Hier gehen Millionen flöten: Deshalb dauern große Bauprojekte meist länger als geplant

München - Kurz vor Ende der Wahlperiode hat die große Koalition ihre ehrgeizigen Pläne zur Digitalisierung des Bauens in Deutschland bislang nicht abgeschlossen.

Ein Arbeiter geht über eine Großbaustelle. Kurz vor Ende der Wahlperiode hat die große Koalition ihre ehrgeizigen Pläne zur Digitalisierung des Bauens in Deutschland bislang nicht abgeschlossen. (Symbolbild)
Ein Arbeiter geht über eine Großbaustelle. Kurz vor Ende der Wahlperiode hat die große Koalition ihre ehrgeizigen Pläne zur Digitalisierung des Bauens in Deutschland bislang nicht abgeschlossen. (Symbolbild)  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild/dpa

Der Stufenplan des Verkehrsministeriums zur Einführung digitaler Bauplanung bei den Infrastrukturprojekten des Bundes hat sich verzögert, allerdings nicht nur, weil die Politik zu langsam wäre.

Ein in der Bau- und Immobilienbranche seit Jahren diskutiertes Schlagwort heißt BIM, die englische Abkürzung für Bauinformationsmodellierung.

Hinter dem technokratischen Jargon verbirgt sich die digitale Planung eines Bauvorhabens: Bevor der erste Bagger anrückt, wird das Bauwerk am Computer errichtet, die Daten sämtlichen Beteiligten zugänglich gemacht. Das kann teure Pannen verhindern helfen. Ist das Projekt fertig, können die Daten für den Betrieb genutzt werden.

"Die Baubranche ist leider eine der verschwendungsreichsten überhaupt", sagt Axel Hoffmann, Vorstandssprecher der Münchner Nemetschek-Gruppe, eines führenden Softwareanbieters für die Baubranche.

"Geschätzt neunzig Prozent aller Bauprojekte reißen die ursprüngliche geplante Zeitlinie. Es gibt Ineffizienzen in der Kommunikation, in der Planung und in der Zusammenarbeit."

Planung am Computer: Geschätzt ein Viertel der Bauzeit dank BIM einsparen

Ein Handwerker arbeitet auf einer Baustelle an Betonstahlträgern. (Symbolbild)
Ein Handwerker arbeitet auf einer Baustelle an Betonstahlträgern. (Symbolbild)  © Patrick Seeger/dpa

Nemetschek hat als Softwarekonzern ein Eigeninteresse an der Digitalisierung des Bauwesens, doch steht Hoffmann mit seiner Einschätzung keineswegs allein da.

"Man geht davon aus, dass sich mit Hilfe von BIM bis zu einem Viertel der Bauzeit einsparen lässt, und damit natürlich auch die Kosten sinken", sagt Rebekka Berbner, Fachfrau für das Bauen bei der Unternehmensberatung PwC.

Allerdings ist das bislang nur eine Schätzung: "Da es sich hierbei um den Einsatz neuer Technologien handelt, gibt es noch keine verlässlichen Erfahrungswerte", ergänzt Berbner.

Der Hauptverband der Bauindustrie würde gern höheres Tempo bei den Baudigitalisierungsplänen des Bundes sehen: "Es geht schleppend voran", sagt Sprecherin Inga Stein-Barthelmes. "Wir würden uns gerne mehr Pilotprojekte wünschen, um das Thema gemeinsam voranzubringen. Wir sollten endlich mal ins Tun kommen und nicht immer nur reden."

Die Vorteile der Digitalisierung im Bauwesen liegen auf der Hand: "Schon in der Planungsphase sind mehrere Parteien involviert: Architekt, Statiker, Bauingenieur, Landschaftsplaner", sagt Nemetschek-Vorstandssprecher Hoffmann.

"Deswegen brauchen wir im Planungs- und Designbereich immer besser aufeinander abgestimmte Software. Das erfordert offene Standards und Schnittstellen. In der Bauphase müssen die Daten der Planer auch verarbeitet werden können. Bei einem Bauprojekt sind schnell 30, 40 oder mehr Firmen beteiligt, das ist ganz normal."

Umplanungen am Bau führern zur Kosten-Explosion

Kräne stehen vor einem wolkenverhangenem Himmel auf einer Baustelle. (Symbolbild)
Kräne stehen vor einem wolkenverhangenem Himmel auf einer Baustelle. (Symbolbild)  © Christoph Soeder/dpa

Schon bei einem vergleichsweise kleinen Vorhaben kann viel schiefgehen, wie nahezu jeder Eigenheimbauer in Deutschland weiß. Je größer ein Projekt, desto größer das Pannenpotenzial.

"Wenn dem Bauherrn zu Beginn der Bauphase auffällt, dass er noch einen barrierefreien Zugang braucht, muss umgeplant werden", sagt Hoffmann.

"Dann kann es passieren, dass die ganze Baustelle ruht. Solche Verzögerungen führen dazu, dass Bauprojekte aus dem Ruder laufen, was Kosten, zeitliche Planung und Genauigkeit betrifft." Wird sofort digital geplant, kann anhand der gleichen Daten gebaut und später das fertige Bauwerk betrieben werden.

Dessen ist sich auch die Bundesregierung bewusst. Der frühere Verkehrsminister Alexander Dobrindt ließ 2015 einen BIM-Stufenplan veröffentlichen, demzufolge die digitale Baumethode 2020 bei öffentlichen Verkehrsbauprojekten Standard werden sollte. Doch ebenso wie viele Bauprojekte hat sich auch der BIM-Plan verzögert.

"Die für den Einsatz der BIM-Methode erforderlichen organisatorischen Anpassungen in der Verwaltung - aber eben auch auf Auftragnehmerseite - sind zwar zu großen Teilen, jedoch noch nicht vollständig abgeschlossen", sagt ein Sprecher des Ministeriums. Es gibt jedoch bereits mehrere Großprojekte, bei denen BIM zum Einsatz gekommen ist, unter anderem beim Aus- und Neubau der Bahnstrecke Karlsruhe-Basel und mehrerer Autobahnabschnitte. Für den Hochbau zuständig ist das Bundesinnenministerium, doch dieses ließ eine Anfrage unbeantwortet.

Dass der BIM-Stufenplan des Verkehrsministeriums sich verzögert hat, liegt nicht nur an der Politik. In der Baubranche gibt es ebenso Nachholbedarf. "Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem Potenzial der Digitalisierung, das die Unternehmen sehen, und dem, was sich bisher tatsächlich getan hat", sagt PwC-Fachfrau Berbner. "Im direkten Vergleich sind die Planer weiter in der Digitalisierung als die Bauunternehmen." Zu den Planern zählen vor allem Architekten, Statiker und Bauingenieure.

"Im Idealfall würde die Bundesregierung für alle öffentlichen Bauprojekte von Anfang ein einen digitalen Zwilling verlangen, damit auch in zwanzig Jahren noch sauber dokumentiert ist, was alles getan wurde", sagt Nemetschek-Chef Hoffmann.

"Im Gebäudebetrieb gibt es ebenfalls große Ineffizienzen. Stellen sie sich ein dreißig Jahre altes großes Gebäude mit tausend Arbeitsplätzen vor, das umgebaut werden soll. Wer weiß heute noch, wo was verbaut wurde, und warum?"

Titelfoto: Christoph Soeder/dpa

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