Wie wird der Corona-Winter? Boris Palmer blickt nach vorne

Tübingen - Die Coronapandemie wütet in Deutschland weiter, seit dem 2. November herrscht ein Teil-Lockdown. Wie geht's weiter? Tübingens OB Boris Palmer (48, Grüne) macht sich darüber Gedanken.

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (48).
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (48).  © Silas Stein/dpa

Auf Facebook meldete er sich am Sonntagmittag zu Wort.

Die Begründung für den Lockdown lautete, so Palmer, dass das "exponentielle Wachstum der Infektionszahlen (...) in wenigen Wochen einen Gesundheitsnotstand durch Überlastung der Intensivstationen befürchten" lasse.

Dieser Notstand sei vorerst abgewendet. "Das exponentielle Wachstum ist ungefähr am 2.11. in eine Seitwärtsbewegung umgeschlagen. Der R-Wert, den das RKI ausweist, pendelt seither um 1", schreibt der 48-Jährige. 

Für die nächsten 14 Tage lasse sich damit auch die Auslastung der Intensivstationen gut vorhersagen. 

Und weiter: "Vom Symptombeginn bis zur Intensivstation vergehen im Schnitt zehn Tage. Seit Anfang November liegt die Zahl der gemeldeten Neuerkrankungen (...) stabil unter 10.000 pro Tag." Daher sei jetzt nicht mehr mit einem Anstieg der täglichen Neueinweisungen auf die Intensivstationen zu rechnen. 

Die Gesamtzahl der Patienten auf den Intensivstationen werde aber noch etwa eine Woche anwachsen, "weil die Aufenthaltsdauer auf Intensiv bei weiteren acht Tagen liegt und jetzt die Patienten entlassen werden (oder sterben) die vor 10 + 7 = 17 Tagen in die Intensivstation eingeliefert wurden". 

Das seien damals etwa 150 pro Tag gewesen, derzeit rund 300 täglich. "Aus diesen Überlegungen ergibt sich, dass die Zahl der gleichzeitigen Intensivpatienten noch um etwa 7 x (300-150) = 1050 auf dann maximal 4500 ansteigen wird", erklärt Palmer. "Damit bleibt immer noch die Hälfte der Kapazität frei. Wenn die täglichen Infektionszahlen auf dem heutigen Niveau bleiben und insbesondere die Zahl der Infektionen bei Älteren nicht weiter ansteigt, kann das Gesundheitssystem diese Last auch über längere Zeit tragen."

Palmer bezweifelt, dass die Infektionszahlen sinken

Sinkt die Zahl der Corona-Neuinfektionen in nächster Zeit stark? Palmer bezweifelt das. (Illustration)
Sinkt die Zahl der Corona-Neuinfektionen in nächster Zeit stark? Palmer bezweifelt das. (Illustration)  © Cdc/ZUMA Wire/dpa

Dann kommt Deutschlands wohl bekanntestes Stadtoberhaupt auf den Lockdown zu sprechen - und was der gebracht hat. 

Die Wirkung der Maßnahmen zeige sich erst in den kommenden Tagen wirklich. "Dass der exponentielle Anstieg schon am 2.11 fast gestoppt wurde, muss andere Ursachen gehabt haben."

Wahrscheinlich hätten die Restriktionen bei privaten Feiern und die wachsende Achtsamkeit wegen der stark ansteigenden Zahlen das bereits bewirkt. Für die kommenden zwei Wochen gebe es in den Augen des Grünen darum drei Möglichkeiten:

  • "Die Zahlen sinken jetzt. Dann hätte der partielle Lockdown das geleistet."
  • "Die Zahlen bleiben weiter stabil. Dann hätte der partielle Lockdown keinen relevanten Effekt gehabt."
  • Die Zahlen steigen weiter an. Dann wäre der Effekt des partiellen Lockdown schwer zu messen, jedenfalls zu gering."

Dass die Infektionszahlen stark sinken, halte der 48-Jährige für sehr unwahrscheinlich: "Gehen wir also davon aus, dass sie bis Ende November bei etwa 20.000 Infektionen am Tag bleiben. Dann wüssten wir, dass die Intensivstationen bis Weihnachten nicht überlastet werden, denn die Infektionszahlen laufen den Intensivbettenzahlen um fast drei Wochen voraus."

In dem Fall gäbe es für die gebeutelte Gastro- und Kulturszene gute Nachrichten: "Das würde aus meiner Sicht nahelegen, dass der partielle Lockdown zu Gunsten der Innenstädte bis Weihnachten gelockert werden kann. Kunst, Kultur und Gastronomie oder Weihnachtsmärkte könnten vor Ort nach dem Infektionsrisiko beurteilt und erlaubt werden, wenn die Hygienekonzepte gut genug sind."

Palmer will Corona-Warn-App nachrüsten lassen

Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (72) hat sich für einen Ausbau der Warn-App ausgesprochen. (Bildmontage)
Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (72) hat sich für einen Ausbau der Warn-App ausgesprochen. (Bildmontage)  © Montage: Oliver Berg/dpa, Hendrik Schmidt/dpa

Für Fitnessbegeisterte aber blieben die Türen der Studios zu, "denn da hat sich leider erwiesen, dass die Hygienekonzepte nicht gut genug sein können, um Superspreading zu verhindern."

Die Infektionszahlen könnten dann in der Weihnachtszeit erneut gesenkt werden: "Da könnte man die Schul- und Kitaferien nutzen, um einen deutlich wirksameren Lockdown zu machen. Skiurlaub fällt meiner Meinung nach eh aus. Also sollten wir da mal zwei Wochen zu Hause bleiben und nur mit der Familie feiern. Das müsste ausreichen, um uns bis in den Februar zu bringen."

Die Idee hätte allerdings einen Haken: "So vorzugehen würde voraussetzen, dass wir uns von dem Ziel verabschieden, die 7-Tage-Inzidenz unter 50 zu drücken und stattdessen die Auslastung der Intensivstationen zum Maßstab zu machen."

Für Palmer der richtige Weg, "denn die Kontaktverfolgung mit Telefon, Fax und Bleistift in unseren Ämtern ist ohnehin weitgehend wirkungslos".

Der 48-Jährige spricht sich erneut für einen stärkeren Einsatz der Corona-Warn-App aus - und für eine Nachrüstung der digitalen Nachverfolgung. Eine Erweiterung der App hatte auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (72, Grüne) gefordert und sich dafür Kritik des Datenschützers Stefan Brink (54) eingehandelt.

Titelfoto: Montage: CDC/Zuma Wire/dpa, Silas Stein/dpa

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