10 Jahre nach Fukushima: Ist der Atomausstieg wirklich zu packen?

Dresden - Es geschah am 11. März 2011.

Der Tsunami löschte ganze Ortschaften aus. Auch das AKW Fukushima-Daiichi traf er so schwer, dass es infolge zu Explosionen, Kernschmelzen und Super-Gau kam.
Der Tsunami löschte ganze Ortschaften aus. Auch das AKW Fukushima-Daiichi traf er so schwer, dass es infolge zu Explosionen, Kernschmelzen und Super-Gau kam.  © picture alliance/dpa/ABC TV

Vor der Küste der japanischen Präfektur Miyagi ereignete sich ein Seebeben der Stärke 9,1. Nur wenig später rollten gewaltige Tsunami-Wellen über die japanischen Küstenorte.

Etwa 20.000 Menschen wurden getötet, mehr als 2000 gelten immer noch als vermisst. Eine 14 Meter hohe Flutwelle traf zudem das bereits beschädigte Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi. Die Kühlsysteme der Reaktoren fielen fast vollständig aus.

Es kam zur teilweisen Kernschmelze, Explosionen schleuderten radioaktives Material in die Luft und das Grundwasser wurde verseucht. 400.000 Menschen mussten aufgrund der Natur- und Nuklearkatastrophe evakuiert werden.

Der nach Tschernobyl zweitschlimmste Super-Gau der Geschichte schockierte die Welt. So beschloss der Deutsche Bundestag am 30. Juni 2011 den Atomausstieg bis zum Ende des Jahres 2022.

Wir sprachen mit Prof. Antonio Hurtado (61), Inhaber der Professur für Wasserstoff- und Kernenergietechnik an der TU Dresden, über den Atomausstieg, Alternativen und werfen einen Blick auf die eingeleitete Energiewende.

Interview mit Prof. Antonio Hurtado

Prof. Antonio Hurtado (61), Inhaber der Professur für Wasserstoff- und Kernenergietechnik an der TU Dresden, plädiert dafür, die Kernenergie-Forschung in Sachsen fortzuführen.
Prof. Antonio Hurtado (61), Inhaber der Professur für Wasserstoff- und Kernenergietechnik an der TU Dresden, plädiert dafür, die Kernenergie-Forschung in Sachsen fortzuführen.  © Eric Münch

TAG24: Prof. Hurtado, war der Beschluss zum Ausstieg aus der Kernenergie eine überstürzte Entscheidung?

Prof. Antonio Hurtado: Es war richtig, darauf zu reagieren. Deutschland hätte schon bei Tschernobyl reagieren und Forderungen formulieren müssen, derart, dass in Zukunft Kernreaktoren so zu konzipieren sind, dass solche Ereignisse nicht möglich sind. Man hätte sich aber auch eine Tür offen lassen sollen, für den Fall, dass die Energiewende bis 2022 nicht weit genug fortgeschritten ist. So hätte man noch eine kleine Zahl an Reaktoren weiter betreiben können.

TAG24: Wie stark ist Sachsen eigentlich vom Atomstrom abhängig?

Hurtado: Gar nicht! Ich würde die Frage anders formulieren wollen: Wie stark ist Deutschland von der nuklearen Kompetenz Sachsens abhängig? Die TU Dresden ist eine der wenigen Universitäten, die noch den gesamten nuklearen Brennstoffkreislauf lehrt. Diese Expertise in Sachsen werden wir benötigen, um mit Nachbarstaaten, die an der Kernenergie festhalten, auf Augenhöhe zu Sicherheitsfragen diskutieren zu können.

Das Dilemma

Neben Deutschland, das seine sechs Atomkraftwerke nächstes Jahr abschaltet, hat von unseren Nachbarländern nur Belgien bis 2025 den Ausstieg geplant.
Neben Deutschland, das seine sechs Atomkraftwerke nächstes Jahr abschaltet, hat von unseren Nachbarländern nur Belgien bis 2025 den Ausstieg geplant.  © imago images/Manngold

TAG24: 2018 hatte die Kernenergie einen Anteil von 11,8 Prozent an der Bruttostromerzeugung. Kann Deutschland das kompensieren?

Hurtado: Die Experten auf dem Gebiet sagen Ja. Sofern wir bereit sind, Strom zu importieren, kann es gelingen. Allerdings sollten wir darauf achten, dass es kein Atomstrom ist, den wir importieren. Sonst wären wir inkonsequent.

TAG24: Deutschland ist Teil des Europäischen Stromverbundnetzes. Kann man das überhaupt beeinflussen?

Hurtado: Wenn wir sagen, es gibt gute Gründe, warum wir unsere Kernkraftwerke abschalten, sollten wir auch alles tun, um der Gesellschaft den Nachweis zu erbringen, dass der Strom nicht aus Kernkraftwerken kommt.

