Angela Merkel will sich "nicht entschuldigen": So lief der erste Auftritt nach sechs Monaten

Berlin - Ein halbes Jahr war Angela Merkel (67, CDU) weitgehend abgetaucht, jetzt meldete sie sich zurück. Dabei hat die frühere Bundeskanzlerin ihre Russland-Politik in den 16 Jahren als Regierungschefin vehement verteidigt.

Angela Merkel (67, CDU, l.) im Gespräch mit Journalist Alexander Osang (60).
Angela Merkel (67, CDU, l.) im Gespräch mit Journalist Alexander Osang (60).  © JOHN MACDOUGALL / AFP

Eine Entschuldigung für den von vielen als zu nachsichtig gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin (69) kritisierten Kurs lehnte sie am Dienstagabend in Berlin in ihrem ersten großen Interview seit dem Ausscheiden aus dem Amt ab.

"Also ich sehe nicht, dass ich da jetzt sagen müsste: Das war falsch, und werde deshalb auch mich nicht entschuldigen."

Merkel hatte am 8. Dezember ihre Amtsgeschäfte an den Olaf Scholz (63, SPD) übergeben und war danach weitgehend abgetaucht. Fast genau ein halbes Jahr später kehrte sie nun auf öffentliche Bühnen zurück.

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Angela Merkel Angela Merkel steht zu ihren Entscheidungen in Sachen Nord Stream 2!

In der vergangenen Woche hielt sie beim Abschied des langjährigen DGB-Chefs Reiner Hoffmann (67) vor mehr als 200 Gästen die Laudatio. Am Dienstagabend wurde sie im Berliner Ensemble, dem Brecht-Theater am Bahnhof Friedrichstraße, vom Journalisten Alexander Osang (60) fast 100 Minuten befragt.

Wie es ihr als Bürgerin Angela Merkel jetzt geht? "Heute geht es mir persönlich sehr gut", sagt die 67-Jährige, die die letzten Monate mit Spaziergängen an der Ostsee, mit dem Lesen und Hören von Büchern und mit Urlaub in Italien verbracht hat.

Angela Merkel steht zu ihrem Russland-Kurs

Während Frank-Walter Steinmeier (66, SPD, r.) Fehler eingeräumt hat, steht Angela Merkel (67, CDU) zu ihrem Russland-Kurs.
Während Frank-Walter Steinmeier (66, SPD, r.) Fehler eingeräumt hat, steht Angela Merkel (67, CDU) zu ihrem Russland-Kurs.  © Jens Schlueter / AFP

Hört sich gut an, wäre da nicht das, was Merkel "Zäsur" und andere "Zeitenwende" nennen.

"Ich bleibe natürlich auch ein politischer Mensch und deshalb bin ich in diesen Tagen so wie viele, viele andere auch manchmal bedrückt."

Gemeint ist der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, den der russische Präsident Putin angezettelt hat. Die deutsche Russland-Politik der letzten zwei Jahrzehnte, die Merkel maßgeblich bestimmt hat, liegt in Scherben.

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Anders als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (66, SPD), der Anfang April öffentlich Fehler eingeräumt hat, steht Merkel aber zu ihrem Kurs.

Inwieweit hat sie dazu beigetragen, eine Eskalation mit Russland zu verhindern? "Ich habe es glücklicherweise ausreichend versucht. Es ist eine große Trauer, dass es nicht gelungen ist", sagt sie.

Der Annexion der ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim durch Russland hätte man 2014 zwar härter begegnen können. Man könne aber auch nicht sagen, dass damals nichts gemacht worden sei.

Sie verwies auf den Ausschluss Russlands aus der Gruppe führender Industrienationen (G8) und den Beschluss der Nato, dass jedes Land zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgeben soll. Sie sei nicht "blauäugig" im Umgang mit Russland gewesen.

Kein Telefonat mit Wladimir Putin

Mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin (69, r.) hat Angela Merkel (67, CDU) derzeit "wenig zu besprechen".
Mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin (69, r.) hat Angela Merkel (67, CDU) derzeit "wenig zu besprechen".  © Alexander Zemlianichenko / POOL / AFP

Merkel beklagt, dass es nach dem Mauerfall nicht gelungen sei eine Sicherheitsarchitektur zu schaffen, die die jetzige Eskalation habe verhindern können. "Es ist nicht gelungen in all diesen Jahren, den Kalten Krieg wirklich zu beenden."

