"Wir retten Menschen, die in halbem Jahr sowieso tot wären": Palmer rechtfertigt heftige Aussage

Tübingen - Der Oberbürgermeister von Tübingen ist bekannt für seine teilweise drastischen Aussagen. Nun rechtfertigt er sich für seine heftige Aussage. 

Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen.
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen.  © DPA / Sebastian Gollnow

Boris Palmer hat im Sat.1-Frühstücksfernsehen Lockerungen der Corona-Auflagen gefordert und dabei drastische Worte gewählt: 

"Ich sag es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären", sagte er. Dabei wies er daraufhin, dass es seiner Ansicht nach unterschiedliche Sicherheitsvorkehrungen für Junge und Ältere geben müsse.

In einem Facebook-Post erklärt er nun seine Sicht auf die Dinge und schreibt: 

"Es war ein Satz, der den Eindruck erwecken konnte, ich würde das Leben von älteren Menschen für weniger wertvoll oder gar wertlos erachten. Wenn das zuträfe, hätte ich die elementaren Grundsätze unserer Gesellschaft missachtet und könnte nicht länger Oberbürgermeister sein. Es war aber niemals mein Ansinnen, über die Wertigkeit von Leben zu urteilen."

Er erwarte, dass jeder kranke Mensch die bestmögliche Versorgung erhalte - und er sehe es als gesellschaftliche Aufgabe, Menschen vor einer Infektion mit Corona zu schützen, die wegen ihres Alters oder einer Vorerkrankung einen schweren Verlauf befürchten zu haben. 

Doch er sieht auch eine große Gefahr für das Land und seine Wirtschaft: "Allerdings stelle ich den Weg zur Diskussion, mit dem wir diesen Schutz derzeit gewährleisten. In den ersten unübersichtlichen Wochen war die Schließung von Kitas, Schulen, von Betrieben und dem öffentlichen Leben unabdingbar und richtig. Inzwischen haben wir vieles in unserer Gesellschaft angepasst und können besser mit den Gefahren durch Corona umgehen. Trotzdem sind in Deutschland so viele Menschen wie nie zuvor in Kurzarbeit, die Zahl der Arbeitslosen steigt stetig an und viele Unternehmen bangen um ihre Existenz. Uns steht eine Weltwirtschaftskrise bevor, deren Ausmaß alles übersteigen wird, was wir bisher kannten. Das könnte schon bald mehr Opfer kosten als Corona selbst."


Palmer sehe ein Dilemma: "Ich sehe uns in der Pflicht, Wege zu suchen, die diese ungewollten Nebenwirkungen unserer Schutzstrategie verringern. Das könnte uns gelingen, wenn wir die Menschen, die ein hohes Risiko tragen, durch Corona schwer zu erkranken, ganz besonders schützen, den anderen aber mehr Spielraum für wirtschaftliche Tätigkeit geben."

Auch sehe er, dass die medizinische Versorgung durch weniger Arztbesuche und Operationen sich allgemein verschlechtert habe.

Palmer erklärt auch, warum er eine so drastische Formulierung gewählt hatte: "Der Hintergrund war ein Vergleich der Wirkung des Shutdowns mit der eines Medikamentes gegen Corona. Die Wirksamkeit eines Medikaments misst man unter anderem, indem man den Nutzen in das Verhältnis zu den Nebenwirkungen setzt. Nahezu jedes Krebsmedikament wird danach beurteilt, wie viele Wochen oder Monate es das Leben der Patienten verlängert. Auch zur Beurteilung des Nutzens des Shutdowns wird es unumgänglich sein, diese Berechnungen anzustellen – und die Wissenschaft hat damit längst begonnen. Wir müssen wissen, ob wir mit den derzeitigen Maßnahmen mehr Leben retten als wir opfern, damit wir niemanden aus Achtlosigkeit verlieren."

Palmer müsse nun mit der Wut und dem Unverständnis der Menschen umgehen und er lenkt ein. "Ich hätte diesen Satz so nicht sagen dürfen, da er viele Menschen verletzt oder verängstigt hat. Das darf gerade in einer so kritischen Zeit wie der unseren nicht passieren. Für diese ungewollten Wirkungen will ich mich ausdrücklich entschuldigen."

Titelfoto: DPA / Sebastian Gollnow

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