"Cancel Culture": Boris Palmer ruft zum Kampf gegen die "Löschkultur" auf!

Tübingen - Das Gegenüber mundtot machen, es aus der Diskussion streichen, also "canceln": Damit haben seit Jahren vor allem Personen des öffentlichen Lebens in den USA zu kämpfen. Nun hat die "Cancel Culture" auch Deutschland erreicht. Boris Palmer (48, Grüne) zeigt sich besorgt.

Haben beide Erfahrungen mit der "Cancel Culture" gemacht: Dieter Nuhr und Lisa Eckhart.
Haben beide Erfahrungen mit der "Cancel Culture" gemacht: Dieter Nuhr und Lisa Eckhart.  © Montage: Henning Kaiser/dpa, Hans Punz/APA/dpa

Die "Cancel Culture" ist aus den Vereinigten Staaten über den großen Teich geschwappt. Zuletzt sahen sich die Kabarettisten Dieter Nuhr (59) und Lisa Eckhart (27) dem organisierten Twitter-Mob ausgesetzt, der vor allem eines will: Dem Ziel der Attacke den Stecker ziehen.

Nuhr war in Ungnade gefallen, weil etwa Fans der "Fridays for Future"-Bewegung seine Witze über Greta Thunberg (17) missfielen. Als er dann ein Video-Statement für eine Kampagne der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) abgab, ging der Shitstorm los. 

Am Ende knickte die DFG vor dem wütenden Mob auf Twitter ein, löschte das Video von der eigenen Homepage. Der 59-Jährige sah anschließend "im Zuge der Cancel Culture auch die Freiheit des Denkens und der Forschung im Allgemeinen in Gefahr".

Der Österreicherin Lisa Eckhart war indes im Netz Rassismus und Antisemitismus vorgeworfen worden, bevor sie beim "Harbour Front Literaturfestival" auftreten sollte. Der organisierte Boykott hatte Erfolg. Die 27-Jährige wurde ausgeladen. Eine erneute Einladung lehnte Eckhart später ab.

Wenn einer weiß, wie es ist, wenn man mundtot gemacht werden soll, dann ist das Boris Palmer. Der OB von Tübingen widmete sich am Donnerstag der "Löschkultur", wie er sie nennt.

Palmer: "Jetzt kann die Löschkultur noch bekämpft werden"

Tübingens Stadtoberhaupt Boris Palmer.
Tübingens Stadtoberhaupt Boris Palmer.  © Fabian Sommer/dpa

Auf Facebook erinnerte er an jüngste Versuche, ihn nach einer umstrittenen Corona-Aussage bei den Grünen rauszuwerfen. Für Palmer ein "Löschversuch". Auffällig damals: Vor allem Grüne aus der Gründergeneration stellten sich hinter den 48-Jährigen.

"Warum wollen vor allem junge Grüne mich am liebsten löschen, während die Gründer mich verteidigen?", fragt der Rathauschef. Die Antwort folgt: "Das liegt daran, dass die orthodoxe Identitätspolitik sich aus Amerika kommend vor allem bei der jungen Generation ausbreitet."

Palmer selbst habe dieser Identitätspolitik jahrelang widersprochen. "Ich bin eben nicht der Meinung, dass Diskriminierung abgebaut wird, wenn schwarze Drogendealer als Opfer unseres Rassismus betrachtet werden statt als Kriminelle bestraft", stellt er klar.

Auch sei eine Unterscheidung in Asylberechtigte und illegal eingereiste kein Rassismus, sondern Bestandteil des Grundgesetzes. "Und ich sehe auch keinen Grund, als alter weißer Mann von Debatten ausgeschlossen zu werden, nur weil ich angeblich nicht in der Lage bin, zu verstehen, was People of Color bewegt."

Der 48-Jährige ist sich sicher: "Diese Meinungsäußerungen sind der Grund für den Wunsch, mich zum Schweigen zu bringen."

Palmer hoffe, der Einsatz für Demokratie und Meinungsfreiheit werde von seiner Partei und den sie tragenden Milieus wieder über die Orthodoxie gestellt. 

Bisher habe sich die Mehrheit dem repressiven Meinungsklima gebeugt oder die Gefahr als untergeordnet betrachtet: "Diese Zeit ist vorbei. Jetzt kann die Löschkultur noch bekämpft werden. Wenn das die Existenz und den Job kosten kann, ist es zu spät."

Titelfoto: Fabian Sommer/dpa

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