Streitthema Gendern: Für manche nur fair, für andere völliger Quatsch

Dresden - Völlig gaga oder nur gerecht? Seit Jahren wird im deutschsprachigen Raum diskutiert, ob und wie die männlichen Formen in der Sprache durch weiter gefasste Begriffe ersetzt werden sollten, um Frauen und Transmenschen einzubeziehen. Die Debatte ums Gendern spaltet die Nation. In Sachsen sprach der Kultusminister nun ein Machtwort - wohl zum Verdruss seiner Kollegin aus dem Justiz-Ressort, die die geschlechtsneutrale Sprache schon in Rechtsverordnungen gießt.

Der Gender-Zeitgeist hat den Karikaturisten Uwe Krumbiegel aus Hetzdorf inspiriert.
Der Gender-Zeitgeist hat den Karikaturisten Uwe Krumbiegel aus Hetzdorf inspiriert.  © Montage: imago images/Christian Ohde, Uwe Krumbiegel

Behörden, öffentlich-rechtliche Sendeanstalten und Werbetexter sind kreativ, wenn es darum geht, sprachlich Parität herzustellen. Das Gendersternchen wie bei Bürger*innen steht dabei nur für eine von vielen Varianten. Schluss damit, sagt das CDU-geführte sächsische Kultusministerium.

In einer entsprechenden Handlungsempfehlung fordert es alle Schulleiter im Freistaat dazu auf, in offiziellen Schreiben, Briefen an die Eltern sowie Unterrichtsmaterialien gänzlich auf Sonderzeichen wie eben Gendersternchen, Doppelpunkt oder Unterstrich zu verzichten.

Stattdessen empfiehlt das Ministerium die Verwendung von Paarformen wie Schülerinnen und Schüler oder geschlechtsneutrale Formulierungen wie etwa Lehrkräfte.

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"Ziel ist eine gendergerechte und verständliche Sprache", so eine Sprecherin des Ministeriums. Mit der Regelung will man klären, was vielen nicht mehr klar scheint. Was zeichnet korrektes Deutsch aus? Die Verunsicherung ist spürbar groß.

Eine harmlose Werbung für "Student*innen-Futter" besitzt heute in den sozialen Medien die Zündkraft von Schwarzpulver. Das Thema ist staatstragend. Sogar im ersten TV-Triell der Kanzlerkandidaten kam es zur Sprache. Am Umgang mit der Muttersprache machen manche - links wie rechts - mittlerweile ideologische Standpunkte und Gesinnungen fest.

Doch kann das Rad zurückgedreht werden? Die sächsische Staatsregierung beschloss am 7. Juli 2020, dass die Regeln zur Gestaltung von Rechtsnormen geändert werden. Es heißt nun: "Die Rechtsnormen bringen die Gleichstellung von Frauen und Männern auch sprachlich zum Ausdruck, ohne jedoch die Verständlichkeit oder Klarheit des Rechtstextes zu beeinträchtigen." Dieser Beschluss wird seitdem vom Justizministerin Katja Meier (41, Grüne) umgesetzt.

PRO

Prof. Dr. Beate Schücking (65) ist Rektorin der Uni Leipzig.
Prof. Dr. Beate Schücking (65) ist Rektorin der Uni Leipzig.  © Universität Leipzig/Christian Hüller

Wenn es um Gendergerechtigkeit geht, schreitet die Leipziger Universität forsch voran. Auf Empfehlung ihres Senats wird seit 1. September mithilfe des Doppelpunkts die konsequente sprachliche Gleichbehandlung aller Menschen strikt angewendet in der Kommunikation.

"Es ist wichtig, dass sich wirklich alle angesprochen fühlen. Mit der neuen Sprachregelung erreichen wir das und machen zudem die Diversität an unserer Universität sichtbar", so Rektorin Prof. Dr. Beate Schücking (65).

