Zu kritisch für Greta-Fans? AfD-Meuthen springt Dieter Nuhr nach Shitstorm und Löschung bei!

Stuttgart - Kabarettist Dieter Nuhr (59) kennt so ziemlich jedes Kind. Dass er durchaus auch mal Ziel von Angriffen im Netz wird, weiß man auch. Nachdem jetzt aber ein Beitrag von ihm gelöscht wurde, springt ihm AfD-Mann Jörg Meuthen (59) zur Seite.

Kabarettist Dieter Nuhr gab ein Statement für die DFG-Kampagne ab.
Kabarettist Dieter Nuhr gab ein Statement für die DFG-Kampagne ab.  © Henning Kaiser/dpa

Was war passiert? Alles begann mit der Kampagne "Für das Wissen entscheiden" (Hashtag #fürdasWissen) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Die Online-Aktion gibt laut Homepage der DFG "allen Interessierten eine Bühne für Text-, Bild- und Video-Statements. Jede und jeder soll sich ermuntert fühlen, Gründe #fürdasWissen zu benennen, die so vielfältig sein können, wie die Menschen". 

Die DFG ermunterte: "Nennen Sie uns Ihren Grund, warum Sie sich für das Wissen entscheiden oder einst entschieden haben. Geben Sie ein Statement ab, machen Sie ein thematisch passendes Foto oder ein kurzes Video."

Auch Dieter Nuhr gab ein Videostatement ab: "Wissen bedeutet nicht, dass man sich zu 100 Prozent sicher ist, sondern dass man über genügend Fakten verfügt, um eine begründete Meinung zu haben." 

Und weiter: "Weil viele Menschen beleidigt sind, wenn Wissenschaftler ihre Meinung ändern: Nein, nein! Das ist normal! Wissenschaft ist gerade, DASS sich die Meinung ändert, wenn sich die Faktenlage ändert. Wissenschaft ist nämlich keine Heilslehre, keine Religion, die absolute Wahrheiten verkündet." 

Und wer ständig rufe "Folgt der Wissenschaft!“ habe das offensichtlich nicht begriffen: "Wissenschaft weiß nicht alles, ist aber die einzige vernünftige Wissensbasis, die wir haben. Deshalb ist sie so wichtig."

Die DFG postete das Statement auch auf ihrer Twitter-Seite. Was folgte, war ein Shitstorm gegen den Kabarettisten!

Shitstorm auf Twitter: "Dieter Nuhr ist wirklich Abfall"

Mal ist Nuhr in den Augen der zeternden Twitter-User "wirklich Abfall", mal ein "Kloakenclown". (Screenshot)
Mal ist Nuhr in den Augen der zeternden Twitter-User "wirklich Abfall", mal ein "Kloakenclown". (Screenshot)  © Screenshot Twitter.de

So beschwerte sich etwa eine Userin: "Ich bin fassungslos darüber, dass die DFG mit so einem misogynen, beleidigenden Menschen gerade zu diesem Feld sprechen lässt. Dieter Nuhr ist wirklich Abfall. Ich arbeite in der Wissenschaft. Danke für nichts."

Ein anderer zeterte: "Ausgerechnet mit dem 'humoristischem Arm der Pegida', der bestens über 'Klimahysterie' Bescheid weiß? So wird Wissenschaft der Lächerlichkeit preisgegeben."

Wiederum eine weitere Userin tobt: "Mal abgesehen davon, dass die Auswahl von Nuhr beschissen ist, ist auch der Inhalt dessen, was er von sich gibt, bedenklich."

Und so geht es in einer Tour weiter. Besonders Nuhr Seitenhieb auf die "Fridays for Future"-Bewegung ("Folgt der Wissenschaft!") stößt offenbar vielen Fans von Greta Thunberg sauer auf.

Schließlich hatte das Zetern und Motzen den gewünschten Erfolg. Am Freitag schrieb die DFG: "Liebe Community, wir nehmen die Kritik, die vielen Kommentare und Hinweise ernst und haben den Beitrag von Dieter Nuhr von der Kampagnenwebsite (...) entfernt."

Das wiederum sorgte nun für gegenteilige Aufregung unter Twitter-Usern. "Die DFG löscht einen auf der Sachebene völlig korrekten Beitrag aufgrund Druck mancher Abonnenten? Finde ich bedenklich!", schreibt eine Userin. "Werden alle Forscher demnächst erst einmal im Hinblick auf 'richtige Gesinnung' hin durchleuchtet, bevor ihre Forschungsergebnisse publiziert werden?"

Ein anderer schreibt kurz und knapp: "Vielen Dank fürs Schwanzeinziehen!"

Kabarettist sieht organisierte Netzkampagne gegen sich

Nuhr fühlt sich an die Zeit des Kommunisten-Jägers Joseph McCarthy (1908-1957) erinnert.
Nuhr fühlt sich an die Zeit des Kommunisten-Jägers Joseph McCarthy (1908-1957) erinnert.  © UPI/dpa

Am späten Freitagabend meldete sich dann auch der Attackierte selbst auf seiner Facebook-Seite zu Wort.

