Merkel-Reise nach Großbritannien: Staatsbesuch im Delta-Hotspot

London (Großbritannien) - Während Deutschland sich über Inzidenzen im niedrigen einstelligen Bereich freut, nutzte Kanzlerin Angela Merkel (66, CDU) den heutigen Freitag, um dem Delta-Virusvarianten-Gebiet Großbritannien einen Besuch abzustatten. Auf dessen Landsitz Chequers sprach sie mit Premier Boris Johnson (57) unter anderem über die Eindämmung der Pandemie, den Brexit und einen neuen Kooperationsvertrag beider Länder.

Ellenbogen an Ellenbogen grinsen Boris Johnson (57) und Angela Merkel (66, CDU) in die Kameras.
Ellenbogen an Ellenbogen grinsen Boris Johnson (57) und Angela Merkel (66, CDU) in die Kameras.  © dpa/PA Wire/Stefan Rousseau

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Großbritannien sollen nach dem Brexit eine neue Grundlage bekommen. Am Freitag gaben die Kanzlerin und Premier Johnson bekannt, dass man einen Kooperationsvertrag bzw. Freundschaftsvertrag schließen wolle - zudem einigte man sich auf regelmäßige Regierungskonsultationen. Die sollen einmal im Jahr stattfinden und fester Bestandteil des "neues Kapitels" werden, das laut Merkel nun aufgeschlagen werde.

Auch Johnson zeigte sich überzeugt davon, dass es künftig ein engeres Bündnis beider Länder geben könne.

"Mit gutem Willen und Geduld können wir das klären", sagte er auch mit Blick auf den aktuellen EU-Großbritannien-Konflikt um Sonderregeln für Nordirland.

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Im Brexit-Abkommen ist vorgesehen, dass das Land de facto in Binnenmarkt und Zollunion der EU bleibt, um so Kontrollen zwischen dem irischen Nicht-EU-Norden und dem irischen EU-Süden zu vermeiden. Allerdings führten diese Regelungen dazu, dass nun innerbritisch kontrolliert werden muss - ein Hemmnis für den inländischen Handel, an dem sich London und Brüssel wechselseitig die Schuld geben.

"Das soll jedoch einer engeren bilateralen Beziehung zwischen dem Vereinigten Königreich und Deutschland nicht im Wege stehen", so Johnson.

Merkel zuversichtlich, das Großbritannien bald kein Virusvarianten-Gebiet mehr ist

Die Kanzlerin vor einer vertäfelten Wand in Chequers, einem Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert im Nord-Westen von London.
Die Kanzlerin vor einer vertäfelten Wand in Chequers, einem Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert im Nord-Westen von London.  © dpa/PA Wire/Stefan Rousseau

Abseits der Brexit-Problematik sicherte die Kanzlerin Großbritannien baldige Lockerungen der strikten Einreisebeschränkungen zu, die aktuell wegen der auf der Insel grassierenden Delta-Variante gelten. Sie gehe davon aus, dass man das Land "in wirklich absehbarer Zeit" von einem Virusvarianten-Gebiet zu einem Hochinzidenzgebiet herunterstufen könne, so Merkel.

Kritisch äußerte sie sich allerdings über die 60.000 zugelassenen Zuschauer bei den anstehenden Finalspielen der EM. "Die britische Regierung wird ihre Entscheidungen treffen. Aber ich bin sorgenvoll und skeptisch, ob das gut ist und nicht ein bisschen viel."

Bezüglich der EM konnte sich Johnson übrigens eine kleine Spitze nicht verkneifen: "Manche Dinge haben sich während deiner Amtszeit bis zur Unkenntlichkeit verändert, aber die längste Zeit war es Tradition, Angela, dass England bei internationalen Fußballturnieren gegen Deutschland verliert", sagte er.

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Und weiter: "Ich bin dir natürlich dankbar, dass du mit dieser Tradition gebrochen hast, zumindest einmal."

Empfang bei der Queen

Gute Laune hatte die Kanzlerin auch am Nachmittag beim Treffen mit Queen Elisabeth II. (95) auf Schloss Windsor.
Gute Laune hatte die Kanzlerin auch am Nachmittag beim Treffen mit Queen Elisabeth II. (95) auf Schloss Windsor.  © dpa/AP/Pool PA/Steve Parsons

Queen Elizabeth II. (95) begrüßte Angela Merkel am Nachmittag zur Privataudienz.

Für die Kanzlerin nicht der erste Empfang bei der Monarchin - sie war bereits 2008 und 2014 eingeladen. 2015 kam die Königin dann nach Berlin.

Der heutige Besuch war für Merkel aber wohl der letzte als Kanzlerin auf Schloss Windsor, denn sie tritt zur Wahl im September nicht mehr an.

Für die Queen ist indes auch nach 69 Jahren auf dem Thron noch kein Ende in Sicht: Sie versprach, ihrem Land bis zum Ende ihres Lebens dienen zu wollen.

Kommentar: Kein gutes Vorbild

Von Paul Hoffmann

Dresden - Misst die Politik mit zweierlei Maß? Auf diese Idee könnte man am Beispiel der Großbritannien-Reise von Angela Merkel kommen.

TAG24-Politikredakteur Paul Hoffmann.
TAG24-Politikredakteur Paul Hoffmann.  © TAG24

Während der Gesundheitsminister, das RKI und Karl Lauterbach überall wo es nur geht vor einem Aufenthalt in Virusvarianten-Gebieten warnen und heftig über neue Regeln für Reiserückkehrer debattiert wird, war die Kanzlerin bereits zum zweiten Mal binnen eines Monats auf der Insel zu Gast.

Ja, Angela Merkel ist geimpft und ein Großteil ihres Gefolges wird das auch sein - doch darum geht es in diesem Fall nicht.

Eine Regierungs-Chefin muss ein Vorbild für ihre Bevölkerung sein. Wie sollen Menschen von der Wichtigkeit der Reiseregelungen überzeugt sein, wenn sie für die Kanzlerin nicht gelten?

Hier hätte man sich von einer Kanzlerin, die in den vergangenen Monaten so oft Disziplin eingefordert hat, selbige gewünscht.

Eine Videoschalte hätte es doch auch getan - oder waren die schönen Bilder mit Premier Johnson und der Queen wichtiger?

Titelfoto: dpa/PA Wire/Stefan Rousseau

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