Als Vermittlerin im Ukraine-Krieg sieht sich die frühere Kanzlerin nicht. Auf die Frage, ob sie mit Putin telefonieren würde, sagt sie: "Ich habe nicht den Eindruck, dass das im Augenblick etwas nützt." Es gebe "aus meiner Sicht wenig zu besprechen".

Trotz des Kriegs und der Differenzen kann Merkel aber auch noch über frühere Begegnungen mit Putin scherzen. Zum Beispiel über das denkwürdige Treffen im Schwarzmeer-Badeort Sotschi 2007, als Putin die Kanzlerin mit seiner schwarzen Labrador-Hündin sichtlich verschreckte.

"Eine tapfere Bundeskanzlerin muss mit so einem Hund fertig werden", sagt Merkel heute.

"Volles Vertrauen" in die neue Regierung um Olaf Scholz

Angela Merkel (67, CDU, l.) unterstützt die neue Bundesregierung.
Angela Merkel (67, CDU, l.) unterstützt die neue Bundesregierung.  © JOHN MACDOUGALL / AFP

Über ihren Nachfolger verliert Merkel kein schlechtes Wort - zumindest nicht direkt.

Sie habe "volles Vertrauen" in die neue Bundesregierung und Olaf Scholz, sagt sie. Es seien Menschen am Werk, die keine "Newcomer" seien und die Gegebenheiten kennen würden.

Und für den Fall, dass es mal nicht so laufe, habe sie noch ihre Hebel. "Wenn jetzt etwas passieren würde (...), wo ich sage, das geht in die vollkommen falsche Richtung, dann kann ich sehr viele anrufen. Das musste ich aber noch nicht."

Was der Kanzlerin aber gegen den Strich geht: Dass ihr nun angelastet wird, dass die Bundeswehr so heruntergewirtschaftet ist.

Der Wehretat sei seit 2014 gestiegen, sagt sie. Und der SPD lastet sie an, dass die lange keine bewaffneten Drohnen anschaffen wollte.

Angela Merkel (67, CDU, r.) hat "volles Vertrauen" in ihren Nachfolger Olaf Scholz (63, SPD)
Angela Merkel (67, CDU, r.) hat "volles Vertrauen" in ihren Nachfolger Olaf Scholz (63, SPD)  © Jens Schlueter / AFP

Angela Merkel gibt private Einblicke und spricht über Zitteranfälle

Keine "ganz normale Bürgerin": Angela Merkel (67, CDU, l.) äußerte sich im Interview mit Alexander Osang (60) auch zu persönlichen Themen.
Keine "ganz normale Bürgerin": Angela Merkel (67, CDU, l.) äußerte sich im Interview mit Alexander Osang (60) auch zu persönlichen Themen.  © JOHN MACDOUGALL / AFP

In dem Interview spricht Merkel auch über sehr persönliche Dinge. Die öffentlichen Zitteranfälle zum Beispiel, die in der Endphase ihrer Amtszeit für sehr große Besorgnis gesorgt hatten.

Das habe zwei Gründe gehabt: Nach dem Tod ihrer Mutter sei sie sehr erschöpft gewesen. Außerdem habe sie zu wenig getrunken. Nicht zuletzt habe sie dann bei militärischen Ehren Angst gehabt, dass das Zittern wieder auftrete.

Deswegen habe sie sich dann bei den Zeremonien einen Stuhl auf das Podest stellen lassen, um die Nationalhymnen im Sitzen abzunehmen.

Richtig mitmischen in der Politik will Merkel nicht mehr. "Das ist nicht meine Aufgabe, jetzt Kommentare von der Seitenlinie zu geben", sagt sie. Sie sei "Bundeskanzlerin a.D." und eben keine "ganz normale Bürgerin".

16 Jahre lang sei alles, was irgendwie von Relevanz gewesen sei, an ihrem Tisch vorbeigekommen. Nun wolle sie sich erst einmal erholen und Abstand gewinnen.

Sie bekomme viele Einladungen, wolle aber nicht nur Termine abarbeiten. Wenn sie lese, sie mache nur noch "Wohlfühltermine", dann sage sie: "Ja."

Titelfoto: JOHN MACDOUGALL / AFP

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