Verkehrsminister Hermann: E-Autos fahren nicht klimaneutral

Stuttgart - Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (68, Grüne) hält es für irreführend, dass die Europäische Union Elektrofahrzeuge als klimaneutral bezeichnet.

Verkehrsminister Winfried Hermann (68, Grüne).
Verkehrsminister Winfried Hermann (68, Grüne).  © Tom Weller/dpa

Er sehe ein Problem darin, "dass man ein E-Auto zum Null-Emissions-Fahrzeug erklärt", sagte Hermann den Stuttgarter Nachrichten (Freitag). "Wer den Strom für sein E-Fahrzeug aus dem Netz mit dem derzeitigen Strommix bezieht, fährt noch nicht klimaneutral, auch wenn es nach außen so signalisiert wird."

Das gelte auch für den Energieaufwand bei der Herstellung. Allerdings sei es zum Vergleich auch wichtig, für alle Antriebstechnologien eine Gesamtbilanz der Klimabelastung zu ziehen.

Zu dieser gehöre beim Verbrennermotor auch der Energieaufwand für Förderung und Verarbeitung des Rohöls sowie für den Transport des Kraftstoffs.

Hermann warnte, die schnell steigende Zahl der E-Autos könne dazu führen, dass der Anteil des Kohlestroms steigt, wenn die Produktion klimaneutral erzeugten Stroms nicht mithält. "Würde die E-Mobilität zu einem höheren Anteil von Kohlestrom führen, wäre das alles andere als ein Fortschritt."

Hermann: Daimler "sollten ressourcenschonender werden"

Blick ins Daimler-Werk Sindelfingen. Laut Hermann müsse der Autobauer leichtere und ressourcenschonendere Wagen bauen.
Blick ins Daimler-Werk Sindelfingen. Laut Hermann müsse der Autobauer leichtere und ressourcenschonendere Wagen bauen.  © Marijan Murat/dpa

Deswegen sei es so wichtig, die erneuerbaren Energien schnell voranzubringen. Er verwies auf den Beschluss der grün-schwarzen Landesregierung, Solaranlagen auch beim Bau von Privathäusern zur Pflicht zu machen.

Der Verkehrsminister kritisierte, dass der Daimler-Konzern die wasserstoffbetriebene Pkw-Brennstoffzelle unentschlossen angehe. "Das Hin und Her bei Daimler wirkt nicht strategisch und ist schwer nachzuvollziehen."

Schon in den 90er Jahren habe der Konzern Forschungsfahrzeuge gehabt und die Brennstoffzelle letztlich doch aufgegeben. "Ich verfolge mit Interesse, dass Toyota und andere asiatische Konkurrenten durchaus Potenzial in der Pkw-Brennstoffzelle sehen und dranbleiben."

Bei der E-Mobilität müsse man anerkennen, dass Daimler mit der vollelektrischen S-Klasse "eine sehr große Reichweite realisiert. Doch die Autos, die in Baden-Württemberg gebaut werden, sind überwiegend groß und schwer", bemängelte Hermann.

"Die Fahrzeuge sollten leichter und ihre Produktion ressourcenschonender werden. In kleineren Fahrzeugen stecken große Marktchancen. Es gibt ja viele Menschen mit kleinerem Geldbeutel, die auch gern elektrisch fahren würden. Renault zum Beispiel hat da mit dem Zoé einen guten Weg eingeschlagen", so der Grünen-Politiker.

FDP-Mann Christian Jung: "Mit Symbolen kommen wir nicht weiter"

FDP-Politiker Christian Jung (43).
FDP-Politiker Christian Jung (43).  © Soeren Stache/dpa

Am Freitagvormittag kommentierte Christian Jung (43, FDP), der verkehrspolitische Sprecher der FDP/DVP-Fraktion im Stuttgarter Landtag, die Äußerungen Hermanns.

"Verkehrsminister Winfried Hermann muss offenbar einen ganz tiefen Schluck aus dem Kelch der Erkenntnis genommen haben", wird der 43-Jährige in einer Mitteilung zitiert. "Er legt eine Kehrtwende hin und gibt zu, dass E-Autos per se nicht klimaneutral sind, wie das aus der grünen Ecke heraus stets nonchalant behauptet wird."

Im hiesigen Strom-Mix stecke sehr viel Kohlestrom und der Anteil steige zwangsläufig nach dem Ausstieg aus der Kernenergie: "Dass Ökostrom-Tarife reine Augenwischerei sind, ist eine längst bekannte Binsenweisheit. Das Stromnetz ist nicht selektiv."

Umso wichtiger wäre es laut Jung, den gesamten Verkehrsbereich und das Wohnen "in vollem Umfang in den Europäischen Emissionshandel einzubeziehen".

Er fordert: "Mit Symbolen kommen wir nicht weiter. Deshalb muss jetzt entschieden der Weg in die Wasserstoffwirtschaft und in Brennstoffzellen gegangen werden."

Titelfoto: Tom Weller/dpa

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