Wachstum und Konsum macht vor allem eins: unglücklich", sagt Moderator und Mediziner Eckart von Hirschhausen, der mal Pate der ARD-Themenwoche "Zum Glück" war.

Milberg betont: "Glücksberater sagen, vergleiche dich nicht!"

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