40 Prozent glauben der "Lügenpresse". Maischberger entschuldigt sich

Die Gäste der Talkshow Maischberger waren: (v. l.) Gerhard Vowe, Sandra Maischberger, Vera Lengsfeld, Ulrich Wickert, Joachim Radke und Sascha Lobo.
Die Gäste der Talkshow Maischberger waren: (v. l.) Gerhard Vowe, Sandra Maischberger, Vera Lengsfeld, Ulrich Wickert, Joachim Radke und Sascha Lobo.

Berlin - Gleich vorweg: Die Diskussion war lebhaft und offen und wurde nur ab und zu von Sascha Lobo gestört, einem selbsternannten Blogger aus Berlin. Kein Thema blieb unerwähnt: der PEGIDA-Galgen, "Silvester in Köln", "Wir schaffen das", die AfD - selbst negative Zusammenhänge im Flüchtlings-Kanon wurden - zumindest - gestreift.

Sandra Maischberger (50) ist Vollblut-Journalistin und hat ihre Talksendung am Mittwochabend diesmal der eigenen Branche gewidmet. 

Wer meint, es drehte sich alles nur um sich selbst, ums eigene "Presse-Image", der irrt... Es standen jede Menge Thesen im Raum. 

Meinungen und Argumente, denn angeblich berichten Journalisten nur, was in ihr eigenes Weltbild passt, und kungeln sie mit den Mächtigen.

Die Kritik, Journalisten verdrehten Fakten oder ließen manches unter den Tisch fallen, was politisch nicht opportun erscheint, ist immer wieder zu hören. "Vorwurf Lügenpresse - Kann man den Journalisten noch trauen?" - so der Titel der Sendung.

Das Lügen-Interesse war groß

2,65 Millionen Zuschauer schalteten dafür um 21.45 Uhr das Erste ein, der Marktanteil lag bei 10,3 Prozent. Das waren noch deutlich mehr Zuschauer als zum Beispiel bei der ersten "Maischberger"-Sendung mit Publikumsdebatte zum Thema Islam in Deutschland Mitte November, die nur 1,76 Millionen Menschen sahen.

Einziger Provokateur: der Grün/SPD-nahe Sascha Lobo (41), der auch aus seiner ADS-Diagnose keinen Hehl macht.
Einziger Provokateur: der Grün/SPD-nahe Sascha Lobo (41), der auch aus seiner ADS-Diagnose keinen Hehl macht.

Der Medienwissenschaftler Gerhard Vowe von der Uni Düsseldorf widersprach der verbreiteten Vorstellung, den Medien wird immer weniger geglaubt: 

"Von Vertrauenskrise kann keine Rede sein." Es sei schon lange so, dass etwa 40 Prozent der Menschen in Deutschland den Medien vertrauten, die anderen eher nicht. In dieser Hinsicht habe es aktuell keine erheblichen Veränderungen gegeben. 

Aber da stehen ja noch 60 Prozent, die anderer Meinung sind... Hier reiht sich Joachim Radke, Busfahrer aus Berlin und AfD-Mitglied sowie Teilnehmer bei PEGIDA ein: Er kritisierte, die Berichterstattung in den Medien wirke gesteuert.

Die Presse lügt zwar nicht komplett, aber...

...es gebe Halbwahrheiten und Unwahrheiten, es finde Meinungsmanipulation statt. Und es werde tendenziös berichtet, wie zum Beispiel im Fall einer einzelnen Person, die bei einer PEGIDA-Demonstration einen Galgen gezeigt habe. Kamerateams hätten sofort draufgehalten, diesen Einzelfall in den Mittelpunkt gestellt und dessen Bedeutung auf diese Weise ungerechtfertigt überhöht.

Sandra Maischberger entschuldigte sich

Sie erwähnte Radke und PEGIDA im Zusammenhang mit "marschieren", was Radke als tendenziöse "rechte" Beurteilung empfand. Sandra Maischberger entschuldigte sich dafür sogleich zweimal...

Die ehemalige Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld meint, es sei ein "offenes Geheimnis", dass Journalisten sich inzwischen mehrheitlich "grün-links" verordneten und es an professioneller Distanz vermissen ließen. Ihre geschätzte Zahl der "links-grünen" Medienvertreter lag bei 80 Prozent.

Joachim Radke (Busfahrer, AfD-Mitglied, "Ex-Ossi", PEGIDA-Mitläufer aus Berlin)
Joachim Radke (Busfahrer, AfD-Mitglied, "Ex-Ossi", PEGIDA-Mitläufer aus Berlin)

Sandra Maischberger zitierte zur Berichterstattung über die Flüchtlinge in Deutschland eine Studie der Hamburg Media School, die zu dem Ergebnis kommt, dass die Medien darüber überwiegend positiv berichtet hätten. 

Medienwissenschaftler Gerhard Vowe bestätigte, das sei auch seiner Wahrnehmung nach bis September 2015 so gewesen. Allerdings wurden in der Studie nur Berichte ausgewertet, in denen der Begriff der "Willkommenskultur" vorkam.

Es habe tatsächlich einen Konsens der Medien in dieser Frage gegeben. Die Vorstellung, es ziehe jemand im Hintergrund die Fäden und steuere die Medien wie Marionetten, sei allerdings abstrus.

Der Journalist und ehemalige "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert erklärte den Umgang der Medien mit dem Flüchtlingsthema mit der deutschen Geschichte. In Deutschland sei darüber ganz anders berichtet worden als in vielen übrigen Ländern, etwa in Frankreich. Das habe etwas mit der nationalen Identität zu tun - aber nichts mit gezielter Steuerung. Der AfD-Gast hingegen sah hier die DDR-Bürger als die "geschulteren" im Umgang mit den Medien, da sie in zwei sehr unterschiedlichen Systemen lebten - und nicht alles für bare Münze nehmen.

Wickert sprach auch das Thema soziale Medien an: Algorithmen, etwa bei Facebook, führten dazu, dass Nutzer nur das mitbekämen, was sie sowieso schon glaubten. Soziale Medien funktionierten daher wie eine Echokammer.

Der Blogger und Social-Media-Experte Sascha Lobo ergänzte, dass Nutzer sozialer Medien zunehmend Artikel aus ihrem eigenen Meinungsumfeld lesen und keine Gegenpositionen mehr wahrnehmen würden.

Das Gefährliche daran sei, dass sich das eindimensional zuspitze - dem Nutzer fehle das Korrektiv, das es in den klassischen Medien gebe.

Sascha Lobo scheint allerdings ebenso in einer "(Medien-)Filterblase" zu leben... Vom Berliner Stadtmagazin "Tip" wurde Lobo übrigens 2010 auf den 7. Platz der „100 peinlichsten Berliner“ gewählt.


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