Georg Teichert (35) leitet die Stabsstelle Chancengleichheit, Diversität und Familie an der Alma Mater. Er sagt: "Sprache soll und muss die Realität abbilden. Der Geschlechtseintrag divers bildet seit 2018 in Deutschland eine dritte rechtliche Option neben 'weiblich' und 'männlich'. Dem muss Sprache auch Rechnung tragen."

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Teichert stellt zudem leidenschaftlich klar: "Niemand wird gezwungen, zu gendern. Ich will keine Sprachpolizei und keine ideologischen Debatten darum, sondern nur ernsthafte Debatten um der Sache Geist und Willen."

CONTRA

Der Dortmunder Ökonom und Autor Prof. Walter Krämer (72) gehört zu den prominenten Erstunterzeichnern des Appells.
Der Dortmunder Ökonom und Autor Prof. Walter Krämer (72) gehört zu den prominenten Erstunterzeichnern des Appells.  © imago/Horst Galuschka

Die lauteste Stimme im Streit ums Gendern gehört zweifelsohne dem Dortmunder Verein Deutsche Sprache (VDS). Dessen "Genderunfug - Aufruf zum Widerstand" unterzeichneten online bislang mehr als 87.200 Menschen.

In der Protest-Note heißt es: "Die sogenannte gendergerechte Sprache beruht erstens auf einem Generalirrtum, erzeugt zweitens eine Fülle lächerlicher Sprachgebilde und ist drittens konsequent gar nicht durchzuhalten. Und viertens ist sie auch kein Beitrag zur Besserstellung der Frau in der Gesellschaft."

Der Generalirrtum: Zwischen dem natürlichen und dem grammatischen Geschlecht bestehe "ein fester Zusammenhang". Der VSD meint: "Er besteht absolut nicht."

Der Verein formuliert dieser Logik folgend spitz die Frage: "Wie kommt der Bürgermeister dazu, sich bei den Wählerinnen und Wählern zu bedanken – ohne einzusehen, dass er sich natürlich 'Bürgerinnen- und Bürgermeister' nennen müsste?"

Experten beklagen das "Sternchen-Chaos"

Ob Polizist*innen, Rentner_innen, StudentInnen, Kolleg:innen oder Leser/innen: Beim Gendern hat sich einiges verselbstständigt. Doch sowohl Schreibweisen mit Genderstern (Asterisk), wortinterner Großschreibung, Gender-Gap (Unterstrich; Doppelpunkt) und Schrägstrich ohne Ergänzungsstrich sind vom amtlichen Regelwerk nicht abgedeckt.

"Das Deutsche bietet eine Fülle an Möglichkeiten, geschlechtergerecht zu formulieren. Es gibt dafür allerdings keine Norm", heißt es dazu aus der Duden-Redaktion. Die Variante mit Genderstern scheint sich in der Schreibpraxis immer mehr durchzusetzen.

Der Duden setzt in diesem Sprach-Wirrwarr nur Leitplanken und gibt Sachbücher und Ratgeber heraus. Die Titel tragen Namen wie "Gendern – Ganz einfach!", "Handbuch geschlechtergerechte Sprache" oder "Richtig gendern".

Der Rat für deutsche Rechtschreibung, die maßgebliche Instanz für Fragen der Orthografie, beobachtet kritisch-sorgenvoll ein "Sternchen-Chaos". Der Rat sorgt sich, dass die Verwendung von Sonderzeichen zu Folgeproblemen und grammatisch nicht korrekten Lösungen führt. Ende März entschieden die Experten, dass etwa Gender-Stern und Unterstrich bis auf weiteres zumindest offiziell keinen Einlass in die deutsche Sprache erhalten.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden unterstützt "ausdrücklich die Bemühungen um eine sprachliche Gleichbehandlung aller Geschlechter". Gender-Sternchen oder andere Gender-Formen, die etwa zu grammatikalisch oder orthografisch fehlerhaften Formen führen, steht die Gesellschaft aber auch kritisch gegenüber.

Titelfoto: Montage: imago images/Christian Ohde, Uwe Krumbiegel

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