Immer mehr Menschen sterben, weil sie ein Selfie machen

Neu Delhi/Colombo - Traumstrände, Natur, wilde Tiere - Sri Lankas Charme zieht Touristen an. Darunter eine 35-jährige Deutsche, die vor wenigen Wochen den Horton-Plains-Nationalpark im Inselstaat besuchte. An einer über 1000 Meter hohen Klippe, die "World's End" (Ende der Welt) genannt wird, wollte sie ein Selfie machen - und stürzte in den Tod.

Für Likes nehmen viele junge Menschen Risiken in Kauf.
Für Likes nehmen viele junge Menschen Risiken in Kauf.  © 123rf.com/lzflzf

Der weltweit beliebte Reiseführer "Lonely Planet" hat Sri Lanka zum Top-Reiseziel im kommenden Jahr erklärt. Für das Land im Indischen Ozean ist das eine tolle Nachricht. Denn neun Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges kann das Land die Einnahmen aus dem Tourismus gut gebrauchen.

Doch in den traumhaften Landschaften spielen sich immer öfter Tragödien ab. Denn mit ihrer Vorliebe, sich selbst vor schönen Kulissen zu fotografieren, begeben sich Touristen oft in Gefahr.

Zum Beispiel auf den malerischen Bahnstrecken durch den Dschungel im Landesinneren von Sri Lanka. "Die Zahl der Ausländer, die aus fahrenden Zügen auf das Trittbrett steigen, um Selfies zu machen, nimmt zu", sagt Anura Premaratna, Sicherheitschef von Sri Lankas Bahngesellschaft.

2018 hat es ihm zufolge 450 Todesfälle auf den Zugstrecken Sri Lankas gegeben - wie viele davon bei Selfies passierten, sei statistisch nicht erfasst. Ein 2017 beschlossenes Selfie-Verbot auf Bahnschienen werde bislang nicht durchgesetzt.

Indien aber ist mit Abstand das Land mit den meisten Selfie-Toten. Das haben zwei Studien ergeben. Indische Forscher fanden heraus, dass es zwischen Oktober 2011 und November 2017 weltweit 259 Todesfälle beim Selbstfotografieren gegeben habe, etwa die Hälfte davon in Indien.

#selfiewithforeigner machen in sozialen Medien die Runde

Leute, die Selfies machen, sieht man besonders in Indien einfach überall.
Leute, die Selfies machen, sieht man besonders in Indien einfach überall.  © 123rf.com/Fabio Lamanna

2016 veröffentlichten indische und US-amerikanische Wissenschaftler eine Studie mit ähnlichen Ergebnissen. Allein in Indien seien seit März 2014 139 Inder beim Selfie-Machen gestorben, sechs davon außerhalb Indiens, erklärt Ponnurangam Kumaraguru, einer der Autoren der Studie. Hinzu kämen fünf Ausländer in Indien.

Nach Indien folgen mit weitem Abstand Pakistan, Russland und die USA.

Das Selbstfotografieren ist im indischen Raum weiter verbreitet als in manch anderen Ecken der Welt. Das könnte ein Grund für die hohen Zahlen sein. Leute mit auf sich selbst gerichtetem Handy sieht man in indischen Städten überall: in Restaurants, Einkaufszentren, U-Bahnen, Flugzeugen, oder einfach auf der Straße. Selbst eine Fahrt auf einer Rolltreppe ist für manche offenbar denkwürdig genug, fotografiert zu werden.

Ein Phänomen, das wohl die meisten Indien-Besucher kennen, ist, dass Inder gerne auf Ausländer zugehen, um mit ihnen Selfies aufzunehmen. Manchmal auch, ohne vorher zu fragen.

Ein junges Paar aus der Schweiz wurde 2017 im Touristen-Ort Fatehpur Sikri von einer Gruppe indischer Jugendlicher übel zusammengeschlagen - Berichten zufolge, weil sie ein gemeinsames Selfie abgelehnt hatten.

Fremdenführer erzählen, sie müssten Touristen inzwischen vor aggressiven Selfie-Anfragen schützen. Fotos, vorzugsweise mit jungen, weißen Frauen, mit der Kennung #selfiewithforeigner (Selfie mit Ausländer) machen unter Indern in sozialen Medien die Runde.

Hang zur Selbstdarstellung

Spektakulär muss es sein...
Spektakulär muss es sein...  © 123rf.com/Marketa Bendova

Ponnurangam Kumaraguru führt den Selfie-Wahn darauf zurück, dass viele Inder erst seit kurzem Zugang zu internetfähigen Handys haben. Billig-Smartphones und mobile Internetdaten für wenig Geld machten dies möglich. "Und jedes neue Handy wird in Werbungen vor allem als Kamera vermarktet", sagt er.

Außerdem hänge es damit zusammen, dass zwei Drittel der Bevölkerung jünger als 35 Jahre sind. Ein gewisser Hang der jungen Inder zur Selbstdarstellung spiele wohl auch eine Rolle.

Den Studien zufolge machen vor allem junge Männer riskante Selfies, etwa an Klippen, auf Dächern hoher Gebäude oder am Rand von Gewässern. Ertrinken ist demnach eine häufige Todesursache. In Mumbai und im bei Urlaubern beliebten Küstenbundesstaat Goa gibt es inzwischen Orte, an denen Selfies verboten sind.

Die "No-Selfie Zones" in Mumbai und Goa zeigen aber kaum Wirkung, zumal sie nicht ausgeschildert seien, sagt Kumaraguru. Er meint, eine bessere Lösung zu haben: Zusammen mit Kollegen hat er die App Saftie entwickelt. Sie enthält eine Datenbank mit rund 7000 Orten weltweit, an denen es gefährlich sein kann, ein Selfie zu machen. Außerdem kann die App durch die Handy-Kamera erkennen, ob man beim Selfie-Schießen einem Abgrund oder Gewässer zu nahe steht.

Noch hat Saftie nicht sehr viele Nutzer. Kumaraguru hofft aber, dass Internetunternehmen wie Google oder Snapchat die Technologie in ihre Anwendungen integrieren. "Es geht hier darum, Leben zu retten."

Titelfoto: 123rf.com/Marketa Bendova/lzflzf


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