TAG24: Ein Hauptgrund für den Austritt war der Sicherheitsaspekt. Unsere Nachbarländer halten aber am Atomstrom fest.

Hurtado: Das ist das Dilemma, dass jedes EU-Land für seine Energieversorgung selbst verantwortlich ist. Wir sind wirklich umkesselt von Staaten, die klar auf Kernenergie setzen. Deshalb müssen wir uns die Frage stellen, wie wir zumindest darauf hinwirken können, mit unseren Nachbarn Sicherheitsstandards zu diskutieren.

Hochradioaktive Abfälle bald Vergangenheit?

Weil die gesundheitlichen Folgen unabsehbar sind, werden die Arbeiter, die mit der Beräumung des zerstörten Kraftwerks beschäftigt sind, ständig auf Strahlung hin untersucht.
Weil die gesundheitlichen Folgen unabsehbar sind, werden die Arbeiter, die mit der Beräumung des zerstörten Kraftwerks beschäftigt sind, ständig auf Strahlung hin untersucht.  © picture alliance/dpa/Maxppp

TAG24: Ein Problem der Kernenergie ist auch die Endlagerung des radioaktiven Materials. Ist da eine Lösung in Sicht?

Hurtado: Das wird seit vielen Jahren diskutiert. Irgendwann soll es eine Entscheidung dazu geben. Aber künftige Reaktorkonzepte werden dieses Problem nicht mehr haben, weil sie keine hochradioaktiven Abfälle mit sehr langen Halbwertszeiten generieren.

TAG24: Wie soll das gehen?

Hurtado: Da werden die wenigen Actiniden mit sehr langen Halbwertszeiten innerhalb des Betriebs regelrecht zertrümmert und in kleinere Teilchen mit weniger Halbwertszeit umgewandelt. Hier sollte darüber nachgedacht werden, ob solche Konzepte nicht wieder Gegenstand der Forschung sein können.

Zukunftsmusik

Noch viele Wochen nach der Erdbeben-Katastrophe wurde nach Vermissten gesucht.
Noch viele Wochen nach der Erdbeben-Katastrophe wurde nach Vermissten gesucht.  © imago images/Kyodo News

TAG24: Wie lange wären diese Halbwertszeiten dann noch?

Hurtado: Sie könnten auf Halbwertszeiten von Natururan zurückgeführt werden, also 100 bis 1000 Jahre.

TAG24: Eine andere Energiequelle ist die Kernfusion, die ohne radioaktives Material auskommt. Wie weit ist man da?

Hurtado: Als ich studiert habe, gab es die Aussage, in 30 bis 50 Jahren wird es den ersten Fusionsreaktor geben, mit dem man ein Kraftwerk betreiben kann. Ich bin jetzt 61. Wir sind sehr gespannt, was die nächsten Experimente in Cadarache am Versuchs-Kernfusionsreaktor ITER zeigen werden. So 2060 könnte es sein, dass wir da positiver darüber diskutieren können.

TAG24: Also dauert es nochmal 30 bis 50 Jahre?

Hurtado: (lacht) Ja, so sieht es aus.

Fukushima bleibt ein ungelöstes Problem

Wohl noch Jahrzehnte eine Sperrzone: das Katastrophen-Werk in Fukushima.
Wohl noch Jahrzehnte eine Sperrzone: das Katastrophen-Werk in Fukushima.  © picture alliance / dpa

Bis heute hat die Betreiberfirma Tepco mit dem Katastrophen-Werk in Fukushima zu kämpfen. Da es noch immer kein richtiges Kühlsystem gibt, wird weiterhin Wasser in die Reaktoren gepumpt.

Insgesamt lagern schon in mehr als 1000 Tanks etwa 1,1 Millionen Kubikmeter mit Tritium verseuchtes Wasser. 2022 sind diese Kapazitäten erschöpft. Deshalb will die Regierung das Wasser verdünnt ins Meer leiten. Der endgültige Beschluss steht noch aus.

Die Bergung der Brennstäbe wird voraussichtlich bis zum Jahr 2031 dauern, die Aufräumarbeiten sogar bis 2050. Und die Nachwirkungen der atomaren Verstrahlung, auch auf die Gesundheit, sind bis heute nicht abzuschätzen.

So gelten etwa 300 Quadratkilometer um das Kraftwerk herum weiter als Sperrzone. Ortschaften, die wieder aufgebaut wurden, gleichen hingegen Geisterstädten. Die Menschen kehren nur zögerlich zurück.

TV-Tipp: Das ZDF zeigt am Dienstag um 20.15 Uhr die Dokumentation "Der ewige GAU? 10 Jahre Fukushima".

Titelfoto: picture alliance/dpa/ABC TV/Eric Münch

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