Energiepreise: Immer mehr verzweifelte Anrufe bei Verbraucherschützern

Mainz - Immer mehr Menschen bekommen die hohen Preise für Heizöl, Erdgas und Strom zu spüren. Die Verunsicherung und Sorgen, die daraus entstehen, bekommen wiederum die Verbraucherschützer zu spüren, an die sich viele Bürgerinnen und Bürger wenden.

Zurzeit bekommen viele Menschen die Preiserhöhungen ihrer Energieversorger mitgeteilt. (Symbolbild)
Zurzeit bekommen viele Menschen die Preiserhöhungen ihrer Energieversorger mitgeteilt. (Symbolbild)  © 123RF/bialasiewicz

"Bei uns ist der Teufel los - und zwar auf allen Ebenen", sagte der Energie- und Bauexperte Hans Weinreuter von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Es gibt gleich mehrere Bereiche, wo der Schuh drückt. Da ist zum einen die Frage nach krisenfesten und wirtschaftlich machbaren Alternativen zu Gas und anderen Energiequellen. "Es gibt Leute, die jetzt ganz schnell eine Energieberatung haben wollen, weil sie etwas gegen die hohen Preise und die Versorgungsängste tun wollen", erzählte Weinreuter.

Die Menschen spürten überall Engpässe: in der Energieberatung der Verbraucherschützer, bei den Handwerkern mit deren vollen Auftragsbüchern und auch bei Materialien und Geräten.

Rekord bei Krankschreibungen in Hessen: Höchstwert seit 25 Jahren
Gesundheitspolitik Rekord bei Krankschreibungen in Hessen: Höchstwert seit 25 Jahren

"Wer jetzt eine Wärmepumpe bestellt, bekommt sie vielleicht - wenn er Glück hat - im nächsten Jahr. Und wenn es schlechter läuft im übernächsten Jahr", sagte der Energieexperte. Zudem gingen die Preise für Wärmepumpen schon seit einiger Zeit deutlich nach oben.

Wer jetzt auf Wärmepumpen umstellen will, muss viel Geduld mitbringen

Die Lüftungsanlage einer Wärmepumpe: Bis 50.000 Euro muss zurzeit für Luftwärmepumpen gezahlt werden.
Die Lüftungsanlage einer Wärmepumpe: Bis 50.000 Euro muss zurzeit für Luftwärmepumpen gezahlt werden.  © dpa/Silas Stein

"Wir wissen von vereinzelten Angeboten für Luftwärmepumpen in Höhe von 50.000 Euro und mehr. Es ist verrückt, was sich da gerade abspielt." Freilich sei zu befürchten, dass es auch gewisse Mitnahmeeffekte bei den Anbietern gebe.

Wer nicht frühzeitig gehandelt hat bei der Umstellung von fossilen Brennstoffen auf Alternativen wie Wärmepumpe, muss nun viel Geduld und wohl auch mehr Geld mitbringen.

"Wir haben einzelne Fälle, da haben wir vor sechs, sieben Jahren einen Energiecheck gemacht und gezeigt, was man alles machen könnte. Passiert ist nichts", berichtete der Energieexperte. "Und jetzt rufen die Leute an und wollen ganz schnell loslegen." Es liege aber wohl in der Natur der Menschen, dass sie am stärksten auf Preissignale reagierten.

Um 22.45 Uhr war Schluss: umstrittener Atomreaktor Tihange 2 in Belgien endgültig vom Netz
Energiepolitik Um 22.45 Uhr war Schluss: umstrittener Atomreaktor Tihange 2 in Belgien endgültig vom Netz

Nicht nur in der Energieberatung, auch in der Rechtsberatung haben die Verbraucherzentralen alle Hände voll zu tun. "Wir haben jetzt akut die Situation, dass die Menschen die Schreiben ihrer Gasversorger mit den Änderungen der Abschlagsbeträge und den Preiserhöhungen bekommen", berichtete Weinreuter.

Verdreifachung oder Vervierfachung der Abschlagsbeiträge

Eine Verdrei- oder gar Vervierfachung der Abschlagszahlungen können sich viele Haushalte nicht mehr leisten. (Symbolbild)
Eine Verdrei- oder gar Vervierfachung der Abschlagszahlungen können sich viele Haushalte nicht mehr leisten. (Symbolbild)  © dpa/filmfoto

Ein Teil der Berechnungen der Abschlagsbeträge falle höher aus als erwartet. "Bei einzelnen Discountern gibt es extreme Fälle, bei denen man sich fragt, ob die ihre Kunden auf diesem Weg loswerden wollen."

Aber auch bei Grundversorgern kann nach Einschätzung des Energieberaters hier und da festgestellt werden, dass die aktualisierten Abschlagszahlungen bewusst etwas höher angesetzt würden - wohl mit dem Hintergedanken, dass die Anbieter zu Beginn der Heizperiode nicht zu sehr in Vorlage treten wollten.

"Wir sind gerade dabei, rechtlich zu prüfen, was da geht und was nicht." Hilfreich für Kunden sei der Energiepreisrechner auf der Internetseite der Verbraucherzentrale. "Wir haben viele verzweifelte Menschen, die mit einer Verdreifachung oder Vervierfachung ihrer Abschlagsbeträge zu uns kommen und sagen, dass sie das schlicht nicht bezahlen können."

Deswegen sei es ein gutes Signal, dass Bundeskanzler Olaf Scholz (64, SPD) den "Doppelwumms" gegen steigende Energiepreise verkündet habe. "Jetzt sind wir alle gespannt, wie schnell die Politik das umsetzt. Die Details müssen ja alle noch ausgearbeitet werden."

Verbraucherschützer: Wichtig ist, dass niemandem der Gashahn abgedreht wird

Was passiert, wenn die Menschen wegen der steigenden Energiepreise nicht mehr ihre Heizkosten bezahlen können?
Was passiert, wenn die Menschen wegen der steigenden Energiepreise nicht mehr ihre Heizkosten bezahlen können?  © Hauke-Christian Dittrich/dpa

Als nächsten Schritt müssten die Versorger diese Beschlüsse umsetzen und schnell in ihre Abrechnungssystematik einprogrammieren und die korrigierten Mitteilungen an ihre Kunden schicken, sagte Weinreuter. "Wenn das nicht richtig oder nicht schnell genug erledigt wird, bleibt die Lage für viele Kunden dramatisch."

Wichtig sei zudem, dass parallel dazu niemandem der Gashahn abgedreht oder die Stromversorgung abgestellt werde, der seine Rechnungen nicht mehr bezahlen könne. Auch eine mögliche Kündigung eines Mietvertrags wegen Zahlungsrückständen bei den Heizkosten müsse verhindert werden, fordert der Verbraucherschützer.

"Die Zahl dieser Verzweifelten hat in den vergangenen Wochen deutlich zugenommen", berichtete Weinreuter. Die Verbraucherschützer schauten sich jeden einzelnen Fall an. "Wir prüfen, ob die Menschen in dem für sie günstigsten Vertrag sind und ob die Rechnung in Ordnung ist."

Gegebenenfalls müssten die Verbraucher dann direkt mit ihren Versorgern reden und - falls es in der Jahresabrechnung um Nachforderungen gehe - die Zahlungsmodalitäten für einen Ratenplan klären.

Wir können uns diese Stellschrauben zwar anschauen, letztlich aber nichts an der Zahlungsunfähigkeit der Menschen ändern."

Titelfoto: 123RF/bialasiewicz

Mehr zum Thema Energiepolitik: