Telegram-Skandal der AfD-Bayern: "Bekämpft das Deutschland meuchelnde System"

Aktualisiert: 1. Dezember, 17.02 Uhr

München - Die bayerische AfD gerät wegen eines internen Chats mit teilweise zweifelhaften bis radikalen Inhalten unter Druck. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (65, CSU) sieht damit die Frage nach Beobachtung einzelner Abgeordneter und der Partei als Ganzes neu gestellt. Grüne und SPD nannten eine Beobachtung der AfD unabdingbar.

Parteimitglieder stimmen beim Landesparteitag der AfD Bayern am 16. Oktober ab. In einer Telegram-Gruppe der Partei wurden zweifelhafte Inhalte geteilt.
Parteimitglieder stimmen beim Landesparteitag der AfD Bayern am 16. Oktober ab. In einer Telegram-Gruppe der Partei wurden zweifelhafte Inhalte geteilt.  © Angelika Warmuth/dpa

Der Bayerische Rundfunk zitierte am Mittwoch aus Inhalten einer geschlossenen Telegram-Gruppe mit dem Namen "Alternative Nachrichtengruppe Bayern", die BR-Reportern zugespielt worden seien.

Mit in der Gruppe sind demnach auch große Teile der Landtagsfraktion, der bayerischen AfD-Bundestagsgruppe und des Landesvorstands.

"Ohne Umsturz und Revolution erreichen wir hier keinen Kurswechsel mehr", schrieb laut dem Bericht etwa ein AfD-Kreisvorsitzender.

Ein weiterer AfD-Mann, der inzwischen Mitglied im AfD-Landesvorstand ist, schrieb dem BR zufolge: "Bekämpft bitte (oder auch gefälligst) mit dem vielen Geld, das ihr vier lange, weitere Jahre egal in welcher Partei bekommt, das Deutschland meuchelnde System. Das erwarten unsere Wähler. Der Widerstand der Straße würde es euch danken."

Der AfD-Landesverband reagierte am Mittwoch zunächst nicht auf Nachfragen. Doch die Existenz der Telegram-Gruppe wurde der Deutschen Presse-Agentur in AfD-Kreisen bestätigt.

Es handle sich aber um keine offizielle Gruppe etwa des Landesvorstands oder der Landtagsfraktion, wurde betont. Aktuell gebe es mehr als 250 Mitglieder, teilweise auch von außerhalb der Partei. Fast alle der Beiträge in der Gruppe seien vernünftigen Inhalts und beträfen das politische Tagesgeschäft, hieß es weiter. Kaum jemand schaffe es allerdings, alles zu lesen.

"Das ist nun wirklich extrem gefährlich für diese Republik"

Stephan Protschka (44), der neue AfD-Landeschef, reagierte auf seinem Telegram-Kanal auf die Vorwürfe.
Stephan Protschka (44), der neue AfD-Landeschef, reagierte auf seinem Telegram-Kanal auf die Vorwürfe.  © Timm Schamberger/dpa

Herrmann nannte die Chats erschreckend. "Sie machen deutlich, dass offensichtlich gerade in den Führungsgremien der AfD auch Leute unterwegs sind, auch Parlamentarier, die offensichtlich Gewalt überhaupt nicht ausschließen, die ernsthaft über Bürgerkrieg und ähnliches nachdenken", sagte er am Rande einer Landtagssitzung in München. "Das ist nun wirklich extrem gefährlich für diese Republik."

Der Verfassungsschutz werde den Chat, wenn er die Unterlagen denn bekomme, natürlich sorgfältig auswerten. Nachdem offensichtlich eine Reihe von Abgeordneten unmittelbar beteiligt gewesen sei, was sorgfältig geprüft werden müsse, stelle sich die Frage, inwieweit die betreffenden Abgeordneten beobachtet werden müssten - auch wenn dafür normalerweise besondere Anforderungen zu erfüllen seien.

Zudem stelle sich die Frage, "inwieweit daraus dann auch sich zusätzliche Argumente für eine Beobachtung der AfD insgesamt ableiten".

"Wir warnen ja schon seit einer Weile vor den besonders radikalen Elementen in der AfD", sagte Herrmann. Teile der Partei seien ja schon unter Beobachtung.

"Wenn sich dieser Chat-Verlauf so bestätigen sollte, ist das natürlich ein weiteres Argument, dass eben da schon Wölfe im Schafspelz unterwegs sind, die nach außen immer alle Vorwürfe von sich weisen, aber offensichtlich intern doch über brutalste Gewaltanwendung und Machtergreifung sprechen."

"Mich überrascht bei diesen Leuten nichts mehr"

FDP-Fraktionschef Martin Hagen (40) überraschten die extremen Chat-Inhalte der AfD nicht.
FDP-Fraktionschef Martin Hagen (40) überraschten die extremen Chat-Inhalte der AfD nicht.  © Nicolas Armer/dpa

Die Grünen nannten eine Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz nunmehr unabdingbar. Die Äußerungen in dem Chat zeigten, "wie weit die Verachtung der parlamentarischen Demokratie auch bei führenden Funktionären der Partei bereits fortgeschritten ist", sagte der Landtagsabgeordnete Cemal Bozoglu.

"Angesichts dieser erschreckenden Äußerungen, die bis zu einer Rechtfertigung von gewalttätigen Aktionen reichen, ist eine Beobachtung der gesamten AfD durch die Sicherheitsbehörden unabdingbar." Bayern solle hier sofort tätig werden "und nicht nur den 'Flügel' und die 'Junge Alternative', sondern die gesamte AfD unter Beobachtung stellen", forderte er.

SPD-Fraktionschef Florian von Brunn (52) sagte "Passauer Neue Presse" und "Donaukurier": "In der tiefbraunen Chatgruppe tummeln sich offenbar zuhauf Abgeordnete mit purer Nazi-Gesinnung, die den Umsturz und die Abschaffung der Demokratie in Deutschland planen."

Man müsse gegen diese mit allen rechtlichen Mitteln vorgehen. "Die Beobachtung durch den Verfassungsschutz in Bayern ist überfällig." FDP-Fraktionschef Martin Hagen (40) sagte: "Mich überrascht bei diesen Leuten nichts mehr."

Der neue AfD-Landeschef, der Bundestagsabgeordnete Stephan Protschka (44), hatte schon vor der Veröffentlichung des BR-Berichts auf seinem Telegram-Kanal unter der Überschrift "Der BR schnüffelt in unseren Telegram-Gruppen" geschrieben:

"Im Gegensatz zu unseren Mainstreammedien dürfen bei uns ALLE mitdiskutieren und mitreden. Bei uns gibt es keine Zensur und niemand wird aufgrund seiner politischen Meinung gecancelt, stigmatisiert oder diffamiert, denn wir leben die freie demokratische Grundordnung. Meinungsfreiheit ist unsere Devise."

Und weiter: "Da der BR sich aber schon seit mindestens Dezember 2020 wortlos in unseren Telegramgruppen befindet, möchte ich sie nun herzlich willkommen heißen. Sie dürfen natürlich mitreden und mitdiskutieren und müssen nicht, wie sie es in ihrem Medium gewohnt sind, den Mund halten."

Titelfoto: Timm Schamberger/dpa

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