Jetzt verhandelt OB Ludwig mit Markersdorf-Flüchtlingen

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) kam am Samstagvormittag nach Markersdorf.
Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) kam am Samstagvormittag nach Markersdorf.

Von Bernd Rippert

Chemnitz - Chaos, Gewalt, Verletzte, ein Angriff auf die Kirche - das Gezerre um die Asylbewerber im Ortsteil Markersdorf eskalierte in der Nacht. Die Flüchtlinge, die nicht in die Turnhalle einziehen wollten, durften in der Bonhoeffer-Kirche schlafen.

Am Vormittag kam Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) nach Markersdorf, verhandelte mit den Asylbewerbern.

Rückblick: Die Stadt wollte rund 60 Asylbewerber aus der Erstaufnahme am Adalbert-Stifter-Weg am Freitag in die frisch übernommene Grundschul-Turnhalle an der Dittersdorfer Straße bringen. Als der Bus eintraf, empfingen rund 100 Asylgegner die Flüchtlinge mit lauten Rufen und Stinkefingern.

An der Kirche gingen mehrere Scheiben zu Bruch.
An der Kirche gingen mehrere Scheiben zu Bruch.

Die Flüchtlinge bekamen Angst, wollten nicht in die Turnhalle.

Außerdem beschwerten sie sich, dass sie aus der - verhältnismäßig - komfortablen Erstaufnahme in eine einfache Turnhalle mit eng gestellten Feldbetten umziehen sollten.

Die Lage war verfahren. In der Nacht verschwanden rund 20 Asylbewerber in unbekannter Richtung, zehn zogen in die Halle, rund 30 Frauen, Kinder und Männer harrten in der Kälte aus. Sie gingen auch auf die Versprechen der Stadt nicht ein, dass sie nach spätestens vier Wochen von der Turnhalle in Wohnungen umziehen könnten.

Gegen 23.30 Uhr schaute sich die Bonhoeffer-Pfarrerin Hiltrud Anacker (47) die verfahrene Situation an. Vertreter der Stadt baten sie, die Flüchtlinge in der Kirche aufzunehmen.

Etwa 30 Frauen, Kinder und Männer harrten in der Kälte aus.
Etwa 30 Frauen, Kinder und Männer harrten in der Kälte aus.

Die Pfarrerin willigte ein. Erst kamen die Frauen und Kinder, gegen 3 Uhr gaben auch die restlichen Männer auf dem Parkplatz ihren Widerstand auf und legten sich auf die eilig aufgebauten Feldbetten im Gemeindesaal.

Doch von Nachtruhe keine Spur.

Pfarrerin Anacker: "Gegen 4.45 Uhr klirrte und krachte es. Irgendjemand schmiss sechs Fensterscheiben am Gemeindesaal mit Steinen ein."

Ein Wurfgeschoss traf eine Flüchtlingsfrau am Kopf, verletzte sie. Die Pfarrerin rief die Polizei. Doch die Angreifer waren bereits verschwunden. Hiltrud Anacker verurteilte den Angriff auf die Kirche scharf: "Die Steinwürfe waren hundsgemein und menschenverachtend!"

Am Morgen trafen zahlreiche freiwillige Helfer an der Kirche ein, kümmerten sich um die Flüchtlinge. Darunter der Grünen-Stadtrat Bernhard Hermann (49). Er sagte: "Steine auf Frauen und Kinder sind erschreckend. Es ist furchtbar, dass nicht einmal die Kirche geachtet wird."

Polizei vor der Kirche.
Polizei vor der Kirche.

Am Vormittag eilten OB Barbara Ludwig und Ordnungsbürgermeister Miko Runkel zur Bonhoeffer-Kirche. Sie verhandeln zur Zeit noch mit den Flüchtlingen über einen Umzug in die Turnhalle - Wohnungen seien zur Zeit nicht verfügbar.

Bei zwei Schlägereien in der Nacht zwischen rechten Demonstranten und Linken in Markersdorf gab es einen Leichtverletzten (24). Drei Männer (16, 18, 21) mussten sogar ins Krankenhaus. Die Polizei stellte einen Angreifer (34) fest.

Die Ermittlungen zum Angriff auf die Kirche laufen auf Hochtouren.

Update 15:05 Uhr:
Ergebnis der Verhandlungen: Die Turnhallenunterbringung ist im Moment alternativlos. Wohnungen mit 50 Plätzen müssen erst noch eingerichtet werden. Die Kirche wird einige der Flüchtlinge weiter beherbergen.

Am Abend waren mehrere Demonstranten vor der Turnhalle erschienen.
Am Abend waren mehrere Demonstranten vor der Turnhalle erschienen.

Fotos: Bernd Rippert, Ernesto Uhlmann, Maik Börner, Uwe Meinhold


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