Neue Leitlinie: Bei ADHS sollen künftig mehr Medikamente zum Einsatz kommen

Berlin - Ist ein Kind nur etwas hibbelig und unkonzentriert - oder leidet es an ADHS - dem Zappelphilipp-Syndrom? Diese Frage zu entscheiden, ist selbst für Experten nicht einfach. Eine neue Leitlinie soll helfen. Medikamente spielen darin eine prominente Rolle, die Kritiker auf den Plan rufen.

Ein Junge hampelt hinter dem Rücken einer Frau herum.
Ein Junge hampelt hinter dem Rücken einer Frau herum.  © Julian Stratenschulte/dpa

Leiden Kinder an einer mittelschweren ADHS, sollen künftig schneller Medikamente wie Ritalin zum Einsatz kommen.

Das sieht eine neue Leitlinie zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) vor, die am Freitag von den zuständigen Fachgesellschaften und -verbänden vorgestellt wurde.

Bisher wurde eine unmittelbare Behandlung mit Medikamenten vorrangig für Kinder mit einer starken Ausprägung der psychischen Störung empfohlen.

"Die Auswertung der aktuellen Datenlage hat gezeigt, dass die Wirksamkeit der Verhaltenstherapie auf die Kernsymptome der ADHS nicht sicher belegt ist, in der Praxis die Symptomatik häufig nicht ausreichend gebessert wird", erläutert Tobias Banaschewski vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, unter dessen Leitung die neue Diagnose- und Behandlungsrichtlinie erarbeitet wurde.

Für ADHS-Patienten und ihre Familien wird sich mit der neuen Leitlinie wenig ändern, weil viele Mediziner ohnehin schon Medikamente für die weniger stark Betroffenen verschreiben.

Mehr Medikamente, aber sorgfältigere Diagnose

ine Packung des Medikaments Ritalin des Herstellers Novartis steht auf einem Tisch, an dem ein zehnjähriger Junge seine Hausaufgaben erledigt.
ine Packung des Medikaments Ritalin des Herstellers Novartis steht auf einem Tisch, an dem ein zehnjähriger Junge seine Hausaufgaben erledigt.  © Julian Stratenschulte/dpa

Die explizite Ausweitung der medikamentösen ADHS-Behandlung dürfte dennoch manchen Kritiker auf den Plan rufen.

Einige Fachleute fürchten, dass die Medikamente zu häufig verordnet werden. Zumindest bei einem Teil der Kinder seien Überforderung und Stress oder andere Erkrankungen für bestehende Verhaltensauffälligkeiten verantwortlich, teils seien sie im Rahmen der kindlichen Entwicklung normal.

Eine Verhaltenstherapie werde aber weiterhin begleitend bei allen Schweregraden der ADHS empfohlen. Auch die Psychoedukation, die Betroffenen und Eltern Strategien für den Umgang mit ADHS vermitteln soll, soll Bestandteil jedes Behandlungsplans sein.

Einstimmig betonen die Experten die Notwendigkeit von ausgesprochener Sorgfalt schon bei der Diagnose der ADHS. "Die Diagnose sollte etwa ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie stellen oder ein speziell dafür ausgebildeter Kinderarzt", sagt Tobias Renner, Ärztlicher Direktor der Abteilung Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

ADHS zählt zu den häufigsten diagnostizierten neuropsychischen Störungen in der westlichen Welt. Die genauen Ursachen sind unklar, Kinder mit ADHS sind oft hibbelig, können sich nur schwer länger konzentrieren und ihre Gefühle nicht so gut kontrollieren. Auch Erwachsene können noch unter ADHS leiden.

Titelfoto: Julian Stratenschulte/dpa


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