Rheinisches Revier bereitet sich vor: Was kommt nach der Braunkohle?

Erkelenz - Der weiße Dampf aus den riesigen Kühltürmen ist Dutzende Kilometer weit zu sehen: Im rheinischen Braunkohlerevier westlich von Köln wird täglich rund um die Uhr Strom für das europäische Netz erzeugt. Seit Jahrzehnten und noch einige Jahre lang. Aber der Ausstieg aus dieser Energieform ist nur eine Frage der Zeit.

Ein Bagger entfernt am Tagebau Garzweiler Erdreich: Die Ampel-Regierung im Bund will schon 2030 raus aus der Braunkohle.
Ein Bagger entfernt am Tagebau Garzweiler Erdreich: Die Ampel-Regierung im Bund will schon 2030 raus aus der Braunkohle.  © Oliver Berg/dpa

Bei der Verstromung der Kohle, die hier in der Erde liegt und aus gigantischen Tagebaulöchern gefördert wird, entsteht das Treibhausgas Kohlendioxid.

Die Ampel-Regierung in Berlin will den Kohleausstieg vorziehen, laut ihrem Koalitionsvertrag "idealerweise" bis 2030.

Der genaue Weg dahin ist noch nicht bekannt. Doch im nordrhein-westfälischen Braunkohlegebiet zwischen Köln, Aachen und Mönchengladbach geht es längst um die Zeit danach.

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Im Brennpunkt steht derzeit das einstige Dorf Lützerath am Rand des Tagebaus Garzweiler II bei Mönchengladbach. Seit Monaten campieren hier Klimaaktivisten, die für "Lützi" an den Erfolg beim Erhalt des Hambacher Waldes anknüpfen wollen. Denn seitdem feststeht, dass "Hambi" bleibt und nicht abgebaggert wird, sind die Proteste dort still geworden.

Stattdessen konzentrieren sich Klimaaktivisten auf Garzweiler II. Dessen Abbaukante ist in Lützerath in Sichtweite. Einer der letzten Bewohner der wenigen Gebäude, ein Landwirt, klagt gegen seine Enteignung.

Wann das Oberverwaltungsgericht Münster entscheidet, ist unklar. In erster Instanz hatte der Landwirt verloren.

Fünf Dörfer sollen Tagebau weichen

Am Rand des Dorfes Keyenberg in Erkelenz ist ein Braunkohlebagger zu sehen. Das Dorf soll dem Tagebau Garzweiler weichen.
Am Rand des Dorfes Keyenberg in Erkelenz ist ein Braunkohlebagger zu sehen. Das Dorf soll dem Tagebau Garzweiler weichen.  © Henning Kaiser/dpa

Fünf Dörfer mit einst 1500 Bewohnern am Tagebaurand sollen laut Berliner Koalitionsvertrag erhalten bleiben.

Über das Schicksal von Keyenberg, Beverath, Kuckum sowie Ober- und Unterwestrich sollte nach früheren Plänen erst 2026 entschieden werden. Doch die große Mehrheit der Bewohner hat bereits verkauft, ist umgezogen oder mit dem Stromriesen RWE handelseinig.

Die Orte sind schon jetzt fast leer. Das ist in Keyenberg im Westen von Garzweiler gut zu sehen: An den Fenstern vieler Backsteinhäuser sind die Rollläden heruntergelassen, die Straßen sind verlassen, die Kneipe hat zu. Ende des Schuljahres schließt die Grundschule. Der Keyenberger Bäcker aber will am Ort bleiben.

Die fünf ländlich gelegenen Tagebau-Dörfer gehören zur Stadt Erkelenz. Deren Bürgermeister Stephan Muckel sagt, es gebe vor Ort sehr unterschiedliche Meinungen. Einige Bewohner wollen bleiben, die meisten sind schon weg oder werden gehen.

Was aus den Orten einmal werden soll, könnte ein Wettbewerb klären, meint er. Bei künftigen Planungen sollen die verschiedenen Interessen vor Ort berücksichtigt werden.

"Das Wichtigste wird sein, dass diese Unsicherheit aufhört", sagt CDU-Politiker Muckel über die Wechselbäder der Gefühle, denen die Bewohner seit vielen Jahren ausgesetzt sind.

Seit den 1940er-Jahren wurden im Rheinischen Revier rund 40.000 Menschen umgesiedelt, um den Energiehunger von Menschen und Maschinen zu stillen. Knapp 9000 Arbeitsplätze hängen an Braunkohle und Stromerzeugung.

Aktivisten und Anwohner hatten für den Erhalt der Dörfer plädiert.
Aktivisten und Anwohner hatten für den Erhalt der Dörfer plädiert.  © Henning Kaiser/dpa

In den Tagebaulöchern sollen Seen entstehen

Die Tagebaulöcher sollen nach Ende der Braunkohleverstromung zu Seen und mit Wasser aus dem Rhein befüllt werden.
Die Tagebaulöcher sollen nach Ende der Braunkohleverstromung zu Seen und mit Wasser aus dem Rhein befüllt werden.  © David Young/dpa

Nach dem Ende der Braunkohleverstromung sollen die Tagebaulöcher zu Seen werden. Hambach und Garzweiler sollen mit Wasser aus dem Rhein befüllt werden, Inden aus der Rur. Bereits jetzt wird daran gearbeitet, die künftigen Uferböschungen standsicher zu machen.

Die Bezirksregierung Köln hat die Zeit nach der Braunkohle im Blick. In diesem Jahr soll das Beteiligungsverfahren für den Regionalplan beginnen.

Dabei geht es um Vorschläge zur Zwischennutzung von Ufer und Böschungen, etwa für Radwege, Landwirtschaft oder Fotovoltaik. Denn es wird etwa 40 Jahren dauern, bis sich ein Tagebauloch in einen See verwandelt hat.

Ende 2021 wurden an drei Kraftwerken Kapazitäten stillgelegt. Nach dem derzeitigen Plan soll bis 2038 Schluss sein mit der Stromgewinnung aus Braunkohle. Das Ende kommt "idealerweise" wohl früher.

Titelfoto: Oliver Berg/dpa

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