Nachgefragt: Braucht es Euch eigentlich noch, liebe CDU?

Berlin - Die Ökos wählen Grün, die Reichen FDP, die Sozialen SPD und die Rechten... Für jede Klientel scheint es in Deutschland inzwischen die perfekte Partei zu geben. Was wird da eigentlich aus der CDU? Braucht es die Partei der konservativen alten Männer 2022 eigentlich noch? Wir haben bei einem der jüngsten Bundestagsabgeordneten der Union, Yannick Bury (32), nachgefragt. Was die Partei auch heute noch sexy macht...

Yannick Bury (32, CDU) ist seit Ende des vergangenen Jahres Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Emmendingen–Lahr (Baden-Württemberg).
Yannick Bury (32, CDU) ist seit Ende des vergangenen Jahres Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Emmendingen–Lahr (Baden-Württemberg).  © creategy

TAG24: Yannick, Hand aufs Herz: Warum sollen junge Menschen heute überhaupt noch die CDU wählen?

Yannick Bury: Ich glaube nach wie vor, dass bei uns einfach die Balance stimmt. Auf der einen Seite haben wir die Themen Nachhaltigkeit und Zukunftschancen im Blick, auf der anderen Seite achten wir auf eine ordentliche ökonomische Substanz. Da liegt das meiste Potenzial bei der CDU.

TAG24: Inwiefern das meiste Potenzial?

Bury: Ok, da muss ich natürlich einschränken, dass sich unser Potenzial jetzt auch ein bisschen neu übersetzt im Parteiprogramm widerspiegeln muss. Da stehen wir im Moment noch nicht ganz. Aber da können wir wieder hinkommen! Warum das meiste Potenzial? Wenn ich mir die Breite der Partei anschaue, glaube ich, dass wir zum Glück immer noch so aufgestellt sind, dass wir in so gut wie allen Bereichen der Gesellschaft zumindest noch teilweise verwurzelt sind. Es gibt natürlich keine Garantie, dass das immer so bleibt. Das ist eine der größten Aufgaben von uns, das auch sicherzustellen. Bei uns gibt es von Naturschützern über Arbeitnehmer und Unternehmern alles, das ist unsere große Stärke!

TAG24: Und wie weit seid Ihr eigentlich mit der Programmfindung?

Bury: Am Anfang. Das ist aber nach 16 Jahren, wo Partei- und Parlamentsarbeit immer auch von Regierungshandeln geprägt waren, nichts Außergewöhnliches. Den Prozess mit dem ganzen Thema neues Grundsatzprogramm haben wir jetzt gestartet. Das wird kein Selbstläufer, nur weil wir was Neues machen, ist es nicht automatisch gut. Die Frage ist jetzt, erlaubt mir die Floskel, wie man das jetzt mit Leben füllt. Die ganze Partei muss widergespiegelt werden und wir sollten auch nicht zurückblickend oder rechtfertigend ein Programm aufschreiben, sondern mit dem sehr realitätsnahen Blick nach vorne.

TAG24: Welche Themen drängen sich da für Euch auf?

Bury: Ganz akut natürlich Themen wie Digitalisierung oder Außen- und Sicherheitspolitik …

Auch im Video-Interview mit Politikredakteur Paul Hoffmann (29, l.) und CrossMedia-Redakteur Paul Schönlebe (21) zeigte sich, dass die Digitalisierung in den vergangenen Jahren ordentlich verschlafen wurde. Immer wieder brach das Bundestags-Netz zusammen.
Auch im Video-Interview mit Politikredakteur Paul Hoffmann (29, l.) und CrossMedia-Redakteur Paul Schönlebe (21) zeigte sich, dass die Digitalisierung in den vergangenen Jahren ordentlich verschlafen wurde. Immer wieder brach das Bundestags-Netz zusammen.  © Max Patzig

TAG24: Eure direkten Kontrahenten haben sehr junge Parteivorsitzende, CDU-Chef Friedrich Merz geht straff auf die 70 zu. Habt Ihr neben der Digitalisierung einen weiteren Trend verschlafen?

