Nachgefragt: Was kommt eigentlich nach dem 9-Euro-Ticket, liebe FDP?

Berlin/Dresden - 9-Euro-Ticket schön und gut, aber was passiert eigentlich ab dem 1. September, wenn der Billig-Traum ausgeträumt ist? Gemeinsam mit dem Dresdner und hohen FDP-Politiker im Bund, Torsten Herbst (48), sprachen wir über die Zukunft des nahen und gar nicht so nahen Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV).

Sachse Torsten Herbst (48, FDP) ist Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion.
Sachse Torsten Herbst (48, FDP) ist Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion.  © Holm Helis

TAG24: Die Ticketanbieter haben angekündigt, die Einbußen, die sie durch das 9-Euro-Ticket hinnehmen müssen, durch Preiserhöhungen nach den drei Monaten ausgleichen zu wollen. Ist das dann nicht nur ein Strohfeuer?

Torsten Herbst: Unser Versprechen ist ja nicht, dass wir den ÖPNV dauerhaft auf 9 Euro finanzieren, das geht finanziell gar nicht. Wir reden mittlerweile über einen zweistelligen Milliardenbetrag, der bereits ohne das 9-Euro-Ticket jährlich in die Subventionierung des ÖPNV fließt.

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Der ÖPNV steht vor riesigen Herausforderungen, Stichwort steigende Energiepreise: Es fährt längst nicht alles elektrisch. Und auch dort steigen die Strompreise. Das Ticket soll ein Angebot sein, den ÖPNV auszuprobieren und die Abo-Kunden zu entlasten. Genau das gilt für die Pendler und Autofahrer. Die Frage, was der ÖPNV in ein, zwei Jahren kostet, können wir alle heute noch nicht beantworten.

TAG24: Aber Sie können heute schon beantworten, was nach den drei Monaten geplant ist...

Herbst: Die Ticketpreise werden wieder aufs normale Niveau zurückgehen, weil das 9 Euro-Ticket ein zeitlich befristetes Sonderangebot war und ist. Nichts anderes wurde versprochen.

Rückt das 365-Euro-Ticket in greifbare Nähe?

Was folgt auf das 9-Euro-Ticket?
Was folgt auf das 9-Euro-Ticket?  © Fabian Strauch/dpa & Soeren Stache/dpa (Montage)

TAG24: Also sind Konzepte wie das 365-Euro-Ticket nicht auf dem Tisch?

Herbst: Das entscheidet nicht der Bund, sondern die jeweilige Kommune. Wer so etwas einführen möchte, kann so etwas gern machen. Die Kosten zur Aufrechterhaltung des ÖPNV sind schon jetzt sehr hoch – und da spielen Ticketerlöse eine wichtige Rolle.

Es gibt Verkehrsbetriebe wie zum Beispiel die Dresdner, die bewusst Ticketeinnahmen erzielen wollen, weil sich daran auch Kundenzufriedenheit und Servicequalität ablesen lässt. Das Angebot auszubauen, ländliche Regionen besser anzubinden und den Service zu verbessern, ist der bessere Weg, als pauschal noch mehr Geld in die Ticketsubventionierung zu geben.

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Das Angebot ist das Entscheidende, es muss attraktiv, bequem, komfortabel und schnell sein. Der Preis ist nicht das Entscheidendste.

TAG24: Und trotzdem zeigt das 9-Euro-Ticket, dass die Attraktivität vor allem über das Länder- und vor allem Tarifzonenübergreifende kommt…

Herbst: Natürlich ist die Zersplitterung aus Kundensicht nicht nachvollziehbar. Wir sind da in Sachsen mit fünf Tarifgebieten ein negatives Beispiel. Es gibt andere Bundesländer, die einen landesweiten Tarif von einem Nahverkehrsanbieter haben.

TAG24: Wann rechnen Sie mit der Fertigstellung der für den Osten so wichtigen neuen Schienenstrecke Berlin-Dresden-Prag?

Herbst: Das wird leider noch dauern! Einige sagen Ende der 2030er, andere sagen Anfang der 2040er… Aber da steckt man nie ganz drin. Denn Tunnelbohren ist nicht trivial, das sind 17 Kilometer, die durch den Erzgebirgskamm gebohrt werden!

