Corona nervt die Bürger - Spahn: "Nützt ja nichts. Das Virus ist da, wir müssen damit umgehen"

Berlin - In der Diskussion über Lockerungen der strengen staatlichen Beschränkungen in der Corona-Pandemie hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) vor übereilten Entscheidungen gewarnt.

Lothar Wieler (60, l.), Präsident Robert Koch-Institut (RKI), und Jens Spahn (40, CDU), Bundesgesundheitsminister, beantworten Fragen von Journalisten zur Corona-Lage.
Lothar Wieler (60, l.), Präsident Robert Koch-Institut (RKI), und Jens Spahn (40, CDU), Bundesgesundheitsminister, beantworten Fragen von Journalisten zur Corona-Lage.  © dpa/Wolfgang Kumm

"Ich empfehle uns allen größtmögliche Umsicht und Vorsicht", sagte der CDU-Politiker am Freitag vor Journalisten in Berlin.

Er verwies darauf, dass der von Bund und Ländern angestrebte Wert von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern und Woche vielerorts noch nicht erreicht sei - und für viele Bundesländer derzeit auch nicht erreichbar sei.

Spahn sagte, er wisse um die Ermüdung der Bürger nach dem wochenlangen Lockdown, ebenso um die Belastungen. Viele seien genervt.

"Aber es nützt ja alles nichts. Das Virus ist da, und wir müssen damit umgehen", sagte er.

Spahn sagte, mit den nun in den meisten Ländern wieder teilweise geöffneten Schulen und Kitas werden täglich Millionen Menschen in Bewegung gesetzt. Dies sei richtig, schaffe aber auch neue Ansteckungsrisiken. Aus seiner Sicht gelte es, nun erst einmal zu schauen, wie sich dies auf die Infektionszahlen auswirke.

Auch Kanzlerin Angela Merkel (66, CDU) hatte zuletzt Hoffnungen auf sehr schnelle und umfassende Lockerungen der strengen Kontaktbeschränkungen gedämpft. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (54, CSU) warnte ebenfalls vor "Öffnungshektik".

Der Druck aus der Wirtschaft ist aber groß: Unter anderem der Handel fordert, die Wiedereröffnung der Innenstädte nicht von dem angestrebten Wert von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern und Woche abhängig zu machen.

Mehrere Bundesländer haben bereits für Anfang kommende Woche über Friseurläden hinaus die Öffnung etwa von Gartenmärkten und Blumenläden angekündigt.

Jens Spahn: "Noch liegt zu viel Impfstoff im Kühlschrank"

Der Corona-Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer wird in einem Impfzentrum im Kühlschrank gelagert.
Der Corona-Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer wird in einem Impfzentrum im Kühlschrank gelagert.  © DPA/ZB/Bernd Wüstneck

Jens Spahn hat die Länder dazu angehalten, ihre Kapazitäten für die Corona-Impfungen zügig aufzustocken. "Noch liegt zu viel Impfstoff im Kühlschrank", sagte der CDU-Politiker.

Nach seinen Worten werden bis Ende kommender Woche schon rund elf Millionen Impfdosen an die Länder ausgeliefert worden sein. Schon jetzt seien rund 5,7 Millionen Impfungen verabreicht worden.

Spahn sagte, inzwischen hätten fast alle Bewohner von Pflegeheimen ein Impf-Angebot bekommen. Blicke man auf die Infektionszahlen in der Altersgruppe der Hochbetagten, gehe die Strategie auf, die besonders Verwundbaren zuerst zu impfen. Dies dauere, rette aber Leben. Grundsätzlich gelte: "Impfen ebnet den Weg aus der Pandemie, es wird aber gleichwohl kein Spaziergang."

Nach den Worten des Ministers sollen so bald wie möglich auch Arztpraxen in die Impfungen einbezogen werden. Dazu liefen Gespräche mit Großhändlern, Ärzten und Apotheken, etwa über Logistik und die Vergütung, sagte Spahn.

Zu den neuen Corona-Selbsttests, die bald überall im Handel erhältlich sein sollen, sagte Spahn, diese könnten dem Einzelnen "mehr Trittsicherheit" geben. Er erwarte, dass sie Teil des Alltags und zur Routine werden - etwa vor Besuchen in Restaurants oder bei Konzerten. Die PCR-Tests, also Labortests, blieben aber "der Goldstandard".

Mit Blick auf die Bund-Länder-Beratungen am Mittwoch über mögliche Öffnungsschritte sagte Spahn, "Vorsicht, Impfen, Testen" seien wichtig auf diesem Weg.

Umfrage: Mehrheit der Deutschen möchte Lockerungen

"Lockdown" steht im Schaufenster eines geschlossenen Kaufhauses auf der Frankfurter Zeil, das darunter zum Online-Einkauf rät.
"Lockdown" steht im Schaufenster eines geschlossenen Kaufhauses auf der Frankfurter Zeil, das darunter zum Online-Einkauf rät.  © dpa/Frank Rumpenhorst

Die Mehrheit der Deutschen möchte einer ZDF-Umfrage zufolge umgehend Lockerungen der Corona-Maßnahmen.

Nach dem am Freitag veröffentlichten ZDF-Politbarometer finden 56 Prozent der Befragten, dass jetzt gelockert werden sollte. 41 Prozent sind dagegen, 3 Prozent antworteten mit "weiß nicht".

Vor allem mit Blick auf Läden und Geschäfte sehnen sich die Befragten nach Öffnungen - mit 40 Prozent steht dieser Bereich an der Spitze; mit 15 Prozent sind Restaurants das Schlusslicht.

Zwar halten noch immer die Mehrheit der Deutschen (55 Prozent) die geltenden Maßnahmen für genau richtig. Doch der Anteil derer, die sie für übertrieben halten, ist mit 23 Prozent um neun Prozentpunkte im Vergleich zu Ende Januar gestiegen. Gut 1200 Menschen haben laut ZDF an der Umfrage im Februar teilgenommen.

Aus einer ebenfalls am Freitag veröffentlichen Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov geht zudem hervor, dass das Vertrauen in das Krisenmanagement der Kanzlerin Angela Merkel im Vergleich zu April 2020 deutlich gesunken ist. Damals sprachen 57 Prozent ihr Vertrauen aus, im Februar 2021 sind es 43 Prozent.

Ähnlich bewerteten die gut 2000 Befragten den Umgang des bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder mit der Krise: Er kam im April vergangenen Jahres noch auf 53 Prozent Zustimmung, etwa ein Jahr später sind es 40 Prozent.

Das Vertrauen in Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sank im gleichen Zeitraum von 40 auf 28 Prozent.

Titelfoto: Montage: dpa/Frank Rumpenhorst, dpa/zb/Bernd Wüstneck, dpa/Wolfgang Kumm

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