Bury: Das glaube ich nicht. Es ist ja nicht nur die Frage, wer gerade die Vorsitzendenposition innehat, sondern wie sich das Team drum herum aufstellt. Mit Daniel Günther hat beispielsweise gerade ein junger Ministerpräsident in Schleswig-Holstein die Wahl für die CDU gewonnen.

In der Bundestagsfraktion haben wir auch eine ganze Reihe von jungen Köpfen, wie Carsten Linnemann (44, leitet den Grundsatzprogramm-Prozess, Anm. d. Red.) oder Nadine Schön (39). Bundespolitisch ist ein Generationswechsel also durchaus eingeleitet worden. Die Aufgabe, die Friedrich Merz hat, ist es, die Breite der Partei auch abzubilden.

TAG24: Ist das Alter eine Vorbedingung dafür, die Themen einer Generation auf dem Schirm zu haben?

Bury: Nein. Das ist, glaube ich, eher eine Frage, wie thematisch offen man da unterwegs ist, und diese Offenheit sehe ich bei Friedrich Merz absolut.

Bury: "Unsere große Stärke ist es, dass wir verschiedene Eigenschaften zusammenbinden können"

Auch die aktuell schwierigen Zeiten schrecken Yannick Bury nicht vom Politiker-Dasein ab.
Auch die aktuell schwierigen Zeiten schrecken Yannick Bury nicht vom Politiker-Dasein ab.  © Michael Kienzler

TAG24: Hast Du eigentlich Angst, dass die CDU irgendwann nicht mehr gebraucht wird? Wer es freiheitsdenkend mag, kann FDP wählen, mit Blick auf Umweltpolitik die Grünen und wer rechts ist - ja, der wählt das Original… Bleibt Deine Partei eine Volkspartei?

Bury: Ja, das glaube ich! Diese ganzen Attribute, die Ihr gerade beschrieben habt, lassen sich im Zweifelsfalle immer nur einzeln den entsprechenden Parteien zuordnen. Das große Potenzial von uns ist es, dass wir mit einer modernen christdemokratischen Politik die Dinge einerseits konservativ, aber auch mit dem Freiheitsargument angehen.

Mit Blick auf die Grünen: Was ist denn konservativer als die Bewahrung der Schöpfung und damit eine nachhaltige und Ressourcenschonung bedachte Politik zu machen? Die große Stärke, die wir haben - wenn wir es richtig machen – ist, dass wir diese verschiedenen Eigenschaften bei uns zusammenbinden können. Und auf den Weg müssen wir uns jetzt machen.

TAG24: Auf Deiner Webseite steht, dass "Politik das Bohren dicker Bretter" ist. Warum will man angesichts von Krieg und Klimakrise eigentlich noch Politiker werden?

Genau deswegen und genau deswegen auch als junge Generation! Der Grund, warum ich für den Bundestag kandidiert habe und wofür ich mich hier auch einsetzten möchte, ist, dass wir eine Politik machen, die Lebensgrundlagen für aktuelle und kommende Generationen erhält. Das beginnt bei Klimapolitik und Ressourcenschonung, geht weiter mit der Frage der Freiheits- und Friedenssicherung und der Verteidigung von Freiheit in Europa. Gerade jetzt ist es wichtig, Politik zu machen!

So ist der Alltag von Yannick Bury in Berlin

Seit einigen Monaten bestimmt der 32-Jährige mit Hunderten weiteren Abgeordneten die Zukunft unseres Landes.
Seit einigen Monaten bestimmt der 32-Jährige mit Hunderten weiteren Abgeordneten die Zukunft unseres Landes.  © Michael Kappeler/dpa

TAG24: Du bist jetzt seit einigen Monaten als Abgeordneter in Berlin. Wie bist Du in der Stadt untergebracht? Hast Du schon Lieblingsecken?

Bury: Auch wenn ich etwa die Hälfte des Monats in der Stadt bin, muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich noch nicht so wirklich aus den Bundestagsgebäuden und dem Parlamentsviertel herausgekommen bin (lacht). Die Tage im Parlamentsbetrieb sind einfach extrem durchgetaktet …

TAG24: Wie schaut denn so ein typischer Tag von Dir aus?

