Katja Kipping im Interview: "Familien-Disko und Speck auf der Seele helfen im rauen Alltag der Politik"

Dresden - Diesen November sollte es bei der Partei DIE LINKE eigentlich einen Führungswechsel geben.

Katja Kipping ist Vorsitzende der Partei Die Linke. Die Dresdnerin will im kommenden Jahr wieder in den Bundestag einziehen und dort Brücken bauen für eine Mehrheit links der CDU.
Katja Kipping ist Vorsitzende der Partei Die Linke. Die Dresdnerin will im kommenden Jahr wieder in den Bundestag einziehen und dort Brücken bauen für eine Mehrheit links der CDU.  © imago/photothek

Katja Kipping (42) und Bernd Riexinger (65) wollten nach acht Jahren den Parteivorsitz abgeben. Corona zwingt Kipping und Riexinger nun in die Verlängerung. Die Partei musste ihren Erfurter Parteitag wegen der Pandemie absagen.

Wie die Dresdnerin jetzt vorausschaut, welche Ziele sie sich setzt und warum sie "Speck auf der Seele" hat, erfuhr TAG24-Redakteurin Pia Lucchesi im Interview.

TAG24: Frau Kipping, wenn alles nach Plan gegangen wäre, hätten Sie jetzt schon den Staffelstab innerhalb der Parteispitze übergeben.

Katja Kipping: Ja, an ein tolles neues Frauenduo und einen neuen Parteivorstand. Danach hätte ich mich erstmal für einige Zeit auf die Sozialpolitik und Dresden konzentriert. Ich hatte geplant, Sonntag vom Parteitag abzureisen und am Montag im Bundestag an der Anhörung zum Thema Hartz-IV-Regelsätze teilzunehmen. Nun ja, in diesen Zeiten geht es mir wie allen Menschen.

TAG24: Wann soll der Parteitag nachgeholt werden?

Kipping: Am 27. Februar und zwar in 15 dezentralen Veranstaltungen, sodass überall weniger als 100 Leute zusammenkommen. Diese dezentralen Veranstaltungen sind digital miteinander verbunden. Das ist ein bisschen wie beim Eurovision Song Contest. In diesen Zeiten müssen wir neue Pfade einschlagen.

Leben ohne politisches Engagement für Kipping nicht vorstellbar

Bernd Riexinger und Katja Kipping bilden die Doppelspitze der Partei Die Linke. Bis zum Bundesparteitag führen sie weiterhin die Oppositionspartei.
Bernd Riexinger und Katja Kipping bilden die Doppelspitze der Partei Die Linke. Bis zum Bundesparteitag führen sie weiterhin die Oppositionspartei.  © dpa/Britta Pedersen

TAG24: Beschreiten Sie gern Neuland?

Kipping: Ja. Als ich Parteivorsitzende wurde, hatte ich das nicht jahrelang vorher geplant. Ich war gerade in einem 5-Stunden-Stillrhythmus und meine Tochter sechs Monate alt. Da musste ich auch umplanen.

TAG24: Haben Sie jemals daran gedacht, etwas anderes als Politik zu machen?

Kipping: Ein Leben ohne politisches Engagement kann ich mir nicht vorstellen. Trotzdem war es mir immer wichtig, emotional unabhängig von der Berufspolitik zu sein. Ich bin glücklich, dass ich ein vielseitiges Privatleben neben der Politik habe.

TAG24: Werden Sie 2021 wieder für den Bundestag kandidieren?

Kipping: Am 9. Januar - wenn alles nach Plan geht - werde ich mich bei der LINKEN in Dresden um die Direktkandidatur bewerben. Ich möchte in Dresden um den Wahlkreis kämpfen.

Kipping über die Chancen nach Merkels Abschied

Der Termin für die turnusmäßig 2021 stattfindende Bundestagswahl steht noch nicht fest. Es wird erwartet, dass der Bundespräsident Anfang 2021 den Wahltermin bekannt gibt.
Der Termin für die turnusmäßig 2021 stattfindende Bundestagswahl steht noch nicht fest. Es wird erwartet, dass der Bundespräsident Anfang 2021 den Wahltermin bekannt gibt.  © Kay Nietfeld/dpa

TAG24: Kurz vor dem Shutdown im Frühjahr erschien ihre Streitschrift "Neue linke Mehrheiten". Wie ist die politische Resonanz?

Kipping: Das Buch öffnet Köpfe. Es gibt der Fantasie Futter, dass auch andere Pfade als ein Weiter-So möglich sind. Um nur ein Beispiel zu nennen: Es gab eine Buchpräsentation mit Lars Klingbeil von der SPD. Trotz aller Differenzen, die es naturgemäß zwischen der Opposition und einer Regierungspartei gibt, haben wir beide festgestellt, dass unsere Parteien auch viele Standpunkte teilen - zum Beispiel bei der Notwendigkeit von Abrüstung sowie Entspannungspolitik gegenüber Russland.

TAG24: Glauben Sie noch an die historische Chance eines rot-rot-grünen Bündnisses, das Deutschland regiert?

