Ausbeutung? Klöckner will Spargelstecher ohne Sozialversicherung schuften lassen

Berlin - Es hagelt Kritik: Das Kabinett hat beschlossen, dass viele Saisonarbeiter künftig ohne Sozialversicherung auskommen müssen. Alles nur für billigen Spargel?

Julia Klöckner (48) will, dass Spargel bezahlbar bleibt.
Julia Klöckner (48) will, dass Spargel bezahlbar bleibt.  © Wolfgang Kumm/dpa

Eine "wichtige Regelung" soll es sein, die uns während der Corona-Pandemie nicht vor leeren Gemüseregalen im Supermarkt stehen lässt: Julia Klöckner (48, CDU), Ministerin für Landwirtschaft und Ernährung, will Saisonarbeiter künftig länger ohne Sozialversicherung arbeiten lassen.

So sei sicher, "dass die Bevölkerung auch dieses Jahr trotz Corona gut mit heimischen Produkten versorgt ist", bekräftigte sie in einem Statement.

Erst ab mehr als drei Monaten Arbeit sollen die Arbeiter eine Versicherung bekommen. Das Kabinett beschloss entsprechend, die Regelung von 70 Tagen auf 102 Tage auszuweiten.

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Es geht um ausländische Arbeiter, die gerade vor allem zur Spargelernte nach Deutschland kommen.

Für die Bauern ist es besser, wenn diese länger in den Betrieben bleiben dürfen, ohne dass sie für ihre Beschäftigten jedoch Abgaben zahlen müssen.

Welche und ob der Arbeiter aus dem Ausland eine Krankenversicherung bekommt, hängt also von seinem Chef ab: Für diesen reicht es aus, wenn er dem Ministerium rückmeldet, wie seine Saisonarbeiter versichert sind. So soll die "notwendige Versorgung im Krankheitsfall" gewährleistet sein. Das bedeutet, dass die Saisonarbeiter womöglich selbst für ihre Kranken-, Pflege- Renten- und Arbeitslosenversicherung aufkommen müssen.

Nur Unfälle sind über den Arbeitgeber versichert.

Kleiner Shitstorm im Netz

Schon jetzt geriet das Landwirtschaftsministerium in einen kleinen Shitstorm, als es die Ergebnisse veröffentlichte.

Die PARTEI veröffentlichte ein Meme mit dem Titel "Blutspargel aus Niedersachsen - Sterben für den guten Geschmack".

Der Nutzer ELHOTZO schrieb, Deutsche würden ihren Spargel am liebsten mit einer "Prise ausgebeuteter Arbeitskräfte ohne Sozialversicherung" essen: "Traditionell, aber immer lecker."

Schuften - und dann zurück ins Heimatland

Eine andere Twitter-Nutzerin merkte sarkastisch an: "Das ist richtig geil, denn wenn die Erntehelfer später krank oder arbeitslos sind, dann sind es ja die Sozialsysteme der Heimatländer, die dafür aufkommen müssen." Das Landwirtschaftsministerium wehrte sich: Die Vorwürfe seien haltlos, die Bestimmungen würden nur vorübergehend gelten.

Erntearbeiter aus Polen und Rumänien kommen gerade vor allem wegen der Spargelernte, die in den letzten Tagen angefangen hat. Spargelpreise sollen dieses Jahr laut der Berliner Morgenpost zwischen 15 und 20 Euro je Kilogramm liegen.

Der Bundestag will nach Ostern über den Beschluss beraten.

Titelfoto: Wolfgang Kumm/dpa

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