CDU verschweigt eigenen Bundeskanzler in Wahlkampf-Show für junge Leute

Berlin - Die CDU versucht sich auf den Social-Media-Seiten betont jugendlich zu geben, um junge Menschen wenige Wochen vor der Bundestagswahl im Kampf um ihre Stimmen zu erreichen. Am Montagabend lief auf YouTube, Instagram und Facebook die erste Sendung der Show "Home Sweet Germany".

Mit Moderator Fabian will die CDU im Wahlkampf ein junges Publikum erreichen.
Mit Moderator Fabian will die CDU im Wahlkampf ein junges Publikum erreichen.  © Screenshot/YouTube/cdutv

Das Studio ist im Industrial Chic eingerichtet: rustikale Backsteinoptikwände, Ledersessel, Leuchtstoffröhren und Neon-Schriftzug an der Wand. Moderator Fabian entspricht dem Klischee eines Mitglieds der Jungen Union: Hemd, Stonewashed Jeans und weiße Sneaker. Er führte betont mit einem Hauch versuchter Selbstironie durch die auch als "Wahlkampf WG" bezeichnete Show. So weit, so unspektakulär und austauschbar.

Doch bevor die erste Sendung um 21.15 Uhr lief, gab es bereits Wirbel um ein Plakat im Hintergrund. Darauf steht Konrad, Ludwig, Helmut, Angela und Armin. Bei den ersten drei handelt es sich um die Vornamen ehemaliger CDU-Bundeskanzler (Adenauer, Erhard und Kohl), dann folgt die amtierende Angela Merkel (67) und zuletzt der aktuelle Kanzlerkandidat der Union Armin Laschet (60).

Das Problem daran: Seit Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949 stellte die CDU aber vier Kanzler und eine Kanzlerin. Auf dem Plakat fehlt Kurt Georg Kiesinger (1904 -1988), der 1966 bis 1969 Regierungschef der ersten Großen Koalition in Deutschland war.

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Sein Fehlen fällt auf, obwohl die Aufrufzahlen der Show niedrig sind (YouTube: 1500, Instagram: 2430, Facebook: 3150, Stand 1. September, 8.55 Uhr). "Wenn man schon stolz alle Kanzler der CDU präsentiert, sollte man auch Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) kennen", schreibt ein Nutzer auf Twitter und ein anderer: "Geschichtsbewusstsein ist wichtig, es zu verweigern unanständig und gefährlich."

Zuschauer kritisieren CDU-Show

Erste Folge der CDU-Show "Home Sweet Germany"

Mit Kiesinger verlor die CDU erstmals die Regierungsmacht

Kurt Georg Kiesinger (CDU, 1904 -1988) war von 1966 bis 1969 Bundeskanzler. (Archivbild)
Kurt Georg Kiesinger (CDU, 1904 -1988) war von 1966 bis 1969 Bundeskanzler. (Archivbild)  © DPA

Denn Kiesinger war zu seiner Amtszeit umstritten, da er 1933 der NSDAP beigetreten war und während der Hitler-Diktatur eine leitende Position im Auswärtigen Amt innehatte. In den 60ern war das für die meisten Deutschen aber kein Problem.

Intellektuelle wie Günther Grass, Karl Jaspers und Heinrich Böll stellten sich wegen seiner Nazi-Vergangenheit gegen Kiesinger. Erst als ihm die später als Nazi-Jägerin bekannte Beate Klarsfeld im November 1968 auf dem CDU-Parteitag in Westberlin auf dem Podium eine Ohrfeige gab, wurde die NS-Vergangenheit des Kanzlers bekannter.

Kein Problem für die CDU, die stellte Kiesinger 1969 erneut zum Kanzler-Kandidaten auf, gewann zwar die Wahl, doch die etwas schwächere SPD koalierte mit der FDP, Willy Brandt wurde erster sozialdemokratischer Regierungschef und die CDU landete erstmals seit 1949 in der Opposition.

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So weit das geschichtliche Hintergrundwissen.

Wieso blendet die CDU ihr Parteimitglied und Ex-Kanzler Kiesinger in der Wahlkampfsendung aus? Absicht oder peinlicher Fehler? TAG24 hat dazu nachgefragt, eine Antwort der Christdemokraten kam nicht.

Titelfoto: Montage: Screenshot/YouTube/cdutv

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