Chemnitzer Infektiologe: "Brauchen jetzt 28 bis 42 Tage einen extrem harten Lockdown"

Chemnitz - Im Rahmen der von der Stadt Chemnitz am Freitagabend virtuell angebotenen Einwohnerversammlung haben Oberbürgermeister Sven Schulze (49, SPD), alle Bürgermeister sowie Vertreter wichtiger städtischer Einrichtungen Fragen der Bürger beantwortet. Eines der zentralen Themen war dabei vor allem die Corona-Pandemie.

Thomas Grünewald (56), Leiter der Klinik für Infektions- und Tropenmedizin am Klinikum Chemnitz, warnt vor der Belastungsgrenze der Krankenhäuser. Er spricht sich für einen Knallhart-Lockdown aus.
Thomas Grünewald (56), Leiter der Klinik für Infektions- und Tropenmedizin am Klinikum Chemnitz, warnt vor der Belastungsgrenze der Krankenhäuser. Er spricht sich für einen Knallhart-Lockdown aus.  © Kristin Schmidt

Eine Einschätzung zur aktuellen Lage in Chemnitz gab es gleich zu Beginn von Thomas Grünewald (56), Leiter der Klinik für Infektions- und Tropenmedizin am Klinikum Chemnitz. Als Experte berät er mit seinem Fachwissen seit Monaten die Landesregierung sowie die Stadt Chemnitz.

Nach 16 Monaten Pandemie sprach Grünewald von der "dritten Welle, in der wir uns befinden". Diese würde sich "anders gestalten. Wir haben es mit einem anderen, ansteckenderen Virus zu tun, welches sich besser an den Menschen angepasst hat." Und darin stecke auch die Tücke, denn dadurch "trifft es nun viel mehr und auch jüngere Menschen. Und das führt zu einer höheren Belastung in den Kliniken".

Obwohl diese für Außenstehende nicht direkt sichtbar ist, betonte Grünewald: "Intensivmediziner warnen seit zweieinhalb oder drei Wochen kontinuierlich, eigentlich jeden Tag, dass wir an der Belastungsgrenze sind."

Das Problem sei, dass bereits oberhalb dieser Belastungsgrenze gearbeitet werde. Insbesondere für Südwestsachsen sei die Situation aktuell dramatisch.

Bei Inzidenz von 300: Täglich 20 bis 30 Prozent mehr Corona-Patienten im Krankenhaus

Die Intensivstationen nehmen täglich mehr Corona-Patienten auf - auch in Chemnitz.
Die Intensivstationen nehmen täglich mehr Corona-Patienten auf - auch in Chemnitz.  © Christophe Gateau/dpa

Auf die Kliniken bezogen, bedeuten Inzidenzwerte im Bereich von 300 pro 100.000 Einwohnern innerhalb von 7 Tagen einen täglichen Anstieg an Neupatienten mit Corona um 20 bis 30 Prozent. Auf den Monat gerechnet sind das 90 Neupatienten - und jeder von ihnen bleibe durchschnittlich 14 bis 28 Tage.

Während also täglich neue Patienten in die Kliniken kämen, werden nicht täglich auch entsprechend viele Patienten entlassen. "Das bedeutet, dass das kumuliert", sich die Patienten mehr und mehr ansammeln.

Auch dürfe nicht außer Acht gelassen werden, dass es nicht nur Corona-Patienten gibt. Als Beispiel nannte Grünewald Schlaganfälle. Diese hatten in Deutschland während der zweiten Welle einen Anstieg der Sterblichkeit um etwa elf Prozent.

"Das liegt nicht zuletzt an der Tatsache, dass die Belastungen der Kliniken durch Covid-19 so hoch waren", erklärte der Infektiologe, "und genau das wollen wir vermeiden, deswegen reden und warnen wir jetzt schon".

Grünewald: "Wir brauchen jetzt 28 bis 42 Tage einen extrem harten Lockdown"

Um die Krankenhäuser zu entlasten, müsste ein knallharter Lockdown her, so Grünewald. "Aus infektiologischer Sicht müssten wir jetzt 28 bis 42 Tage einen extrem harten Lockdown machen." Das wären zwei bis drei Inkubationszeiten.

Extrem hart - damit meint Grünewald vollständige Ausgangssperren, harte Beschränkungen der Kontakte und weniger Einkäufe. Kurz gesagt: Einen Lockdown, den Deutschland so noch nie erlebt hat!

Aber: So ein Knallhart-Lockdown ist nach Meinung des Infektiologen nur schwer umzusetzen. Man müsse auch andere Aspekte, wie etwa die Wirtschaft oder das soziale Leben, berücksichtigen.

Wichtig sei es jetzt, einen Mittelweg zu finden.

Titelfoto: Christophe Gateau/dpa, Kristin Schmidt

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