Kipping: Ich beherrsche die Grundrechenarten und habe im Lockdown mit meiner Tochter auch viel Kopfrechnen geübt. Insofern weiß ich, dass uns links der Union noch ein paar Prozente fehlen. Spätestens jedoch, wenn klar wird, wer in der CDU auf Angela Merkel folgt, wird es eine Dynamik weg von der CDU geben. Dann kann es linke Mehrheiten geben. Und dann stehen alle Akteure in der Pflicht, diese auch zu nutzen, um soziale Sicherheit, Klimaschutz und Friedenspolitik voranzubringen.

Kipping über Corona

Immer schön die Maske tragen. DIE LINKE steht hinter diesem Gebot.
Immer schön die Maske tragen. DIE LINKE steht hinter diesem Gebot.  © dpa/Kira Hofmann

TAG24: Spielt Ihnen Corona in die Hände?

Kipping: Corona verschärft noch mal die soziale Spaltung. Ich sehe jetzt meine Aufgabe darin, darauf zu drängen, dass die Ärmsten nicht vergessen werden. Und die Freiberufler, Kunstschaffenden und Selbstständigen. Und dass aus der epidemiologischen Notlage keine Notlage der Demokratie wird.

TAG24: Die LINKE stimmte diese Woche nicht den Änderungen des Infektionsschutzgesetzes zu. Warum?

Kipping: Da die Maßnahmen und ihre Voraussetzungen unbestimmt bleiben, konzentriert sich die Entscheidungsmacht weiter bei der Regierung. Mit anderen Worten: Die Beteiligung des Parlamentes besteht darin, dass es zustimmen darf, auch weiterhin nichts zu sagen zu haben.

TAG24: Was kritisieren Sie noch an der Corona-Politik der Bundesregierung?

Kipping: Sie hat den Sommer nicht genutzt, um alle technischen Möglichkeiten wie Luftfilter nutzbar zu machen, damit wir pandemiefest in den Winter gehen können. Wer aber meint, es sei besonders rebellisch, den Infektionsschutz geringzuschätzen oder gar die Masken runterzunehmen, der irrt. Er gefährdet damit das Grundrecht der Anderen auf körperliche Unversehrtheit.

Widerstreit gehört für mich zur Demokratie dazu

Am vergangenen Mittwoch stimmten Bundestag und Bundesrat für die Neufassung des Infektionsschutzgesetzes. Dagegen hatten am Morgen davor Tausende protestiert. Diese Demo-Teilnehmer umarmten sich mit einem Holzkreuz in der Hand.
Am vergangenen Mittwoch stimmten Bundestag und Bundesrat für die Neufassung des Infektionsschutzgesetzes. Dagegen hatten am Morgen davor Tausende protestiert. Diese Demo-Teilnehmer umarmten sich mit einem Holzkreuz in der Hand.  © dpa/Fabian Sommer

TAG24: Für diese Aussagen greifen Querdenker und Corona-Leugner Sie scharf an. Sie wurden auf Twitter als Monster und Handlangerin von Mördern beschimpft.

Kipping: Widerstreit gehört für mich zur Demokratie dazu. Ich finde es allerdings entlarvend, dass Anhänger von Querdenken, die so auf ihre Meinungsfreiheit pochen, Andersdenkende derart attackieren.

TAG24: Das war nicht der erste Shitstorm, der Sie traf. Wie gehen Sie privat damit um?

Kipping: Es tut gut, wenn man in solchen Momenten Speck auf der Seele hat. Den setze ich zum Beispiel an, wenn ich engagierte und warmherzige Menschen treffe. Zudem habe ich gelernt, schwierige Situationen als Studienfälle zu betrachten. Ich beobachte meine Gegner und analysiere ihre Art anzugreifen. So kann ich auch aus Niederlagen lernen und Anfeindungen sportlich nehmen.

TAG24: Apropos Sport. Zum Kickbox-Training können Sie gerade nicht gehen. Wie powern Sie sich in diesen Tagen aus?

Kipping: Ich absolviere daheim ein High Intensity Trainingsprogramm. Früher bin ich auch Tanzen gegangen. Jetzt machen wir manchmal Familien-Disko in den eigenen vier Wänden - mit Hits aus den 80er und 90er Jahren...​

Turbo-Karriere in Dresden und Berlin

Katja Kipping war 21 Jahre alt, als sie 1999 als jüngste Abgeordnete für die PDS in den sächsischen Landtag einzog.
Katja Kipping war 21 Jahre alt, als sie 1999 als jüngste Abgeordnete für die PDS in den sächsischen Landtag einzog.  © Jürgen Lösel

Katja Kipping wurde 1978 in Dresden geboren.

Nach dem Abi am Annengymnasium studierte sie Slavistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaft an der TU Dresden.

Sie war 20 Jahre alt, als sie in die PDS eintrat. Von September 1999 bis Oktober 2005 gehörte sie als Abgeordnete dem Sächsischen Landtag an.

2005 zog sie in den Bundestag ein und wurde sozialpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. Im Juni 2012 gewann sie die Wahl zur Vorsitzenden der Partei in Doppelspitze mit Bernd Riexinger.

2014 und 2016 bestätigte man die Doppelspitze im Amt. Katja Kipping ist verheiratet und hat eine Tochter.

Dresden ist ihre Heimatstadt. Hier hat sie auch ihren Wahlkreis.

Titelfoto: Kay Nietfeld/dpa/imago/photothek

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