Hilfeschrei der Einzelhändler: Öffnen Läden trotz Lockdown?

Deutschland - Während Online- und Versandhandel in der Corona-Pandemie boomen, erlebt der Einzelhandel ein Desaster. Besonders gravierend sind die Umsatzeinbrüche im Geschäft mit Mode und Textilien. Dort profitiert kaum ein Ladeninhaber vom kräftigen Umsatzplus im vergangenen Jahr.

Einem Einzelhändler in Darmstadt nützt auch sein beworbener Rabatt nichts mehr, um seine Ware zu verkaufen. Denn sein Laden muss derzeit geschlossen bleiben.
Einem Einzelhändler in Darmstadt nützt auch sein beworbener Rabatt nichts mehr, um seine Ware zu verkaufen. Denn sein Laden muss derzeit geschlossen bleiben.  © Andreas Arnold/dpa

Im Gegenteil! Die Lager sind voll, verkauft werden darf die Ware derzeit wegen des weiterhin geltenden Lockdowns aber nicht. Denn die Händler müssen ihre Geschäfte geschlossen lassen, vorerst bis mindestens 31. Januar (TAG24 berichtete).

Ein besonders verzweifelter Ladeninhaber wollte seine Läden deshalb wieder aufmachen. Das hatte ungeahnte Folgen.

Udo Siebzehnrübl (60) ist Sportartikelhändler in Bayern. Am nächsten Montag (11. Januar) wollte er trotz des Lockdowns öffnen. Mit der Aktion wollte er auf die Notlage vieler Händler hinweisen. Am Dienstag machte der Betreiber von fünf Intersport-Läden allerdings einen Rückzieher.

Der Grund: Die rechte Szene habe die Aktion für ihre Zwecke ausgenutzt, sagte Siebzehnrübl am Dienstag im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk. "In dieses Fahrwasser soll Intersport nicht gezogen werden, da ist eine Grenze für mich erreicht."

Siebzehnrübl trat daraufhin von seiner Ankündigung wieder zurück.

Kaum Hilfe vom Staat

Die große Mehrheit der Verbraucher in Deutschland macht sich in der Corona-Krise Sorgen um das Überleben der Einzelhändler in ihrer Region. Das hindert viele von ihnen aber nicht daran, mehr im Internet einzukaufen als vor der Krise.
Die große Mehrheit der Verbraucher in Deutschland macht sich in der Corona-Krise Sorgen um das Überleben der Einzelhändler in ihrer Region. Das hindert viele von ihnen aber nicht daran, mehr im Internet einzukaufen als vor der Krise.  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

"Ich bin kein Corona-Leugner und kein Querdenker", erklärte Siebzehnrübl der Deutschen Presse-Agentur.

Doch er habe ein Unternehmen, das wegen der Pandemie Millionenverluste mache. Außerdem beschäftigt er hundert Mitarbeiter. Und das Lager sei voller Winterware.

Vom Staat habe er seit März gerade einmal 15.000 Euro Hilfe bekommen. Weil sein Umsatzeinbruch unter 40 Prozent lag, gab es für ihn auch keinerlei Aussicht auf Überbrückungshilfe.

Von einem "Hilfeschrei" sprach der Handelsverband Bayern. Viele Einzelhändler seien verzweifelt und wütend, kämpfen um ihre Existenz.

Während finanzielle Hilfen im Gastgewerbe Umsatzausfälle ersetzen sollen, lasse die Politik den Handel "am ausgestreckten Arm verhungern", sagte Geschäftsführer Bernd Ohlmann: "Bis jetzt ist nur heiße Luft gekommen."

Die Situation verschärfte noch einmal, dass die Händler der Zusage von Jens Spahn (40, CDU) im vergangenen September vertrauten.

Damals versicherte der Bundesgesundheitsminister, man werde "keinen Einzelhandel mehr schließen. Das wird nicht noch mal passieren". Ware für etliche hundert Millionen Euro wurde daraufhin bestellt.

Bei Ladenöffnung im Lockdown droht Bußgeld von 5000 Euro

Viele Einzelhändler hoffen auf bald wieder offene Geschäfte und viele Kunden.
Viele Einzelhändler hoffen auf bald wieder offene Geschäfte und viele Kunden.  © Hauke-Christian Dittrich/dpa

Zahlreiche Leidensgenossen von Siebzehnrübl haben Verständnis für dessen Aktion.

"Viele schimpfen über die Politik", sagt Ohlmann. Was Siebzehnrübl, der selbst CSU-Mitglied ist, besonders ärgert: der Fachhandel muss schließen, während Aldi und Lidl Jacken und Sportartikel verkauften.

In seinen Augen handle die Politik einäugig und ignoriere die langfristigen Zerstörungen.

Seine Läden in Rosenheim und Altötting will Siebzehnrübl am Montag auf jeden Fall zu lassen. Obwohl er viel Zuspruch von Händlerkollegen und Kunden bekommen hat. Doch bei einer Ladenöffnung im Lockdown droht ihm ein Bußgeld von 5000 Euro, im Wiederholungsfall mehr.

Ob andere ihre Läden trotzdem öffnen?

Wie die "Welt" berichtet, wachse seit dem Wochenende auf der Chat-Plattform Telegramm die Gruppe "Wir machen auf – Kein Lockdown mehr".

Einige betroffene Kaufleute und auch Selbständige distanzieren sich dort ausdrücklich von den Corona-Gegnern und der Querdenken-Bewegung und jeglichem politischen Hintergrund. Ihnen gehe es allein um ihre Existenz.

Auch auf coronapedia.de haben sich die Händler in verschiedenen Foren organisiert. Dort diskutieren sie, ob etwa Kunden belangt werden könnten, wenn sie trotzdem ins Geschäft kommen. Doch auch Unsicherheiten wegen drohender Pleiten sind Thema.

Titelfoto: Andreas Arnold/dpa

Mehr zum Thema Deutschland:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0