Demnach habe sich die DFG für seinen Beitrag zunächst sogar bedankt. Im Wortlaut zitiert Nuhr: "Wir danken ganz herzlich für Ihr wunderbares Statement – Ihren pointierten Kommentar über die Relevanz und die Erklärung von Wissenschaft."

Am Donnerstag sei der Beitrag dann offline genommen worden, um "die DFG zu schützen". Nuhr beklagt auf Facebook "organisierten Hass" gegen ihn: "Das ist offensichtlich eine im Netzwerk organisierte Kampagne, die mich als an der Meinungsbildung Beteiligten diskreditieren soll."

Es sei offensichtlich, dass dies ideologisch begründet sei, "da ich mich politisch kritisch gegenüber Linken UND Rechten äußere und mich immer wieder gegen jeden politischen Extremismus wende".

Dass die DFG nun "den Ideologen im Netz nachgibt", ängstige den 59-Jährigen. Er fühle sich an die Ära des Kommunisten-Jägers Joseph McCarthy erinnert, nehme er doch "eine McCarthyartige Stimmung im Land" wahr und sehe "im Zuge der Cancel Culture auch die Freiheit des Denkens und der Forschung im Allgemeinen in Gefahr".

Zum Thema "Fridays for Future" sagt er: "Ich habe IMMER gesagt, dass ich die Friday-For-Future-Bewegung im Grunde für sympathisch halte, den Satz 'Folgt der Wissenschaft' aber für bedenklich halte, weil er suggeriert, es gäbe die eine, unantastbare Meinung und Lösungsstrategie für den Klimawandel, weil so die Wissenschaft zum Erlösungsnarrativ erklärt wird. Das ist das Gegenteil von Wissenschaft."

Der DFG wirft er vor, Kritik als Ketzerei zu verfolgen und Andersdenkende mundtot zu machen. Dies gefährde die demokratische Diskussion, schon weil sie inzwischen den Wissenschaftsbetrieb erreicht habe. "An Universitäten wird indessen überall massiv darauf hingearbeitet, dass Andersdenkende gar nicht mehr hineingelassen werden. Das ist nicht nur empörend, sondern beängstigend", so Nuhr.

Er fragt: "In was für einem Land wollen wir leben? In einem Land, in dem öffentliches Nachdenken zunehmend durch Denunziation und soziale Ausgrenzung bestraft wird? Mir gruselt es."

AfD-Mann Meuthen ist Fan von Dieter Nuhr

Nimmt den Kabarettisten in Schutz: Jörg Meuthen.
Nimmt den Kabarettisten in Schutz: Jörg Meuthen.  © Matthias Rietschel/dpa-Zentralbild/dpa

Am Samstag nahm sich dann auch AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen des Themas an.

Er outete sich gleich zu Beginn seines Facebook-Postings als Fan des Kabarettisten: "Gerne bekenne ich mich dazu, dass ich seine Art, das Zeitgeschehen pointiert zu kommentieren, persönlich sehr schätze".

Dieter Nuhr bringe die Dinge auf den Punkt und teile furchtlos aus, "gegen unsere Bürgerpartei ebenso wie gegen ökosozialistischen Verbotswahnsinn, schulschwänzende Fridays-for-Future-Hüpfer und Greta Thunberg."

Meuthen fragt, welcher von Dieter Nuhrs prominenten Kollegen sich denn ernsthaft traue, "Witze über das zum Teil wirklich groteske Verhalten dieses Teenagers und der anderen Klimahysteriker zu machen, die versuchen, unser Leben in ihrer ökosozialistischen Verblendung komplett umzumodeln?"

Die DFG betitelt der AfD-Mann als "staatlich finanzierte Institution", die den Kabarettisten Nuhr mundtot machen wolle.

Nuhrs gelöschtes Statement verteidigt der 58-Jährige als "in jeder Hinsicht richtig, nichts daran ist verurteilenswert - zumindest nicht in wissenschaftlicher Hinsicht, und um selbige sollte es bei einer Deutschen Forschungsgemeinschaft wohl gehen, nicht wahr?"

Der AfD-Politiker will wissen: "Wovor haben diese Forscher eigentlich Angst? Davor, dass ihre vermeintlich sicheren, unumstößlichen Erkenntnisse doch falsifiziert werden, wie es in der Wissenschaft immer sein kann? Was nicht sein darf, das nicht sein kann?"

Und er mutmaßt: "Geht es am Ende also gar nicht um Wissenschaft, sondern darum, dass eine bestimmte, linksgrüne Ideologie zur ökosozialistischen Ummodelung unseres Landes nicht mehr hinterfragt werden darf?"

Titelfoto: Montage: Henning Kaiser/dpa, Matthias Rietschel/dpa-Zentralbild/dpa

Mehr zum Thema AfD:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0