Bury: Meist gehe ich morgens um 7 Uhr aus dem Haus und bin zwischen 10 und 11 abends wieder zu Hause. Zu Hause heißt in dem Fall eine kleine Einzimmerwohnung in der Nähe des Bundestages, in der nicht viel mehr als ein Bett und ein Schrank steht und die ich glücklicherweise von einem scheidenden Abgeordneten übernehmen konnte.

Mit Blick auf den Sommer habe ich mir mal vorgenommen, wenigstens ein Wochenende hier zu verbringen und von der Stadt ein bisschen mehr zu sehen. So Lieblingsecken gibt es also noch gar nicht. Es wären aber wohl auch andere als in den Bundestagsgebäuden… (lacht erneut)

TAG24: Wirst Du als Parlamentsneuling in den Fraktionen und Ausschüssen ernst genommen oder sitzt Du doch eher in der letzten Reihe?

Bury: In der Tat kann ich sofort mit Ja antworten. Das Schöne ist, dass ich meine Konstellation der Ausschüsse (Haushalt & Europa), die ich machen wollte, gleich bekommen habe. Natürlich habe ich am Anfang gedacht: "Na komm, vor allem im Haushaltsausschuss, da werde ich mich hinten anstellen müssen." Aber schon in den ersten Arbeitsgruppensitzungen war es egal, ob es Wortmeldungen von einem der alten Hasen oder von mir gab. Ich glaube, das Wichtige ist, dass man inhaltlich solide und bedachte Punkte einbringen muss – dann nehmen Dich die anderen auch ernst.

Das machte der Abgeordnete Bury vor seiner Wahl in den Bundestag

Liegt die Zukunft von Yannick Bury auch in fünf, zehn oder mehr Jahren in Berlin?
Liegt die Zukunft von Yannick Bury auch in fünf, zehn oder mehr Jahren in Berlin?  © Christoph Soeder/dpa

TAG24: Sollte es im Parlament eigentlich Abgeordnete geben, die noch nicht mal ihr Studium oder ihre Ausbildung abgeschlossen haben?

Wisst Ihr, das ist ja das Schöne an freien und demokratischen Wahlen. Am Ende entscheiden die Wählerinnen und Wähler darüber, ob sie jemandem ein Amt zutrauen oder eben nicht. Klar haben Parteien in der Aufstellung ihrer Kandidaten eine Verantwortung, aber am Ende entscheiden allein die Wähler. Da bin ich relativ entspannt.

TAG24: Yannick, was hast Du eigentlich vor Deinem Leben als Abgeordneter gemacht?

Ich habe in Freiburg VWL studiert und die fünf Jahre zwischen Studium und Bundestag als Volkswirt an einem Wirtschaftsforschungsinstitut gearbeitet. Da war ich Projektleiter für den ganzen Bereich Finanzpolitik, öffentliche Haushalte und gleichzeitig Referent vom damaligen Vorsitzenden der Wirtschaftsweisen.

TAG24: Also durchaus ein Job, in den es auch zurückgehen könnte, wenn es mit dem Bundestag nichts mehr wird?

Das ist für mich die Voraussetzung, dass Du überhaupt Politik machen kannst. Du brauchst die Unabhängigkeit einfach für Dich. Wenn Du Dich hier jeden Tag fragst: "Um Gottes willen, was passiert nur, wenn ich nicht mehr gewählt werde?", dann hast Du natürlich einen enormen Druck und das macht Deine Entscheidungen dann auch nicht besser. Ich könnte hier nicht Abgeordneter sein ohne eine berufliche Unabhängigkeit.

TAG24: Wo siehst Du Dich in fünf oder zehn Jahren? Kandierst Du mal ums Kanzleramt?

Mit dem, was ich hier gerade mache, bin ich super zufrieden. Es ist einfach eine riesengroße Ehre, Abgeordneter im Bundestag sein zu dürfen. Das sollte man sich immer wieder klarmachen. Es ist ein großes Privileg. In fünf Jahren bin ich bestimmt noch Abgeordneter, in zehn Jahren wohl auch noch, aber in 20 Jahren wahrscheinlich nicht mehr. Ich glaube, dem politischen Betrieb tut ein gewisser Wechsel einfach auch gut.

Titelfoto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

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