Schwere Zeiten für Psychisch-Kranke: Will Jens Spahn bei Therapie sparen?

Berlin - Wer Depressionen hat oder unter Wahnvorstellungen leidet, hat es sowieso schon nicht einfach. Therapieplätze sind rar, Psychiatrien überfüllt. Gesundheitsminister Jens Spahn (41, CDU) reagiert - seine Maßnahmen sorgen aber nicht gerade für Beruhigung.

Jens Spahn (41, CDU) will die Therapie von psychisch-kranken Menschen mit einem Raster-Modell einschränken.
Jens Spahn (41, CDU) will die Therapie von psychisch-kranken Menschen mit einem Raster-Modell einschränken.  © Kay Nietfeld/dpa

Gerade wegen der Corona-Situation fällt vielen sprichwörtlich die Decke auf den Kopf.

Viele Menschen suchen sich professionelle Hilfe - bei einem Therapeuten. Eine Sache dürfte die Behandlung in Zukunft noch mehr erschweren:

Gesundheitsminister Jens Spahn will die Maßstäbe für die Beratung von Psychisch-Kranken drastisch verändern.

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Von Einsparungen ist laut Bundespsychotherapeutenkammer die Rede. Die Entscheidung dazu soll Spahn schon am Donnerstag durchdrücken wollen. Dabei ist das neue Gesetz umstritten.

Die Verordnung verheißt scharfe Einschnitte für Betroffene und Therapeuten: Die Beratung soll nicht mehr individuell stattfinden. Stattdessen will Spahn grobe Raster festlegen, die sagen, wie lange und welche Leistungen die Krankenkasse beim "Psychodoktor" bezahlt.

Das sei "oberflächlich und lückenhaft", beschwerte sicher der Präsident der Psychotherapeuten-Kammer, Dr. Dietrich Munz. Spahn mache "Gesundheitspolitik gegen psychisch kranke Menschen", bei der er die "demokratischen Prozesse" außen vor ließe.

Abgeordnete hatten zuvor schon im Bundestag und im Gesundheitsausschuss über das Gesetz beraten.

Eine "Zwangsjacke der Psychotherapie"?

Auch Psychiater haben Bedenken, ihre Patienten nicht mehr sorgfältig beraten zu können.
Auch Psychiater haben Bedenken, ihre Patienten nicht mehr sorgfältig beraten zu können.  © Symbolfoto Sasirin Pamai/123rf

Munz befürchtet, dass den Therapeuten keine Zeit bleibe, die Krankheit sorgfältig zu diagnostizieren und das Schicksal der Patienten zu berücksichtigen.

Psychisch kranke Menschen würden so deutlich benachteiligt. Die Ärzte fühlen sich außerdem bevormundet. In ihre "Therapiehoheit" würde entscheidend eingegriffen.

Auf Twitter erntete Spahn sogar einen Shitstorm. Nutzer sprachen von einer "Zwangsjacke der Psychotherapie, wie wir sie heute kennen", "dämliche Idee" oder sogar eine "lebensgefährliche, menschenverachtende Katastrophe".

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Einige erzählten von persönlichen Leidensgeschichten, die nur beendet werden konnten, weil sich ein Fachkundiger ihre Probleme angehört und sie therapiert hatte.

Eine Psychiaterin bat inständig: "Macht es uns nicht noch schwerer, Patient*innen angemessen und wertschätzend zu behandeln!"

Ein Kindertherapeut verglich die Situation in den Psychiatrien mit der in Krankenhäusern. Die Einschnitte seien "falsch und schädlich": "Es ist, als würde man jetzt Intensivstationen schließen."

Diese Einschnitte kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Behandlung von psychischen Erkrankungen sowieso schon knapp besetzt ist. Auf einen Termin in der Sprechstunde warten manche über ein halbes Jahr. In Einrichtungen für Kinder und Jugendliche sprachen Mitarbeiter sogar schon von Triage, einem Begriff, der durch die Coronavirus-Pandemie Einzug in öffentliche Diskussionen hielt.

Titelfoto: Kay Nietfeld/dpa

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