Bundeswehr zieht sich aus Afghanistan zurück: Hat der Terror gewonnen?

Wunstorf - Nach genau 7119 Tagen Einsatz kehrten am heutigen Mittwoch die letzten Bundeswehr-Soldaten aus Afghanistan zurück. Über die Jahre waren es knapp 158.000 deutsche Soldaten, die in dem von Kriegen und Terror erschütterten Land für Frieden sorgen wollten - 59 von ihnen starben im Einsatz. Während Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (58, CDU) von einem "historischen Kapitel" sprach, sehen andere den Einsatz als gescheitert.

Die letzten Soldaten des deutschen Afghanistan-Einsatzes traten zum Abschluss-Appell in Wunstorf an.
Die letzten Soldaten des deutschen Afghanistan-Einsatzes traten zum Abschluss-Appell in Wunstorf an.  © dpa/Hauke-Christian Dittrich

Es war am frühen Nachmittag, als die letzten 264 in Afghanistan stationierten Soldaten auf dem niedersächsischen Fliegerhorst Wunstorf landeten.

Zum Ende des mehr als zwölf Milliarden Euro teuren Einsatzes erklärte Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer: "Ein historisches Kapitel geht zu Ende, ein intensiver Einsatz, der die Bundeswehr gefordert und geprägt hat, bei dem sich die Bundeswehr im Kampf bewährt hat."

Auch Bundeswehr-Generalleutnant Erich Pfeffer (62) schwärmte: Der Auftrag in Afghanistan sei in herausragender Weise erfüllt worden.

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Doch von vielen Seiten wurde sowohl die Beteiligung an sich als auch der plötzliche Abzug der Bundeswehr stark kritisiert. "Gemessen an Zielen wie Stabilität, dem Aufbau eines demokratischen Staates und dem Schutz der Grundrechte kann man den Einsatz nur als gescheitert bezeichnen", sagte Linken-Parteichefin Susanne Hennig-Wellsow (48).

Linksfraktions-Chef Dietmar Bartsch (63) sprach im ntv-"Frühstart" von einer "verheerenden Bilanz".

Kaum Freude in Afghanistan über Bundeswehr-Abzug

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (58, CDU).
Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (58, CDU).  © dpa/Philipp Schulze

Außer bei den militant-islamistischen Taliban selbst, kam auch in Afghanistan kaum Freude über den Abzug der deutschen Truppen auf. Nach 20 Jahren freundlicher Beziehungen sei es, "wie einen guten Freund zu verlieren", sagte General Khanullah Schudschah.

Örtliche Politiker befürchteten zudem, der Abzug werde negative Auswirkungen auf die Moral der afghanischen Sicherheitskräfte haben. Nun zögen sie und viele Zivilisten den Schluss, dass die Situation im Land so schlimm geworden sei, "dass uns alle alleine lassen", sagte die Parlamentarierin Fausia Hamidi.

Provinzräte sagten zudem, der Abzug werde die Taliban weiter ermutigen.

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Die letzten internationalen Soldaten sollen Afghanistan bis spätestens zum 11. September - genau 20 Jahre nach den Terror-Anschlägen von New York - verlassen haben, vermutlich werden sie das aber bereits viele Wochen früher tun.

Zuletzt hatte sich die Sicherheitslage in Afghanistan vor allem im Norden des Landes wieder zugespitzt.

Die Taliban hatten alleine in der Provinz Balch, in der sich das deutsche Camp Marmal befand, im Juni mindestens sechs Bezirke erobert.

Kommentar: Die Taliban jubeln

Von Niklas Perband

Kabul - Der Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan trifft im Westen auf breite Zustimmung. Die Bemühungen der Bundeswehr und ihrer Verbündeten stießen zuletzt an ihre Grenzen. Der größte Profiteur des Rückzugs könnten jedoch die Taliban sein.

TAG24-Redakteur Niklas Perband.
TAG24-Redakteur Niklas Perband.  © TAG24

Viele Afghanen wundern sich: Wozu fast zwei Jahrzehnte fremde Soldaten im eigenen Land? Immerhin konnten die Taliban in dieser Zeit zunächst schnell zurückgedrängt werden. Beinahe wurden die militanten Islamisten komplett zerschlagen.

Doch spätestens seitdem die ausländischen Soldaten ihren Rückzug ankündigten, breiteten die Terroristen ihre Macht wieder aus. Experten schätzen, dass sie inzwischen weit mehr als 50 Prozent des Landes kontrollieren.

Im 9/11-Schock stürzten die USA vor knapp 20 Jahren über den Nahen Osten und Afghanistan her. Die Taliban, die Osama bin Laden und die Al-Qaida unterstützten und schützten, sollten geschlagen werden.

Die NATO und Deutschland folgten den Amerikanern treu in den brutalen Kampf gegen den Terrorismus. Doch nur kurzfristig konnte am Hindukusch für Stabilität gesorgt werden.

Inzwischen versuchen sich die Taliban mehr und mehr als legitime politische Macht zu etablieren. Der Abzug der internationalen Truppen wirkt daher für die Einheimischen eher wie eine Flucht als ein gut gemeintes "Wir mischen uns nicht mehr ein".

Für die Taliban ein voller Erfolg.

Titelfoto: dpa/Hauke-Christian Dittrich

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