Strategisch ist das Bahnprojekt aber sehr wichtig für uns. Gerade Dresden liegt momentan am Rande des Fernverkehrs der Deutschen Bahn. Damit lägen wir zukünftig auf einer attraktiven europäischen Achse mit Kopenhagen, Berlin, Prag, Wien und Budapest.

Großstädte, ja klar... Aber wie komme ich aus kleinen Dörfern zu meinem Ziel?

Herbst sprach in seinem Bundestagsbüro mit Politikredakteur Paul Hoffmann (29, r.) und TAG24-Reporter Erik Töpfer (22, l.).
Herbst sprach in seinem Bundestagsbüro mit Politikredakteur Paul Hoffmann (29, r.) und TAG24-Reporter Erik Töpfer (22, l.).  © Holm Helis

TAG24: Kopenhagen, Wien, Budapest… Mal wieder sind es die Großstädte, die miteinander verbunden werden. Wie komme ich denn aus Orten wie dem sächsischen Nieschütz auf diese Achse?

Herbst: Das hängt davon ab, wie man Orte im Umfeld anbindet. Schwierig ist es bisher für kleine Orte, die nicht nahe an Bahnhöfen liegen. Da brauchen wir neue ÖPNV-Organisationsmodelle, sozusagen eine Art Uber für den ländlichen Raum, bei dem man auf Abruf sich seine Fahrt zum Bahnhof bestellt. ÖPNV funktioniert nur dann, wenn man Personenströme gut bündeln kann. Damit können bisher keine Flächen optimal versorgt werden.

TAG24: Haben Sie schon mal etwas von Bussen gehört?

Herbst: Busse gibt’s, aber die Angebote sind häufig nicht so attraktiv, dass sie außerhalb vom Schülerverkehr wirklich gut genutzt werden. Busse sind in der Regel im ländlichen Raum voll, wenn die Schüler in die Schule und zurückfahren. Die starren Linien haben das Problem, dass ich meist nicht von einem Dorf ins nächste komme, ohne über die Kreisstadt zu fahren. Und das kann der ÖPNV nicht lösen, weswegen nach wie vor das Auto und das Fahrrad wichtige Verkehrsträger im ländlichen Raum sind. Der ÖPNV allein reicht nicht aus, um die individuelle Mobilität zu garantieren.

Ist autonomes Fahren die Zukunft des ÖPNV?

Wie schafft man es, die Dörfer in Zukunft besser an die städtischen Infrastrukturen anzubinden?
Wie schafft man es, die Dörfer in Zukunft besser an die städtischen Infrastrukturen anzubinden?  © Jonas Güttler/dpa

TAG24: Hat aber nicht gerade das 9-Euro-Ticket die Möglichkeit zu schauen, wie viele Omas in ihrem Dorf von ihrem Auto auf den Bus umsteigen?

Herbst: Das wird gemacht! Das 9-Euro-Ticket wird wissenschaftlich begleitet. Dort wird geschaut, wie es angenommen wird, was die Faktoren sind, warum man den ÖPNV nutzt usw… Wenn ich aber von der Bushaltestelle einen Kilometer weg wohne oder drei vom Bahnhof, muss ich auch erstmal dahinkommen. Wer aber in seiner Mobilität eingeschränkt ist, kann nicht drei Kilometer irgendwo hinlaufen. Für den ländlichen Raum brauchen wir neue Gestaltungsideen bis hin zum Zukunftsprojekt autonomes Fahren.

TAG24: Also ist das autonome Fahren Ihre Idee fürs ÖPNV-Uber der Zukunft?

Herbst: Das wäre eine gute Lösung! Wir stehen ja auch vor der schwierigen Herausforderung, ausreichend Fahrer zu bekommen. Da gab es gerade im ostsächsischen Raum bereits viele Zugausfälle deswegen. Perspektivisch wird das Abdecken großer Flächen nur dann funktionieren, wenn wir autonom fahrende Fahrzeuge haben.

TAG24: Also Gas geben bei der Digitalisierung anstatt die Leute fair bezahlen?

Herbst: Das schließt sich gar nicht aus! Im Gegenteil: Auch beim autonomen Fahren braucht es die Steuerung und Überwachung durch qualifizierte Personen, die man vernünftig bezahlen muss. Aber wir haben einfach das Problem, dass Arbeitskräfte knapp sind. Wir müssen mit den verfügbaren Kräften ein vernünftiges Angebot im ländlichen Raum schaffen.

Titelfoto: Fabian Strauch/dpa & Soeren Stache/dpa (Montage)

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