Frau OB, was haben Sie gegen diesen Turm?

Baubürgermeister Michael Stötzer (43, parteilos) prüft Nachnutzungspläne.
Baubürgermeister Michael Stötzer (43, parteilos) prüft Nachnutzungspläne.

Von Doreen Grasselt

Chemnitz - Bauliches Wahrzeichen oder nutzloses Überbleibsel alter Zeiten? Der gut 25 Meter hohe Befehlsturm im Sportforum spaltet die Stadt. Wenn die Anlage im kommenden Jahr saniert wird, will ihn Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (53, SPD) am liebsten gleich abreißen lassen. Denkmalschützer sind geschockt.

„Der Turm hat keine Funktion, die Sanierung würde allerdings zwei Millionen Euro kosten“, erklärt die OB. „Er ist ein Ausdruck nationalsozialistischer Machtsprache und einer Instrumentalisierung des Sports, hat keine Bedeutung für den Sport.“

Deshalb hofft Ludwig auf Zustimmung des Denkmalschutzamts, das Bauwerk zumindest zum Teil abzureißen.

Grüne Netze sind um das einsturzgefährdete Gebäude gespannt. Der Durchgang ist gesperrt.
Grüne Netze sind um das einsturzgefährdete Gebäude gespannt. Der Durchgang ist gesperrt.

Denkmalschützer Sandro Schmalfuß (36) sagt dagegen: „Wenn wir Bauwerke nach ihrer politischen Vergangenheit bewerten, müssen wir auch im Karl-Marx-Monument mehr als nur die Touristenattraktion sehen.“

Baubürgermeister Michael Stötzer (43, parteilos) will das Denkmal erhalten: „Es sollte allerdings eine sinnvolle Nachnutzung haben - diese wird noch geprüft.“ Allein die Sicherung der schwer geschädigten Bauteile würde die Stadt etwa 600 000 Euro kosten.

Auch die CDU-Fraktion ist für den Erhalt. „Das Bauwerk ist Teil des Stadions“, so Fraktions-Chef Tino Fritzsche (54). „Wenn wir die Flutlichttraversen zurückbauen und dann noch den Turm - was bleibt denn dann noch vom Stadion übrig?“

Für OB Barbara Ludwig (53, SPD) hat der Marathon-Turm keine Funktion.
Für OB Barbara Ludwig (53, SPD) hat der Marathon-Turm keine Funktion.

Der Befehlsturm, später Marathonturm genannt, wurde zwischen 1933 und 1938 nach dem Entwurf des bekannten Chemnitzer Architekten Fred Otto (1883-1944) erbaut.

Er hat neben der Großkampfbahn in der Reichenhainer Straße auch das Stadtbad und das Gunzenhauser entworfen.

Denk mal

Kommetar von Doreen Grasselt

Ist das ein Denkmal oder kann das weg? Der Marathon-Turm spaltet die Stadt. Während OB Barbara Ludwig das Bauwerk im Sportforum gern los wäre, versuchen Stadträte und Denkmalschützer, das Wahrzeichen zu erhalten.

Zwei Millionen Euro würde die Sanierung des Turmes kosten - Minimum. Die sollen nur investiert werden, wenn Nachnutzungspläne vorliegen.

Das Abriss-Argument „Führerturm“ hinkt gewaltig. Es ist nicht belegt, dass Hitler den Turm jemals betreten hat oder er zur politischen Propaganda im Dritten Reich genutzt wurde. Außerdem hat der Architekt des Marathon-Turmes - Fred Otto - auch das Stadtbad und das Gunzenhauser entworfen. Die Chemnitzer bringen das Bauwerk nicht mit dem Dritten Reich, sondern den Sportveranstaltungen im Ernst-Thälmann-Stadion und im Sportforum in Verbindung.

Sicherlich kriegen die Bürger mit dem neuen CFC-Stadion jetzt für 27 Millionen Euro ein herrliches neues Prestigeobjekt vor die Nase gesetzt. Aber der Erhalt historischer Sportstätten für den Breitensport sollte dennoch Platz im Stadtsäckel haben.

Übrigens: Im Zwickauer Westsachsenstadion steht ein exakt baugleicher Turm. Hier gibt es allerdings keine Diskussion um dessen Existenzberechtigung. Auch hat es die Stadt nie soweit kommen lassen, dass das Denkmal komplett verfällt.

Fotos: Christof Heyden, Sven Gleisberg, privat


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