Wer hilft Nora (20) beim Kampf gegen den Krebs?

Lange Mähne: Vor der Chemotherapie hatte Nora Bürgel (20) tolle lange Haare.
Lange Mähne: Vor der Chemotherapie hatte Nora Bürgel (20) tolle lange Haare.

Freiberg - Nora Bürgel (20) hat akute Leukämie. Nur eine Stammzelltransplantation kann sie retten. Der Blutkrebs wirft die Pferdewirtin aber nicht aus dem Sattel.

Bei der Registrierungsaktion am Sonntag von 10 bis 16 Uhr in der Mensa der Uni Freiberg, Agricolastraße 10, sucht die junge Frau ihren genetischen Zwilling.

Eigentlich wollte Nora Bürgel Mitte April nach Amerika fliegen. Sie freute sich auf die Ausritte am Strand von Malibu nach getaner Arbeit im Stall. Den Arbeitsvertrag hatte die Pferdewirtin schon unterschrieben, die Flugtickets lagen bereit. Doch es kam anders.

Kurz vor der Abreise diagnostizierten die Ärzte eine akute Leukämie. „Bekommen Sie das in einer Woche wieder hin?“, fragte sie den Arzt. Schließlich saß Nora bereits auf gepackten Koffern. Die Antwort vom Doktor hörte sie nicht mehr. Im Sprechzimmer der Hämatologie vom Chemnitzer Küchwald-Klinikum schaltete sie erst einmal ab, wickelte ihre Stulle aus und begann einfach zu essen.

Wie auch sonst soll man mit der Diagnose Blutkrebs umgehen!?

Beim Kosmetik-Seminar für Krebspatientinnen probiert 
Nora ein Make-up für den 
Abi-Ball ihrer Schwester Madlen.
Beim Kosmetik-Seminar für Krebspatientinnen probiert Nora ein Make-up für den Abi-Ball ihrer Schwester Madlen.  © Kristin Schmidt

Als sie später ihren Papa an der Strippe hatte, blieb die Stimme weg. Tränen rollten. Die Mama übernahm den Hörer. Zwei Chemotherapien hat Nora Bürgel unterdessen hinter sich.

„Die erste haute richtig rein“, erzählt sie. Schüttelfrost, Fieber, Appetitlosigkeit, Brechreiz. Ihr Mundraum entzündete sich, sie musste künstlich ernährt werden. Mutter Susanne Bürgel saß täglich an ihrem Bett, hielt ihre Hand, sprach Mut zu und schliff sie unter die Dusche, um die Chemo-Gifte von der Haut zu spülen - damit sich keine Ekzeme bilden. Ein Tauziehen beginnt.

Aufgeben stand für die Bürgels nie zur Debatte. Vater Jens Bürgel kontaktierte die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS), organisierte gemeinsam mit Freunden den heutigen Registrierungstag. Laut DKMS-Sprecherin Annika Schirmacher (34) eine kostspielige Sache: „Die Auswertung jeder Blutprobe kostet 40 Euro.“

Die Spenderneugewinnung funktioniert nach dem Solidaritätsprinzip. In den vergangenen vier Wochen sammelten die Leute um Vater Jens Bürgel immerhin schon 14.000 Euro. Bei tausend Spendern beträgt der Finanzierungsbedarf aber das Dreifache. Nichtsdestotrotz, der Termin steht, hundert Helfer machen mit, Ärzte, Krankenschwestern, Freiwillige. Sie nehmen Personalien auf und Blut ab.

Mehr als tausend Spender werden erwartet.

Ein kleine Piks kann leben retten.
Ein kleine Piks kann leben retten.  © Uwe Meinhold

Auch Nora wird da sein, mit einem Mundschutz. Zurzeit hat sie eine Lungenentzündung. Trotzdem: Sie möchte vor Ort die Daumen drücken, nicht nur für sich, auch für alle anderen, die ihr Schicksal teilen. „In Deutschland erkrankt jede Viertelstunde jemand an Leukämie“, weiß Nora unterdessen. Doch nur 0,4 Prozent der Weltbevölkerung ist als Stammzellspender registriert, erzählt sie. Dabei ist das Registrieren innerhalb von wenigen Minuten erledigt.

Den Verlust ihrer wunderschönen langen, blonden Mähne hat Nora Bürgel inzwischen verschmerzt. Erst waren es nur einzelne Haare, dann richtige Büschel. Beherzt schritt die bildhübsche Frau zur Tat, probierte den Sinéad O‘Connor-Look. „Erst rasierte ich alles bis auf drei Millimeter ab.“

Doch das Kopfkissen sah immer noch aus, als habe da eine Katze gelegen. Also trennte sie sich auch von den restlichen Stoppeln. „Ich wollte nicht aussehen wie ein gerupftes Huhn.“

Zwar könnte sie auch eine Perücke aufsetzen. Die kratzt aber, und sie sieht unecht aus. „Glatze stört mich nicht.“

Das passiert beim Registrieren

Alle gesunden Menschen zwischen 17 und 55 Jahren können sich als Knochenmarkspender mit Namen, Adresse und fünf Milliliter Blut weltweit registrieren lassen. Etwa jeder hundertste kommt als potenzieller Spender in Frage.

Stimmen die Gewebemerkmale überein, wird geprüft, ob der Spender gesund ist. Im positiven Fall wird ein Entnahme-Termin vereinbart.

In 80 Prozent der Fälle werden die Stammzellen aus der Vene entnommen; in 20 Prozent unter Vollnarkose direkt aus dem Knochenmark, also aus dem Beckenkammknochen.

Titelfoto: Kristin Schmidt


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