Schlimmer als Massentourismus: Das steckt hinter dem Begriff "Overtourism"

Berchtesgaden - "Tourist go home" - in Venedig und in Barcelona findet man solche und ähnliche Sprüche an Wände gesprüht. Wütende Einheimische demonstrierten für ein Ende der Invasion.

An den Seen um München, darunter Ammersee und Starnberger See, sind im Sommer die Strände überfüllt und die Straßen verstopft.
An den Seen um München, darunter Ammersee und Starnberger See, sind im Sommer die Strände überfüllt und die Straßen verstopft.  © Lino Mirgeler/dpa

So extrem ist es in Oberbayern und im Allgäu nicht. Doch auch hier wird es manchem zu viel mit dem Andrang von Urlaubern und Ausflüglern.

An den Seen um München, darunter Ammersee und Starnberger See, sind im Sommer die Strände überfüllt und die Straßen verstopft.

Seit Jahren nimmt der Druck vor allem auf das südliche Oberbayern zu. München wächst ungebremst, dazu kommen Urlauber aus anderen Teilen Deutschlands oder aus dem Ausland.

Immer öfter droht der Freizeitkollaps.

"Overtourismus" heißt das neue Phänomen. Der Dekan der Fakultät Tourismus-Management der Hochschule in Kempten, Professor Alfred Bauer, definiert Overtourism als den Zeitpunkt, wenn die Touristen am jeweiligen Ort sowohl den Einheimischen als auch den Touristen selbst zu viel werden. Kommunen ergreifen erste Maßnahmen.

Am idyllisch in den oberbayerischen Bergen gelegenen Walchensee sorgen Ranger des Landratsamtes Bad Tölz-Wolfratshausen mit Forstmitarbeitern, Polizei und freiwilligen Helfern der örtlichen Feuerwehr für Ordnung - teils auch nachts, um Nachtparker weiterzuscheuchen.

Die wildromantische Landschaft, über die enge Mautstraße mit Auto zugänglich, verleitet zum verbotenen Kampieren. Tagsüber wiederum seien manchmal 3000 bis 4000 Autos am See, berichtete der Jachenauer Bürgermeister Georg Riesch im August.

Wirte wünschen sich weniger Tagestouristen, aber mehr Urlauber in den Hotels

Manchmal bekommen Touristen den Ärger auch deutlich zu sehen - wier hier in Spanien auf diesem Aufkleber mit der Aufschrift "Tourismus tötet die Stadt".
Manchmal bekommen Touristen den Ärger auch deutlich zu sehen - wier hier in Spanien auf diesem Aufkleber mit der Aufschrift "Tourismus tötet die Stadt".  © Patrick Schirmer Sastre/dpa/dpa-tmn

Am Tegernsee geht es regelmäßig nur im Schritt voran. Von "Overtourismus" will Bürgermeister Johannes Hagn (CSU) aber nicht sprechen.

"Wer entscheidet, wann es zu viel ist? Ist es der genervte Anwohner, weil alle Parkplätze zu sind, oder der Biergartenbesucher der keinen Platz bekommt?" Hagn setzt auf Regelungen wie Anwohnerparken, bessere Zugverbindungen und Radschnellwege. "Wir sind das Naherholungsgebiet für die Münchner. Wir Kommunen vor Ort müssen überlegen, wie wir damit umgehen."

Mann will also nicht noch mehr Tagesgäste, aber mehr Urlauber in den Hotels, die länger bleiben und pro Kopf mehr ausgeben.

Am Eibsee am Fuß der Zugspitze drängen sich die Gäste vor allem im Juli und August. Wild geparkte Autos, Müll rund um den blaugrünen See: "Das Schlimmste ist der Parkplatzmangel und der Verkehr - und das Umweltbewusstsein der Besucher", sagt der Grainauer Bürgermeister Stephan Märkl.

Mehr Menschen, mehr Autos - und umgekehrt. Der Bund Naturschutz in Oberstdorf schlug kürzlich vor, die Parkgebühr für Tagestouristen anzuheben - von bisher vier bis sechs Euro. "Vor allen an den Wochenenden erkennt man die massive Zunahme des Verkehrs: An Samstagen fahren dort etwa 20.000 bis 25.000 Autos innerhalb von 24 Stunden – etwa 5000 bis 8000 davon sind Tagestouristen", sagt Michael Finger, Vorsitzender der BN-Ortsgruppe Oberstdorf.

Am Donnerstag wollten Umweltschützer gegen ein neues Liftprojekt am Berg Grünten im Allgäu demonstrieren. Steigende Touristenzahlen machten "Overtourism auch hier zur bekannten Vokabel".

Überlaufenen Wanderwege und keine neuen Hütten: Erholung in den Bergen sieht anderes aus

Romantische Bergseen, wie hier der Eibsee am Fuße der Zugspitze, ziehen tausende Touristen an.
Romantische Bergseen, wie hier der Eibsee am Fuße der Zugspitze, ziehen tausende Touristen an.  © Angelika Warmuth/dpa

Der Deutsche Alpenverein (DAV) baut keine neuen Hütten mehr, obwohl der Outdoortrend immer mehr Menschen in die Berge zieht.

Besonders überlaufen: der Europäische Fernwanderweg E5 von Oberstdorf nach Meran. Der Wirt der Memminger Hütte stellte zeitweise ein Zelt auf, um Gäste unterzubringen. Andernorts schlafen Wanderer notfalls im Gastraum.

"Die Infrastruktur ist an der Kapazitätsgrenze", sagt DAV-Sprecher Thomas Bucher. "Die Hütten haben mehr Leute da, als sie beherbergen können. Man tut sich nicht unbedingt einen Gefallen, wenn man den E5 geht." Dabei wirbt der DAV nicht fürs zu Hause bleiben.

"Die spannende Frage wird sein: Wie machen wir es in Zukunft, dass das alles nicht auf Kosten der Umwelt und der Einheimischen geht", sagt Bucher. Der DAV setzt auf Projekte wie die Bergsteigerdörfer mit nachhaltigem Tourismus ohne neue Lifte und Hotelburgen.

Jenseits des idyllischen Berglandes ächzt München gerade unter dem Ansturm aufs Oktoberfest. Volle Hotels, volle U-Bahnen.

Gut sechs Millionen Besucher in gut zwei Wochen, das vierfache der eigentlichen Münchner Bevölkerung, muss die Stadt verkraften. Seit Jahren heißt es auch hier bei den Verantwortlichen: "Bitte keine neuen Rekorde."

Titelfoto: Lino Mirgeler/dpa

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